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Verschwörungsquark vom Kardinal Großer Gott, wird im Vatikan geschwurbelt

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Spricht, wie man es von einem Verschwörungsgläubigen erwarten würde: Gerhard Ludwig Kardinal Müller

(Foto: picture alliance/dpa/Revierfoto)

Kirchen-Bashing ist oft pauschal und überzogen. Aber den Unsinn, den Kardinal Müller von sich gegeben hat, kann man nur geißeln. Das Geraune über den "Great Reset" ist inhuman. Traurig ist auch die Einsilbigkeit der Bischofskonferenz.

Normalerweise müssten die zwei von Austritten schwer gebeutelten, großen christlichen Kirchen in Deutschland von unsicheren Zeiten wie diesen profitieren und ihre Gemeinden wieder vergrößern. Sie hätten die spirituellen Mittel, Trost zu spenden und Halt zu geben in einer Welt, in der heute nicht mehr zählt, was gestern oder vorgestern noch - im materiellen und immateriellen Sinn - Wert hatte. Hier und da schaffen es die Kirchen, den schönen Gedanken der Nächstenliebe zu leben und den Zusammenhalt zu stärken. Das ist vor allem dem eifrigen Einsatz einfacher Gemeindemitglieder zu verdanken.

Kirche tut nach wie vor auch Gutes. Das Bashing gegen sie ist hierzulande oft überzogen, pauschal und unfair, auch in Bezug auf die katholische Kirche. Nicht jeder (männliche) Katholik ist ein Engel, aber garantiert auch kein Kinderschänder. Der unsägliche Umgang mit den Missbrauchsvorwürfen, das ewige Schweigen in den Reihen hauptberuflicher Geistlicher, liegt weitgehend in der Verantwortung der Kirchenführung bis hinauf zum Vatikan. Das von der Kurie verteidigte, erzkonservative und anachronistische Frauenbild inklusive der Verteufelung von Sexualität und Körperlichkeit zeugt von zutiefst patriarchalem Denken. Pfui Deiwel!

Doch diese Lust an einem Leben im Gestern ist allein Sache der Kirche. Mit dem damit verbundenen Verlust an Ansehen, Attraktivität und Einfluss muss sie allein klarkommen. Die katholische Kirche hatte 2000 Jahre Zeit, sich zu reformieren. Niemand erwartet mehr von ihr Bewegung. Wenn allerdings ein Kardinal öffentlich seine Inkarnation als Verschwörungsmystiker zelebriert, Unfug über den angeblichen "Great Reset" erzählt und obendrein antisemitische Klischees bedient, geht es die Gesellschaft insgesamt an - erst recht jetzt, wo überall in Europa Fanatiker Hass säen und Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung predigen.

So viel irdischer Stuss

Der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller, auch noch Richter am Vatikan, redete in einem Video über "ein gewisses Chaos, ein Durcheinander, einerseits geboren aus mangelnder Kenntnis und Unwissenheit über die Wirksamkeit und Gefährlichkeit des Virus, andererseits auch geboren aus dem Willen, die Gelegenheit zu nutzen, die Menschen jetzt gleichzuschalten, einer totalen Kontrolle zu unterziehen, einen Überwachungsstaat zu etablieren, wie ja die Vertreter von Big Set, Reset, jetzt selber gesagt haben: Klaus Schwab, Corona ist eine Chance."

Weiter sagte der Geistliche: "Und dann gibt es Leute, die (auf dem) Thron ihres Reichtums sitzen und von all diesen Schwierigkeiten nicht berührt werden, die dann groß verkünden, das ist eine Chance, ihre Agenda durchzusetzen", einen Plan, der auf "Hochstapelei beruht", nämlich der Annahme, "wir könnten jetzt mit Hilfe der modernen Technik oder des Kommunikationswesens eine neue Schöpfung hervorbringen, einen neuen Menschen erschaffen". Der Kardinal "möchte halt nicht geschaffen und erlöst werden nach dem Bild und Gleichnis von Klaus Schwab oder Bill Gates oder (George) Soros und all diesen Leuten, die nach Glasgow mit Privatjets sausen und dann der Masse, wie sie sich ja ausdrücken, nun die großen Sparmaßnahmen und Einschränkungen auferlegen. Das hat eigentlich, auch politisch gesehen, mit einer Demokratie nichts mehr zu tun."

Es ist erstaunlich, dass ein Mensch, der sich in höheren Sphären wähnt, in etwas mehr als zwei Minuten so viel irdischen Stuss reden kann. Man muss es in der Ausführlichkeit zitieren, um das Ausmaß der Schwurbelei erfassen zu können. Klaus Schwab, der Gründer des Weltwirtschaftsforums, beschrieb in seinem Buch "Der große Umbruch" ("The Great Reset") Ideen zur Neugestaltung der Wirtschaft nach der Corona-Pandemie. Daraus haben Verschwörungsideologen einen angeblichen Plan zur Installierung einer "neuen Weltordnung" gemacht, in rechtsextremen Kreisen wird das "dem Judentum" untergejubelt. Soros ist Jude.

Die Bigotterie ist krass

Schwab und seine Mitarbeiter erhalten Morddrohungen, Soros wird ebenfalls weltweit angefeindet, gar von Staatsregierungen. Ein gläubiger Christ, ein Kardinal sowieso, sollte gerade Bedrohten zur Seite stehen, statt sich an der - Gott sei Dank bisher virtuellen - Jagd auf sie zu beteiligen. Das teuflische Gerede ist inhuman. Was für eine Form der Nächstenliebe sollte das sein? Ist das achte der zehn Gebote "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten" im Vatikan wieder mal außer Kraft? Ein Kardinal ist nicht irgendein Pfaffe in einem Kaff. Er kommt in der katholischen Rangordnung direkt hinter dem Papst und darf ihn mitwählen.

Dass auch ein Mitglied der Römischen Kurie, dessen Arbeitgeber seine beste Zeit hinter sich hat, Untergangsängste verspürt, ist nachvollziehbar. Krass ist jedoch die Bigotterie. Im Vatikan saßen schon immer Leute auf Thronen ihres Reichtums und haben, unberührt von den Schwierigkeiten der Bevölkerung in aller Welt, jede Chance genutzt, ihre Agenda durchzusetzen. Die Kirche hat sich mit ihren Missionen auf mehreren Kontinenten an einem tatsächlichen "Reset" beteiligt und dadurch viel Geld angehäuft. Das liegt nicht in der Verantwortung von Kardinal Müller und seiner Mitstreiter im Vatikan. Er könnte aber darüber nachdenken, bevor er Quatsch erzählt.

Zudem ist es Frevel zu erklären, dass nicht sein Gott als übermächtiges, allwissendes und alles regelndes Wesen die Welt lenkt, sondern eine Handvoll Unternehmer. Absurd ist zudem die inhaltliche Verknüpfung des Verschwörungsquarks mit der Klimakonferenz von Glasgow. Ein Kongress dieser Art ist genauso demokratisch legitimiert wie die Wahl des Papstes. Ein paar wenige Leute überlegen, verhandeln, wägen und stimmen ab. Und geht es beim Klimaschutz nicht auch um die Bewahrung der Schöpfung?

Nicht allein das Geraune des Geistlichen ist beunruhigend. Schlimm ist ebenso, dass der Vatikan schwieg und die Deutsche Bischofskonferenz nur minimal Stellung bezog. Ihr Sprecher Matthias Kopp twitterte ganze zwei Sätze: "Man wundert sich sehr über diese Theorien! Kardinal Müller spricht hier - davon gehe ich aus - als Privatperson."

Und wenn nicht? Wann ist ein Kardinal überhaupt Privatperson? Wie auch immer: Für die Bischofskonferenz ist das schon eine Menge an Distanz, denn Feigheit gehört zum Katholizismus wie das Amen in der Kirche. Wahrscheinlich wird der Kardinal alsbald von einem Missverständnis sprechen. Bis zur nächsten Rede, die er vermutlich als Erweckungserlebnis für Schlafschafe betrachtet.

Quelle: ntv.de

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