Es ist ein ungewöhnlicher Kreis, der sich da nach Abpfiff des deutschen WM-Auftaktspiels auf dem Platz bildet. Torschütze Felix Nmecha steht da, Arm in Arm mit Nationalmannschaftskollege Jonathan Tah - und drei Spielern in den blauen Trikots von Gegner Curacao. Ihre Köpfe sind gesenkt. Die beiden Deutschen trauern nach dem 7:1-Kantersieg gegen den Weltmeisterschafts-Debütanten nicht etwa mit dem Gegner. Sondern sie beten.
Nmecha erklärt in der ARD: "Wir sind im Spiel Gegner. Nach dem Spiel sind wir alle Christen und Brüder. Wir haben einfach ein kleines Gebet zusammen gemacht, weil wir alle sehr dankbar sind - auch sie." Der Profi von Borussia Dortmund, der das 1:0 erzielt hatte, sagt weiter: "Vom Ergebnis her ist es natürlich schön für uns, aber auch im Ganzen glauben wir alle, dass Jesus durch das Spiel verherrlicht wird. Deswegen sind wir zusammengekommen und haben zusammen gebetet."

ARD-Experte Bastian Schweinsteiger beendet die Schalte zu Nmecha an den Spielfeldrand mit einem "Amen". Schon zuvor war Nmecha durch mehrere religiöse Gesten aufgefallen. So war der 25-Jährige vor dem Spiel mit einer Bibel in der Hand aus dem DFB-Bus gestiegen. Nach seinem Tor hatte er eine imaginäre Krone auf den Rasen gelegt und anschließend mit einem in den Himmel gestreckten Finger auf dem Boden gekniet. Bei Instagram schrieb er zu Bildern vom Spiel: "Thank you Jesus".
Auch Jonathan Tah bekennt sich nicht erst mit dem Gebet nach dem Spiel zu seinem Glauben, sondern sprach schon vorher darüber. Doch der Fall ist anders gelagert als bei Nmecha.
Vorwürfe der Homophobie
Nmecha ist strenggläubiger, konservativer Christ, spricht häufig über seinen Glauben. Er ist einer der führenden Figuren der "Ballers in God", einer Vereinigung evangelikaler Fußballer, gegründet vom ehemaligen Profi John Bostock. "Das schöne Spiel für Jesus prägen", heißt es bei Instagram, wo die Vereinigung Nmechas Handeln als Beleg dafür preist, dass jeder Ruhm, jeder Sieg Jesus Christus gebührt.
Der Dortmunder geriet bereits in die Kritik. Er teilte und likte bei Instagram Inhalte, die als homophob und transphob gewertet werden können. So hatte er im Februar 2023 in seiner Instagram-Story ein Video des konservativen US-Autos Matt Walsh gepostet. Dieser war mit einem Dokumentarfilm mit dem Titel "What is a woman" (Was ist eine Frau) bekannt geworden, der sich kritisch mit Gender und Transgender auseinandersetzt. Nmecha postete einen Ausschnitt, in dem Walsh einen Vater kritisiert, dessen Trans-Kind sein Coming-out hatte. Walsh warf dem Vater vor, mit seinem transgeschlechtlichen Kind tugendhaft wirken zu wollen. Nmecha schrieb dazu damals laut Medienberichten: "Wenn wir nicht sehen, was daran falsch ist." Monate später erklärte er bei Sky zu Walsh: "Ich übereinstimme nicht mit der Person und mit dem, für was sie steht."
Im Juni dann teilte er bei Instagram ein Bild, in dem das Wort "Pride" (Stolz, im gesellschaftlichen Kontext die Bewegung für die Rechte der LGBTQIA+-Personen) mit dem Teufel in Verbindung gebracht wurde. Der Inhalt kritisierte die in jedem Juni stattfindenden "Pride"-Paraden als egoistisch und jeder Teilnehmer würde nur der Lust folgen. Auch dies ordnete er später bei Sky ein: "Es gibt eine gute Art von pride, wenn man etwa stolz auf etwas ist, das man getan hat. Und dann gibt es pride in dem Sinne, dass es nur um einen selbst geht." Und weiter: "In diesem Post ging es darum, dass ich glaube, dass es gut ist, demütig zu sein." Es sei nicht seine Absicht gewesen, es als homofeindliche Interpretation dastehen zu lassen: "Natürlich kann jeder selbst entscheiden, wie er es versteht. Und ich kann verstehen, dass sie es so interpretiert haben. Aber ich kann nicht entscheiden, wie Menschen verschiedene Dinge interpretieren." Er betonte: "Ich glaube nicht, dass ich homophob oder transphob bin, nicht mal annähernd."
Der DFB reagierte auf die Posts Nmechas: "Wir werden das Gespräch mit Felix vor der nächsten Nominierung suchen." Er hatte erst im März 2023 für das Nationalteam debütiert. Bei der EM 2024 gehörte er nicht zum Kader, im November 2024 berief ihn Bundestrainer Julian Nagelsmann dann für die Nations League. Das WM-Auftaktspiel gegen Curacao war sein neuntes Länderspiel.
Große Kritik vor Wechsel zum BVB
Auch sein Klub Borussia Dortmund musste sich bereits mit dem Glauben Nmechas beschäftigen. Im Juli 2023 wechselte er vom VfL Wolfsburg zum BVB - vor seinem Transfer gab es unter den Fans große Bedenken und Ärger. Im BVB-Fanmagazin schwatzgelb.de schrieb eine Autorin im Juli 2023, es habe "die Generationen vor uns so viel Kraft und Mühe und Zeit gekostet" dafür zu sorgen, dass jeder "sich in der BVB Familie willkommen fühlen kann. Sowohl von Fan- als auch von Vereinsseite! Ich weiß gar nicht, ob Naivität überhaupt noch das richtige Wort für das ist, was unser Ballspielverein sich da geleistet hat". Und weiter: "Der Verein hat den Punkt verpasst, deutlich zu machen, dass keine sportliche Qualifikation, persönliche Defizite bei den wichtigsten Werten des Vereins ausgleichen könnte!" Gegen Nmecha gab es auch Banner an der BVB-Geschäftsstelle.
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Nmecha hatte nach Bekanntwerden seines Wechsels vom VfL Wolfsburg darum gebeten, "mich kennenzulernen". "Ich bin natürlich Christ, aber ich liebe alle Menschen und diskriminiere auch nicht." Doch auch als er schon beim BVB spielte, sorgte er weiter für Kritik. Als der radikale Eiferer Charlie Kirk in den USA im September 2025 ermordet wurde, hatte er geschrieben, Kirk habe "friedlich für seine Überzeugungen und Werte eingestanden". Kirk gehörte der Evangelikalen-Bewegung an und fiel regelmäßig durch rassistische, frauenfeindliche, diskriminierende sowie homo- und islamophobe Aussagen auf. Seinen Post löschte Nmecha kurz nach Erscheinen wieder.
Grundsätzlich ist das öffentliche Bekenntnis des eigenen Glaubens durch die im Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit geschützt. Die Religionsfreiheit endet allerdings dort, wo die Grundrechte und Freiheiten anderer Menschen verletzt werden.





