Sport

Nordamerika-Liga bricht RekordeDer Frauen-Eishockey-Boom ist in Deutschland kaum spürbar

27.02.2026, 19:41 Uhr
imageVon Julie Bärthel
December-20-2025-Vancouver-Bc-CANADA-Montreal-Victoire-s-Kati-Tabin-9-and-Montreal-Victoire-goaltender-Sandra-Abstreiter-30-celebrate-after-defeating-the-Vancouver-Goldeneyes-during-the-third-period-of-a-PWHL-hockey-game-in-Vancouver-B-C-Saturday-Dec-20-2025
Die Deutsche Sandra Abstreiter von Victoire de Montreal lebt ihren Traum in der nordamerikanischen Hockey-Liga PWHL. (Foto: IMAGO/ZUMA Press)

Die Olympischen Spiele sind vorbei und schon geht die Professional Women's Hockey League weiter. Die noch junge Liga begeistert Fans weltweit, bricht Rekorde und hat Zweifler verstummen lassen - mittendrin zwei deutsche Spielerinnen.

Das Momentum nutzen, den Hype nach dem vielleicht besten Spiel zwischen den Frauen aus Kanada und den US-Amerikanerinnen mitnehmen und neue Fans gewinnen. Sarah Fillier von den New York Sirens ist "hyped", wie man so schön sagt, wenn jemand hoch motiviert ist. Die Kanadierin hat mit ihrem Team das erste Ligaspiel nach den Olympischen Spielen mit 1:4 gegen die Montreal Victoire zwar verloren, die erfolgreiche Olympia-Zeit in Mailand samt Silbermedaille lässt dennoch keinen Platz für lange Gesichter.

"Ich denke, die Olympischen Spiele haben dem Sport bereits einen Schub gegeben. Wenn man sich das Goldmedaillenspiel ansieht, war es meiner Meinung nach eines der besten Eishockeyspiele, die wir je gegen die USA gespielt haben – vielleicht sogar das beste Spiel des gesamten Turniers", freut sich die 25-Jährige und auch Montreals Olympiasiegerin Hayley Scamurra ergänzt: "Die PWHL ist momentan aufgrund der aktuellen Dynamik enorm wichtig. In den vergangenen Jahren gab es nach den Olympischen Spielen vier Jahre lang nichts zu sehen, bis zur Weltmeisterschaft. Wir freuen uns riesig und ich bin sicher, dass wir viele neue Zuschauer gewinnen konnten."

Premierenspiel im Madison Square Garden

Und was die zwei Jahre alte PWHL bereits jetzt schon für einen Ruf in den USA und Kanada genießt, zeigt die rasante Entwicklung der Liga. Am 4. April 2026 geht es im Eiltempo zur nächsten Schallmauer. Die New York Sirens treffen im Madison Square Garden auf die Seattle Torrent und spielen nicht wie gewohnt im etwas kleineren Prudential Center (16.000 Plätze) in Newark (New Jersey). Es wird das erste professionelle Frauen-Eishockeyspiel überhaupt sein, das in der berühmten Arena mit 18.000 Plätzen ausgetragen wird.

Bei diesem historischen Spiel werden die beiden deutschen PWHL-Profis Sandra Abstreiter und Laura Kluge nicht dabei sein. Die deutsche Nummer eins spielt bei den Victoire de Montreal und die 29-jährige Kluge läuft für Boston Fleet auf. Während Boston in der mit 6000 Plätzen kleinsten Arena der PWHL spielt, knackte das kanadische Team aus Montreal in der vergangenen Saison mit 21.105 Fans im Bell Centre den Weltrekord für ein Frauen-Eishockey-Spiel.

Zuschauerrekorde im Auftaktsaison

Davon können die Spielerinnen aus der deutschen Eishockey-Liga nur träumen. Die insgesamt fünf Mannschaften bestreiten ihre Spiele häufig vor unter 200 Besucherinnen und Besuchern, neben vier deutschen Teams ist auch ein Team aus Ungarns Hauptstadt Budapest Teil der Bundesliga. "Die Konkurrenz aus Budapest wird ein guter Gradmesser für die DFEL-Teams sein und positiv zur sportlichen Entwicklung der deutschen Fraueneishockey-Liga beitragen", nannte Ronja Jenike, Entwicklungs-Coach bei den Frauen, die Gründe für den internationalen Bundesligisten. Willkommene Konkurrenz, weil es hierzulande an guten Nachwuchsspielerinnen mangelt. Auch weil viele Vereine keinen reinen Frauen-Nachwuchs anbieten und junge Frauen oft in Mixed-Teams spielen müssen.

Ein Konzept, das von professionellen Bedingungen wie in Nordamerika weit entfernt ist. Aber auch deren Weg zu vollen Arenen und adäquaten Rahmenbedingungen war ein harter Kampf, der sich gelohnt hat. Mittlerweile haben die acht Mannschaften einen Tarifvertrag, der Jahresgehälter von 34.000 bis 80.000 US-Dollar plus Prämien vorsieht, eine medizinische Betreuung inklusive Mutterschutzregelungen und bessere Reisebedingungen zu Auswärtsspielen. Der Vertrag hat eine achtjährige Laufzeit und sieht eine jährliche Steigerung von drei Prozent vor.

Tarifvertrag regelt Gehälter und Sozialleistungen

Zur Einordnung, der deutsche Eishockey-Spieler Leon Draisaitl in Reihen der Edmonton Oilers ist mit einem Jahresgehalt von 16,5 Millionen Dollar der Bestverdiener in der NHL (National Hockey League). Neben den regulären Gehältern können die PWHL-Stars mittlerweile auch mit Werbeverträgen Zusatzeinnahmen generieren. USA-Kapitänin Hilary Knight hat zum Beispiel lukrative Werbeverträge mit einer Fast-Food-Kette und einem Schokoladenhersteller.

Für diese durchaus fulminante Entwicklung brauchte es Unterstützung, die kam in Person von Tennis-Legende Billie Jean King. Die ehemalige Weltklasse-Athletin setzt sich bereits seit vielen Jahren für Geschlechtergerechtigkeit ein und war entscheidend an der Gründung der PWHL 2023 beteiligt.

Billie Jean King half bei Liga-Gründung

Die US-amerikanische Eishockey-Olympiasiegerin Kendall Coyne Schofield kontaktierte King, weil Spielerinnen immer deutlichere Kritik an den Voraussetzungen und der Professionalität der Premier Hockey Federation (PHF) äußerten. Die Kritik mündete in einen vierjährigen Streik von 2019 bis 2023, der keinen Liga-Alltag zuließ. Kritikpunkte waren die fehlende Krankenversicherung, schlechte Rahmenbedingungen und Gehälter, die weit unter dem deutschen Mindestlohn lagen.

Die National Hockey League (NHL) unterstützte die Frauen bei ihren Bemühungen, eine neue Liga zu gründen, nicht, und auch King war klar, dass das Unterfangen "einer Menge Geld bedarf". Die 82-Jährige brachte 2019 die Top-Spielerinnen aus den USA und Kanada zusammen, veranlasste die Gründung eines Vereins und akquirierte Milliardär Mark Walter, die Bemühungen finanziell zu unterstützen. "Sie hatten diesen gemeinsamen Traum, nicht für sich, sondern für die nächste Generation. Sie brauchten diese Liga", erzählte King in "Jocks in Jills", dem offiziellen Podcast der Liga.

Milliardär Mark Walter unterstützt "gemeinsamen Traum"

Wichtig für das Duo King/Walter, dass es sich nicht um einen Wohltätigkeitsakt handelte, sondern eine Investition, die sich mittel- bis langfristig auszahlen sollte. Sonst wäre kein Projekt dauerhaft erfolgreich, mahnte King, die bereits ähnliche Aufbauarbeiten in Tennis und der Fußball-Liga der Frauen (NWSL) in den USA begleitete. Nach zwei Spielzeiten lässt sich eine positive Prognose wagen, die Liga wurde von vier auf sechs Mannschaften erweitert, mehrere Zuschauerrekorde wurden gebrochen und die "Takeover Tour" machte im ganzen Land erfolgreich Werbung für die PWHL.

December-19-2025-Minneapolis-Minnesota-United-States-Boston-player-LAURA-KLUGE-sends-a-shot-towards-Minnesota-Frost-goaltender-NICOLE-HENSLEY-29-The-Minnesota-Frost-and-Boston-Fleet-faced-off-for-a-regular-season-matchup-on-December-19th-at-Grand-Casino-Arena-The-Minnesota-Frost-were-victorious-winning-5-2
Hat den Sprung in die PWHL geschafft: Laura Kluge im Trikot der Boston Fleet. (Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire)

16 Spiele an neutralen Orten wie Detroit, Calgary oder Edmonton sollen auf lange Zeit dafür sorgen, dass die Liga weitere Standorte gewinnen kann. Ein Wunsch, den sicherlich auch die Bundesliga hat mit lediglich vier deutschen Standorten. Dabei boomt das Frauen-Eishockey jedenfalls auf Nationalmannschaftsebene. Die DEB-Frauen standen in Mailand 2026 erstmals seit Sotschi 2014 auf dem olympischen Eis.

Neue Teams: PWHL weiter auf dem Vormarsch

Die erhoffte Medaille gab es nach dem Aus im Viertelfinale gegen die späteren Silbermedaillen-Gewinnerinnen aus Kanada (1:5-Niederlage) nicht, aber die deutschen Spielerinnen konnten auf der größtmöglichen Bühne auf sich aufmerksam machen. Genutzt hat das vor allem Laura Kluge, die seit Februar 2025 in der PWHL spielt und seit dieser Saison für den zweifachen Meister aus Boston aufläuft. Die Angreiferin hat das geschafft, wovon ihre Nationalmannschaftskolleginnen Lilli und Luisa Welcke noch träumen.

Die eineiigen Zwillinge spielen seit 2023 an der Boston University und gelten als die beiden hoffnungsvollsten Talente des deutschen Nachwuchses. Mit 23 Jahren gehören die Schwestern zu den Leistungsträgerinnen im Team von Bundestrainer Jeff MacLeod und schossen das DEB-Team im entscheidenden Qualifikationsspiel mit zwei Toren zu Olympia.

Das Duo kennt den weiblichen Nachwuchsbereich in Deutschland, weiß um die Schwächen: "Wir hatten viele Probleme als Mädchen, uns in den Klubs durchzusetzen, weil viele Verbände, Trainer und Vorstände keine Mädchen wollten." In den USA haben Lilli und Luisa ihr sportliches Zuhause gefunden und mit der PWHL ein großes Ziel. Das Auswahlverfahren für das Jahr 2026 ist noch nicht offiziell datiert, in Eishockey-Kreisen rechnet man den beiden Deutschen aber durchaus gute Chancen aus.

Möglich gemacht wurde dieser Traum erst von Kendall Coyne Schofield, Billie Jean King und Mark Walter. Als das erste PWHL-Spiel der Geschichte am 1. Januar 2024 in Toronto stattfand, war es die ehemalige Tennisspielerin, die den zeremoniellen Puck-Einwurf zu Beginn des Spiels ausführte. Unter den Fans in der ausverkauften Arena auch viele kleine Jungs, die sich bei King bedankten. Dafür, dass ihre Schwestern den gleichen Traum träumen dürfen wie ihre Brüder. Davon, Eishockey-Profi zu werden.

Quelle: ntv.de

Eishockey