Zum Tod von Alex ZanardiEin Jahrhundertsportler, der die Welt inspirierte und das Leben feierte
Ein Rennunfall kostet Alessandro Zanardi seine Beine - aber nicht den Lebensmut. Der Italiener begreift den Schicksalsschlag als Wiedergeburt und feiert das Leben. Nach seinem Tod verneigt sich die Sportwelt vor einem sitzenden Riesen.
Alessandro Zanardi war weit mehr als Sportler, Rennfahrer, paralympischer Athlet. Die betroffenen Reaktionen auf den Tod des 59-jährigen Italieners zeigen dies überdeutlich. Als "außergewöhnlichen Menschen, der jede Prüfung des Lebens in eine Lektion in Mut, Stärke und Würde verwandeln konnte", würdigte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ihren Landsmann. Auch Formel-1-Boss Stefano Domenicali kondolierte. "Er stand vor Herausforderungen, die jeden anderen zum Aufgeben gebracht hätten, doch er blickte stets nach vorne - immer mit einem Lächeln und einer unerschütterlichen Entschlossenheit, die uns alle inspirierte." Die Formel 1 huldigte Zanardi in einem Statement als "Held größten Kalibers".
"Da ist einer gegangen, der vielen Millionen Menschen immer Mut gemacht hat, Menschen, die auch schwere Schicksalsschläge und Niederlagen in ihrem Leben erlitten haben, denen es nicht gut ging, die verzweifelt waren, die geglaubt haben, es geht nicht mehr", sagt RTL/ntv-Reporter Felix Görner, der Zanardi seit mehr als 25 Jahren kannte. Der trotz aller Rückschläge so lebensfrohe Sportler sei für viele Menschen auf der Welt "die Sonne" gewesen, eine "Inspiration, eine Kraftquelle, ein Vorbild".
Alessandro Zanardi war ein begnadeter Rennfahrer. In der US-amerikanischen Champ-Car-Serie kamen seine Künste hinter dem Lenkrad besonders zum Tragen. Zwei Jahre schmiss der Italiener den roten Renner des Rennstalls Chip Ganassi wie kein Zweiter in die Kurven amerikanischer Pisten und gewann 1997/98 die Meisterschaft. Die Fans liebten ihn für seine verwegenen Manöver und seine sympathische Art.
Zanardi fuhr so gut, dass Sir Frank Williams ihn 1999 in die Formel 1 zurückholte, in der Zanardi von 1991 bis 1994 der Durchbruch nicht gelungen war. In der Königsklasse ging es aber weniger wild und wesentlich technischer zu, als im Rennsport-Westen. Der erhoffte Erfolg blieb aus. Nach nur einer Saison bei Williams sagte Zanardi der Formel 1 Ende 1999 wieder Ciao und wechselte zurück in die USA.
Selbst Lauda zog sein Kapperl
Zu einem Jahrhundertsportler wurde Zanardi nicht durch seine Motorsport-Karriere. Sondern durch sein Comeback im Leben. 15. September 2001, Stunde Null im Leben des Alessandro Zanardi, den alle nur Alex nennen. Auf dem Lausitzring kommt er bei einem Champ-Car-Rennen aus der Box zurück auf die Strecke und dreht sich, sein Kollege Alex Tagliani rauscht heran und mit rund 320 Kilometern pro Stunde in Zanardis Auto. Im Notfallkrankenhaus Berlin müssen ihn die Ärzte siebenmal wiederbeleben. Zanardi verliert viel Blut und beide Beine, aber er schlägt dem Tod ein Schnippchen.
"Es war ein Wunder, dass er den Unfall überhaupt überlebt hat. Danach hat sich in seinem Leben alles verändert", blickt Reporter Görner zurück. "Er hat diesen Unfall als Geschenk empfunden, sein Leben nochmal komplett zu überdenken und neu zu starten." Nur zwei Jahre nach dem Unfall vom Lausitzring saß Zanardi wieder im Cockpit eines Rennwagens - umgebaut für seine Bedürfnisse. Vier Siege feierte er für BMW bei der Tourenwagen-Weltmeisterschaft. Doch damit nicht genug: Zanardi startete bei den Paralympics 2012 und 2016 und holte Gold mit dem Handbike. Dazwischen machte er einen Ausflug nach Hawaii und finishte 2014 und 2015 bei der Ironman-WM.
Der Unbeugsame trat 2019 sogar bei den legendären 24 Stunden von Daytona an, einem der großen Klassiker des Motorsports. "Das was er erreicht hat, ist, zu zeigen: Selbst wenn du denkst, es geht nichts mehr, dann geht trotzdem etwas, wenn du kämpfst, mit allem was du hast. Das war Zanardis Lebensmotto", beschreibt Görner das Credo des Kämpfers. Sogar Formel-1-Ikone Niki Lauda habe vor Zanardi "immer sein Kapperl vor Zanardi gezogen, weil er noch krasser vom Schicksal getroffen worden war und nie seinen Kampfesmut, seinen Optimismus und seinen Humor verloren hat".
Schicksal schlägt gnadenlos zu
2020 schlug das Schicksal erneut zu: Auf einer abschüssigen Straße bei Pienza soll Zanardi mit seinem Handbike auf die Gegenfahrbahn geraten und mit einem Lkw kollidiert sein. Der nächste schreckliche Unfall hatte schwere Folgen. Von einer "heiklen neurochirurgischen Operation" sprachen die Ärzte damals im Juni 2020. Zanardi schwebte wieder in Lebensgefahr.
Im Jahr darauf sagte seine Frau, dass er mit seinen Angehörigen kommunizieren könne, aber nicht in der Lage sei zu sprechen. Er habe aber noch viel Kraft in den Armen und Händen. Bis zum 1. Mai 2026, auch der Todestag von Rennfahrer-Ikone Ayrton Senna. "Alex ist friedlich eingeschlafen, umgeben von der Zuneigung seiner Angehörigen", teilte die Familie mit. Die Sportwelt hat einen seit dem Herbst 2001 sitzenden Riesen verloren - sein Geist aber wird hoffentlich bleiben und weiterhin Menschen inspirieren.
