Politik

Flutkatastrophe bei Lanz "Wir sind nicht gewarnt worden"

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Haus, Habe, Auto - manche Menschen haben in den Fluten fast alles verloren.

(Foto: imago images/Hannes P. Albert)

Flutkatastrophen gab es in Deutschland in den letzten Jahren immer wieder. Doch was die Menschen vor allem in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz seit einer knappen Woche erdulden müssen, war bisher unvorstellbar. Markus Lanz lässt in seiner Spezialsendung Betroffene zu Wort kommen, und Menschen, die sagen, was besser laufen muss.

Es sind Bilder des Schreckens. Wasserwände ergießen sich in Städte, reißen alles mit, was ihnen in die Quere kommt. Im Moment gehen die Behörden davon aus, dass 170 Menschen die Katastrophe nicht überlebt haben. Viele der Überlebenden haben alles verloren: Möbel, Wertgegenstände, Häuser, ihre Existenz. Wie Tina Rass aus Rösrath bei Köln, die ganz am Ende der Spezialsendung von Markus Lanz am Dienstagabend im ZDF zugeschaltet wird. Während sie ihre Erlebnisse schildert, bricht ihre Stimme. Sie beginnt zu weinen.

Sie hat mit ihrer Familie Zuflucht in einem Ferienhaus gefunden. Die Wassermassen kamen plötzlich. "Wir sind nicht gewarnt worden", sagt sie. Die Feuerwehr sei zunächst nicht erreichbar gewesen. Ein Mitarbeiter habe ihr dann geraten, sich im obersten Stockwerk ihres Hauses in Sicherheit zu bringen. "Der Keller war innerhalb von zwanzig Minuten voll", erzählt sie. "Nach einer Stunde stand das Wasser im ersten Stock einen Meter hoch." Als sie aus dem Fenster schaut, sieht sie: Das Auto ist weg. Fortgerissen von den Wassermassen. Sie und ihre Familie stehen vor dem Nichts, sie müssen wieder ganz von vorne anfangen. Ihr Haus ist unbewohnbar, es muss bis zum Rohbau zurückgebaut werden.

"Das hätte ich so nicht erwartet"

So wie der Frau aus Rösrath geht es vielen Menschen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, die seit dem 15. Juli von dem schwersten Hochwasser heimgesucht wurden, das seit 1962 in Deutschland gemessen wurde. Dabei gab es Tage vorher schon ernst zu nehmende Hinweise. Neun Tage vor Beginn des Desasters erkannten Satelliten erste Zeichen der drohenden Katastrophe, 24 Stunden vorher seien die betroffenen Gebiete präzise benannt worden, sagt zum Beispiel die Mitentwicklerin des Europäischen Hochwasser-Warnsystems EFAS, die Britin Hannah Cloke. Und in den Medien: Nichts, beklagt "Welt"-Journalist Axel Bojanowski bei Lanz. Vor der Krise habe man von "Unwetterartigen Regenfällen" gesprochen. ARD-Meteorologe Sven Plöger meint selbstkritisch: "Man hätte noch mehr Gas geben können." Dann fügt er hinzu: "Bei dieser Dramatik - da sagt man dann nur noch: Wow. Das hätte ich so nicht erwartet."

"Wir wussten Bescheid", sagt dagegen der Politiker Wolfram Leibe. Er ist Oberbürgermeister von Trier, wo keine Todesopfer zu beklagen sind. Man hätte dort sehr schnell herausgefunden, dass das Problem bei einem Flüsschen liegen werde: der Kyll. Das sonst sanft dahinfließende Gewässer verwandelte sich innerhalb kürzester Zeit zum reißenden Strom, setzte Straßen unter Wasser. Der Pegelstand der Kyll kletterte von 80 Zentimetern auf über acht Meter. "Das Wasser kam wirklich von allen Seiten", erzählt Leibe. Selbst Rettungsboote hatten keine Chance gegen die Megaflut. "Diese Gewalt war erschreckend."

"Rekorde werden eher noch zunehmen"

Warum dieses Hochwasser so verheerend war, ist für den Journalisten Bojanowski klar: Die Probleme sind vielfach von Menschen gemacht, sagt er. Zu oft sei in die Natur eingegriffen worden - mit Flussbegradigungen, Flussbettverengungen oder Bodenversiegelung, bei denen natürliche Flächen zum Beispiel asphaltiert werden. Gleichzeitig kritisiert er, dass unsere Frühwarnsysteme für die heutige Zeit nicht ausreichen. "Die Rekorde werden eher noch zunehmen", prophezeit er.

Hier stimmt auch Meteorologe Plöger zu. "In Zukunft werden die Gefahren für Leib und Leben steigen, weil wir immer neuen Katastrophen ausgesetzt sind", sagt er.

Städte neu planen

"Wir müssen eine Zukunftsaufgabe lösen, die nicht in die Zukunft verschoben werden darf", sagt der Trierer Oberbürgermeister Leibe. Damit meint er den Kampf gegen die Klimaveränderung, aber nicht nur. Lamia Messari-Becker ist Bauingenieurin und Expertin für Stadtentwicklung. Sie meint: "Wir müssen nicht das Klima anpassen, wir müssen uns an das Klima anpassen." Sie will zum Beispiel prüfen, ob ein Wiederaufbau in den nun vom Hochwasser zerstörten Gebieten grundsätzlich richtig ist. Dazu gehört die Frage, ob Hanglagen bebaut werden können genauso wie die Nutzung neuer Naturböden, in denen Wasser versickern kann. Häuser sollten durch verstärkte Wände hochwassersicher gemacht und Keller mit digitalen Warnsystemen ausgestattet werden, die vor eindringendem Wasser warnen.

Für dringend notwendig hält Messari-Becker die Prüfung und Wartung von Brücken. Die seien oft für ein Verkehrsaufkommen gebaut worden, das sich in der Zwischenzeit deutlich erhöht habe. "Es geht hier um die Heimat von Menschen", sagt sie. Und um sie zu erhalten, müsse man schnell feststellen, welche Strukturen erhalten und welche verbessert werden könnten.

Bessere Warnsysteme

Das alles hätte Tina Rass aus Rösrath bei Köln vielleicht geholfen. Aber das Entscheidende für sie: "Wir sind nicht gewarnt worden." Das störte auch Mathias Berger. Der Oberbürgermeister der sächsischen Stadt Grimma musste zusehen, wie seine Stadt 2002 und 2013 von Hochwasser heimgesucht wurde. Nun werden die Bürger dort sehr gründlich vor Katastrophen gewarnt, berichtet er. Droht eine Gefahr, gibt es zunächst eine SMS aufs Handy. Dann beginnen die Sirenen zu heulen, die nach dem ersten Hochwasser angeschafft wurden. Nach zehn Sekunden werden die Bürger mittels Durchsage informiert, wie sie sich verhalten sollen.

Für die Menschen, die durch die Flut ihr Hab und Gut verloren haben, hat der Politiker aus Grimma dann noch einen Rat: "Vertrauen Sie der Politik. Man wird Ihnen helfen", sagt er - und fügt hinzu: "Auch wenn es etwas dauert - behalten Sie den Mut."

Quelle: ntv.de

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