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Marathon-Zeit bald ganz normal?Fabel-Weltrekord katapultiert Laufsport in neue Ära

27.04.2026, 10:51 Uhr
imageVon Emmanuel Schneider
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Sabastian Sawe schaffte in London Historisches. (Foto: REUTERS)

In London knallt sich der Laufsport in eine neue Ära. Der neue Marathon-König Sabastian Sawe stellt nicht nur einen Fabel-Weltrekord auf, sondern durchbricht eine magische Schallmauer. Wie ist das möglich?

Was braucht es, um einen Fabelrekord aufzustellen? Zum Frühstück erst mal zwei Scheiben Brot, Honig und Tee. Und ansonsten viele Trainingskilometer. Das erklärte der neue Rekordmann Sabastian Sawe ganz unspektakulär nach seinem spektakulären Lauf in London. Er ist kein Mann der großen Worte, dafür der schnellen Zeiten.

Am Sonntag ereignete sich in der englischen Hauptstadt, so muss man das sagen, ein epochaler und Ära definierender Marathonlauf. Um zu verstehen, wie verrückt er war, muss man eigentlich auf die Positionen hinter dem Sieger blicken. Der Zweitplatzierte Yomif Kejelcha (1:59:41) lief mal eben das schnellste Marathondebüt aller Zeiten und blieb auf Anhieb unter der magischen Marke von zwei Stunden, auch der Drittplatzierte Jacob Kiplimo lag in 2:00:28 unter der alten Weltrekordzeit von Kelvin Kiptum (2:00:35 Stunden). Trotzdem reichte es nicht zum Sieg vor dem Buckingham Palace. Den schnappte sich Sabastian Sawe. Und wie.

Das Rennen für die Geschichtsbücher begann die Spitzengruppe um Sawe mit einem sehr schnellen Tempo, die Halbmarathon-Marke durchquerte sie in 60:29 Minuten. Es war genau das anvisierte Tempo, noch knapp über einer Rekordzeit. Doch dann ging die wilde Fahrt erst richtig los.

Sawe und Kejelcha bildeten das Spitzenduo und befeuerten sich gegenseitig. Den Abschnitt zwischen Kilometer 30 und 35 legten sie in 13:54 Minuten zurück, die anschließenden fünf Kilometer in sagenhaften 13:42 Minuten. Die Kilometer zwischen 30 und 40 waren in 27:36 somit die schnellsten überhaupt in diesem Abschnitt bei einem Marathon. Und das in der brutalen Endphase des 42,195 Kilometer langen Laufs.

Ein Lauf für die Ewigkeit

Zwei Kilometer vor dem Ziel setzte sich Sawe dann entscheidend von seinem äthiopischen Widersacher ab. Mit einer Pace von 2:45 Minuten pro Kilometer schoss er in Richtung Ziel und erreichte dieses in 1:59:30. Im Schnitt erreichte er damit eine Geschwindigkeit von mehr als 21 Kilometern pro Stunde - das fahren die meisten nicht einmal mit dem Fahrrad. Damit nahm er dem alten Rekord nochmal 65 Sekunden ab. Und der Kenianer blieb sogar unter dem inoffiziellen Rekord von Landsmann Eliud Kipchoge. Die Lauf-Ikone hatte 2019 am Wiener Prater schon "unter Laborbedingungen" die Zwei-Stunden-Marke geknackt (1:59:40). Da es kein offizieller Lauf war, wurde die Zeit zu Recht in keine Rekordbücher aufgenommen. Es sei gut, dass endlich der 'Retorten-Weltrekord' von Wien von Eliud Kipchoge weniger Beachtung findet. Den habe ich nie ernst genommen", sagt der deutsche Bestseller-Autor und Lauf-Legende Herbert Steffny zu ntv.de.

So ist Sawe nun der Mann der Stunde. Fast schon angenehm, wie wenig Tamtam und Show er rund um den Rekord oder beim Zieleinlauf machte. Ihm geht’s primär ums Laufen. Den latenten Doping-Verdacht um Spitzenläufer aus Kenia (in den vergangenen Jahren wurden viele bekannte Läufer gesperrt) versucht er offensiv anzugehen. Der 31-Jährige hatte zuletzt eine freiwillige Kontroll-Initiative in Zusammenarbeit mit der Integritätseinheit des Weltverbands ausgerufen. Diese umfasste mindestens 25 Anti-Doping-Tests in den zwei Monaten vor dem Berlin-Marathon, auch überraschende Tests außerhalb von Wettkämpfen sollen dabei sein. Ganz beiseite wischen wird er in der aktuellen Lage allerdings auch nicht jeden Restzweifel.

Dass er so deutlich unter der Marke von zwei Stunden blieb, war zwar überraschend, doch sein Rekordritt hatte sich in den vergangenen Jahren angekündigt. Er hat nun alle vier Majors gewonnen, bei denen er antrat. Schon in Berlin im vergangenen September hatte er einen Weltrekord in den Beinen, wurde aber von der heißen Spätsommersonne in Berlin zu sehr ausgebremst. Schon damals betonte Sawe: Es sei an einem guten Tag möglich, die Zwei-Stunden-Marke zu knacken.

Genau den erwischte er am Sonntag in London. Es herrschten Top-Bedingungen für Rekordjäger. 11 bis 14 Grad, noch keine knallige Sonne und kaum Wind. So schaffte er es, einen negativen Split hinzulegen. Heißt: Den zweiten Halbmarathonabschnitt (21,1 Kilometer) schneller als den ersten abzuspulen, obwohl es in den ersten fünf Kilometern der Strecke leicht bergab geht. Die zweite Zeit von 59:01 ist schon bei einem normalen Halbmarathon eine Weltklassezeit. Sawe erreichte sie als Zusatz zum ersten.

Sawe profitiert von Top-Bedingungen

Gute Wetterbedingungen, gute Pacemaker, das lange Duell mit Kejelcha halfen Sawe also bei der Rekordjagd. Zudem spielen seit Jahren die sogenannten Carbonschuhe eine immer wichtigere Rolle im Laufsport. Die im Schuh integrierten Carbonplatten sorgen für eine Versteifung des Zehengelenks. So kommt es zu einer Energieeinsparung beim Laufen. Zudem ermöglichen spezielle Dämpfungs-Schaumstoffe in den Schuhen Energierückgewinnung.

Auch die Verpflegung vor, während und nach einem Lauf hat sich in der vergangenen Dekade extrem verbessert. Natürlich hat Sawe nicht nur Brot, Honig und Tee intus, sondern wird von seinem Ernährungspartner alle paar Kilometer bestens mit genau dosierten Kohlenhydraten versorgt.

"Offenbar spielen die neusten Schuhentwicklungen zunehmend eine Rolle. Nicht nur der 'Katapulteffekt', sondern, wie viele Spitzenläufer mir bestätigen, sorgen die neuen Schäume auch für weniger orthopädische Belastung und ermöglichen somit höhere Trainingsintensitäten, als das früher zu meiner Zeit möglich war", erklärt Herbert Steffny den deutlichen Effekt der Schuhe.

Schon vor dem Berlin-Marathon hatte sich auch der frühere Weltrekordhalter Haile Gebrselassie mit ähnlichen Worten zu Wort gemeldet. "Für Athleten heute ist es einfach, die zwei Stunden zu knacken, glauben Sie mir", sagte Gebrselassie zu ntv.de. "Heutzutage, wenn man sieht, was mit der Technologie in Sachen Schuhe, Training und Taktik und vielen anderen Dingen möglich ist, ist es nicht mehr so schwierig." Schon damals kündigte er an, dass die Zwei-Stunden-Schallmauer bald fallen werde.

Wie magisch ist es noch wirklich?

Das bringt uns zu der Frage: Ist der Rekord denn dann überhaupt noch so "magisch", wie nun überall steht? Nun, zwei Stunden sind zwei Stunden, sind zwei Stunden. Es bleibt eine wahnsinnige Errungenschaft. Früher war diese Marke für nicht erreichbar erklärt worden. Dass sie fällt, war inzwischen nur eine Frage der Zeit. Dennoch ist es ein Riesending. Das zeigt der große Rummel um diese Zeit. Leichtathletik lebt auch von Rekorden und der Hatz danach.

Allerdings muss man nun mal dazu sagen, dass die Zeiten von heute nicht wirklich mit denen vor 2015 vergleichbar sind. Womöglich wären Gebrselassie, Dennis Kimetto und Co. tatsächlich auch schon in diese Bereiche vorgelaufen. Der letzte Rekord, der ohne die sogenannten Superschuhe aufgestellt wurde, kam eben von Kimetto, wie Steffny betont. Rechnet man seine 2:02:57 aus dem Jahr 2014 hoch (über drei Minuten lassen sich mit den Carbonschuhen wohl rausholen), wäre er schon in Berlin unter 2 Stunden geblieben, so Steffny. "Insofern verwundert mich das nicht so ganz. Sawe und Kejelcha sind absolute Spitzenläufer."

Und: Beide liefen in einem neuen Schuh ihres Ausrüsters Adidas. Dieser soll nach Herstellerangaben nur mickrige 97 Gramm wiegen und sei der "schnellste und leichteste Laufschuh", den man je produziert habe. In dieser Woche kommt er, wie passend, auf den Markt - zum stolzen Preis von 500 US-Dollar. Auch für den Sportartikelgiganten ist der London-Rekord also ein großer Coup. Otto-Normal-Läufer brauchen diese Schuhe indes nicht wirklich.

Folgen jetzt weitere Rekorde?

Wie geht es nun weiter? Ziemlich sicher war das nur der Anfang. Denn es gibt auch einen mentalen Aspekt bei Rekordmarken. Wenn einer zeigt, dass es möglich ist, folgen in der Regel schnell viele andere.

"Es hat sich gezeigt, gerade auch in vielen Sportarten, aber besonders in der Leichtathletik, wenn so eine Marke erst einmal gebrochen wurde, dass es dann eben oft kein Halten mehr gibt“, erklärt auch der frühere Langstreckenläufer und 10.000-Meter-Europameister Jan Fitschen bei RTL/ntv. "Das war schon bei der Vier-Minuten-Grenze über die Meile der Fall." Nun könnte der Marathon folgen. "Es kann durchaus sein, dass das jetzt regelmäßig passiert." Das funktionierte am Sonntag sogar schon in dem Rennen mit dem Zweitplatzierten Kejelcha, der ebenfalls unter zwei Stunden blieb - und dafür weit weniger Aufmerksamkeit erhielt.

Egal, wie man zu den Schuhen und den neuen Bedingungen steht: Der Marathonsport ist in eine neue Ära abgebogen. Mit vielen Trainingskilometern, zwei Scheiben Brot, Honig und Tee.

Quelle: ntv.de

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