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Sport
Der Biathlon steht vor einem Doping-Beben.
Der Biathlon steht vor einem Doping-Beben.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 12. April 2018

Jahrelang Betrug und Bestechung: Biathlon versinkt in tiefem Korruptionssumpf

Neue Details zum Dopingskandal im Biathlon-Weltverband zeichnen ein verheerendes Bild: Seit 2011 soll die Führungsriege um Präsident Besseberg 65 Dopingfälle vertuscht und dafür Bestechungsgelder kassiert haben. Die Spur führt erneut nach Russland.

Bestechungsgelder an die Top-Funktionäre, 65 vertuschte Dopingfälle - und schon wieder führt die Spur nach Russland: Der Biathlon-Sport versinkt in einem gigantischen Korruptionssumpf und benötigt auf höchster Ebene mehr denn je einen kompletten Neuanfang. Nach den beiden Razzien, die am Dienstag praktisch zeitgleich in der Zentrale des Weltverbands IBU in Österreich und dem Wohnsitz des Präsidenten Anders Besseberg in Norwegen erfolgt waren, treten immer mehr erschütternde Details zutage. So sollen die Machenschaften mindestens bis in das Jahr 2012 zurückreichen. Viele russische Sportler hätten dadurch - gedeckt von höchster Stelle - mit verbotenen Substanzen im Körper an der WM 2017 in Hochfilzen teilgenommen.

IBU-Dauerpräsient Anders Besseberg ist sich keiner Schuld bewusst.
IBU-Dauerpräsient Anders Besseberg ist sich keiner Schuld bewusst.(Foto: dpa)

"Wegen der Anwendung verbotener Substanzen, schweren Betrugs im Zusammenhang mit Doping sowie der Geschenkannahme von Bediensteten" werde gegen Mitglieder des russischen Teams und zwei IBU-Funktionäre - die nicht benannten Besseberg und Generalsekretärin Nicole Resch - ermittelt. Dies teilte die in Österreich federführende Zentrale Staatsanwaltschaft zur Verfolgung von Wirtschaftsstrafsachen und Korruption WKSTA mit. Durch Schmiergelder und "erschwindelte Preisgelder" gehen die Ermittler von einem Schaden in Höhe von 275.000 Euro aus.

IOC mauert, Besseberg  sieht keine Schuld

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) reagierte zurückhaltend und drückte sein "vollstes Vertrauen in die ermittelnden Behörden" aus. Diese beschlagnahmten bereits am Dienstag Telefone, Computer und Dokumente von Besseberg - der sich allerdings keiner Schuld bewusst ist.

"Ich denke, wir haben absolut im Einklang mit den Richtlinien gehandelt", sagte der Norweger, einst selbst Biathlet, dem Fernsehsender NRK. Seine Ergänzung lässt Raum für Spekulationen: "Aber ich kann nicht sagen, ob die Ermittler das genauso sehen." NRK hatte ebenso wie die Zeitung "Verdens Gang" unter Berufung auf Ermittlerkreise berichtet, dass die IBU seit 2011 insgesamt 65 Dopingfälle verheimlicht haben soll.

Dafür, dies geht aus den bisherigen Ermittlungen hervor, sollen Gelder in Höhe von umgerechnet 240.000 Euro geflossen sein. Diese Annahme stützt die Thesen, welche von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) in einem 16-seitigen Bericht aufgestellt werden. Darin wird unter Berufung auf den russischen Doping-Whistleblower Grigori Rodtschenkow und einen nicht genannten Informanten ein verheerendes Bild gezeichnet. "Hinter den Praktiken stand die Absicht, die russischen Sportler zu schützen", heißt es in dem Bericht, in den die französische Tageszeitung "Le Monde" Einsicht hatte: "Herr Besseberg und Frau Resch sind mitschuldig und sehr wohl über das falsche Verhalten des jeweils anderen im Bilde."

Wahrscheinlich zogen sich auch deshalb beide vorerst zurück. Resch wurde für den Zeitraum der laufenden Ermittlungen von ihren Aufgaben entbunden, Besseberg teilte zudem dem IBU-Vorstand seinen vorläufigen Rücktritt mit. Beim nächsten IBU-Kongress im September könnte eine neue Führung gewählt werden, nach mehr als 25 Jahren im Amt tritt Besseberg dann ohnehin nicht mehr zur Wahl an.

Chance auf sauberen Biathlon vertan

"Er hatte mehrere Chancen, die IBU zu einem sauberen Sport zu führen, und das hat er nicht getan. Daher denke ich schon lange, dass er ersetzt werden sollte", sagte der Staffel-Olympiasieger Sebastian Samuelsson der schwedischen Zeitung "Expressen". Der 21-Jährige hatte wie zahlreiche andere Athleten und Nationen Ende März das Weltcup-Finale der Biathleten im russischen Tjumen boykottiert.

Der Deutsche Skiverband (DSV) sah von einer solchen Maßnahme ab, bezeichnete die jüngsten Vorgänge nun aber als "nicht gut für den Sport im Allgemeinen und den Biathlon im Speziellen". Auf Anfrage sagte DSV-Sprecher Stefan Schwarzbach: "Es wäre ein Schlag in das Gesicht des gesamten organisierten Sports, sollten sich die Verdächtigungen bestätigen." Doch genau nach dem nächsten schmerzhaften Schlag sieht es mittlerweile aus.

Quelle: n-tv.de