Person der Woche

Person der Woche: Herbert Schein Schwaben verblüffen mit Batteriewunder

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Weder Kalifornien noch China: Die brave schwäbische Traditionsfirma Varta mischt den Batterie-Weltmarkt sensationell auf. Nicht nur dank der Apple-AirPods feiert der fast ruinierte Batteriebauer ein überraschendes Comeback.

Monatelang war es bloß ein Gerücht: Angeblich verbaut der Technologiekonzern Apple in seinen Kopfhörern "AirPods" deutsche Batterien. In Asien lachte man darüber - die Deutschen habe man im Batteriegeschäft doch völlig erledigt. Stephan Klepp lachte nicht, er wollte es einfach wissen. Der Aktienanalyst der Commerzbank in London marschierte in einen Applestore, kaufte sich ein Paar der Kopfhörer und sägte sie kurzerhand auf. Was er entdeckte, fotografierte und verbreitete, sorgte nicht nur an den Aktienbörsen für Erstaunen. Denn im aufgesägten Ohrstöpsel steckt tatsächlich eine Lithium-Ionen-Mikrobatterie aus Deutschland. Genauer: aus dem schwäbischen Ellwangen, Marke Varta.

Varta AG
Varta AG 120,60

Seit den ersten Gerüchten um Varta und Apple steigen die Aktien des schwäbischen Traditionsunternehmern nicht nur, sie schnellen empor. Vor Jahresfrist kostete eine Varta-Aktie keine 30 Euro, heute muss man mehr als 100 Euro dafür bezahlen. Damit ist Varta im Jahr 2019 Deutschlands heißeste Technologieaktie geworden und zugleich einer der erfolgreichsten Börsengänge der letzten Dekade.

Ausgerechnet Varta. Denn das Unternehmen hatte als AFA Accumulatoren-Fabrik AG eine düstere Nazivergangenheit und schrammte noch vor wenigen Jahren gleich mehrfach am Ruin vorbei. Zerschlagen, verkauft, von der Deutschen Bank mit spitzen Fingern weitergereicht, ein klassischer Sanierungsfall der alten Industrie. Gegen die Konkurrenz aus Asien wirkten die Deutschen chancenlos. Varta kannte hierzulande zwar jedes Kind von seinen Spielzeugbatterien, jeder Autofahrer aus seinem Motorraum. Varta-Batterien waren bei den ersten Nordpolexpeditionen dabei, haben die ersten U-Boote der Welt angetrieben und waren auf dem Mond. Doch in den Neunzigern brach das Autobatteriegeschäft ein, Deutschlands Produktion war zu teuer geworden für den nächsten Innovationszyklus.

Mehr als 4 Milliarden Euro wert

Kurzum: Varta-Batterien schienen out wie deutsche Telefonzellen. Der schillernde Immobilien-Spekulant Michael Tojner aus Österreich kaufte 2007 die Mehrheit der Unternehmenstrümmer für nurmehr 30 Millionen Euro auf. Heute ist das Unternehmen mehr als vier Milliarden wert.

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Firmengelände des Batterienherstellers Varta Microbattery in Ellwangen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Denn in Ellwangen besann sich der Überlebensrest des einstigen Batterie-Imperiums auf beste schwäbische Tüftlertugenden und suchte fleißig einen neuen technologischen Vorsprung. Bei wiederaufladbaren Mikrobatterien wurden sie fündig. Neuartige Kleinstbatterien mit ungewöhnlich hoher Energiedichte brachten den Durchbruch. Dazu haben die Schwaben gleich eine hochautomatisierte Produktionsstraße gebaut - Lohnkosten spielen kaum mehr eine Rolle und so wird alles wieder in Deutschland gefertigt. Nagelneue Roboter wickeln nun bis zu drei Meter Batteriefolien in winzige Gehäuse, bevor medizinische Injektionsnadeln Batterieflüssigkeit hinzufügen.

Das global boomende Mikrobatteriegeschäft macht Varta plötzlich zum neuen Weltmarktführer. Denn nicht nur Apple verbaut die Wunderbatterien aus Schwaben, alle großen Kopfhörer-Hersteller aus Asien bestellen jetzt die deutschen Zellen, Hörgeräteproduzenten auch. Die Fertigung muss dramatisch ausgebaut werden. Anfang Juni wurde verkündet, man werde die Jahresproduktion auf mehr als 100 Millionen Zellen steigern müssen. Nun planen sie bereits mit über 150 Millionen Zellen jährlich bis 2022.

"Wir haben uns als Technologie- und Innovationsführer einzigartige Wettbewerbsvorteile erarbeitet und wachsen daher deutlich schneller als der Markt", frohlockt der Varta-CEO Herbert Schein. Schein ist das glatte Gegenteil des Silicon-Valley-Elon-Musk-Managers. Er ist ein bodenständiger Elektroingenieur und schon seit 1991 bei der immergleichen Firma. Mit Varta hat er jede Menge Tiefen tapfer durchlitten und einfach weiter geforscht und geschafft.

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Varta-CEO Herbert Schein: "Einzigartige Wettbewerbsvorteile erarbeitet".

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Heute übertrifft die Leistungsfähigkeit und Energiedichte seiner Varta-Zellen die der Konkurrenz aus China und Korea um bis zu 30 Prozent, sagt Schein voller Stolz. Ganz neue Anwendungen in der Medizin werden möglich, Insulinpumpen, tragbare Injektoren und Glukose-Monitoringsysteme, aber auch das "Smart Baby Monitoring". Ein "smart band" am Fuß des Babys überträgt dessen Herzschlagfrequenz, Hauttemperatur und Bewegungen auf das Handy der Eltern, die dadurch immer wissen, wie es ihrem Neugeborenen geht. Und auch den Markt für "Wearables" können die Schwaben nun erobern: Smart Watches und elektronische Armbänder, die den Blutdruck und die Herzfrequenz bei sportlicher Betätigung messen. "Das Wachstum ist explosiv", melden Branchenexperten verblüfft.

Schon in diesem Jahr wird ein Umsatz von 330 bis 340 Millionen Euro erwartet. Der Vorsteuergewinn dürfte bei 84 und 88 Millionen Euro landen. Selbstbewusst verkünden die jahrelang geprügelten Schwaben: "Die Gesellschaft strebt in 2020 eine weltweit marktführende Position mit Lithium-Ionen-Zellen mit einem Marktanteil von mehr als 50 Prozent an."

Der Erfolg mit Kleinstbatterien ist zugleich eine späte Erfüllung des Markennamens. Der war nämlich ursprünglich erfunden worden, um tragbare Auto-Akkumulatoren zu vermarkten. Er setzt sich aus den Anfangsbuchstaben von Vertrieb, Aufladung, Reparatur Transportabler Akkumulatoren zusammen. "Transportabel" war damals eine Sensation. Heute ist Varta diese Traditionslinie der Miniaturisierung konsequent weiter gegangen. Als eigenes Adventsgeschenk präsentiert man der Öffentlichkeit eine neue Generation von münzartigen Minibatterien mit der weltweit höchsten Energiedichte. Die neue "CoinPower" erreicht unter den 4 Millimeter flachen Zellen (Durchmesser 12,1 Millimeter) eine Energiedichte von 346 Wattstunden pro Liter. Die Asiaten lachen nicht mehr.

Quelle: n-tv.de

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