"Schlitzohr" Angelina Köhler überwand mit ein paar Tricks ihr Paris-Trauma und strahlte schon mit Silber um den Hals, als Isabel Gose mit ihrem vierten EM-Edelmetall zu Britta Steffen aufschloss und Maya Werner mit Bronze folgte. Geballte Frauen-Power schraubte die Ausbeute des deutschen Schwimmteams auf acht Medaillen im Becken - Olympiasieger Lukas Märtens ging dagegen leer aus und flüchtete sich in Galgenhumor.
Über einen "absoluten Megahammer" freute sich Ex-Weltmeisterin Köhler nach Rang zwei hinter der belgischen Titelverteidigerin Roos Vanotterdijk über 100 m Schmetterling in starken 56,39 Sekunden und der ersten deutschen EM-Medaille auf dieser Strecke seit Franziska van Almsick, die 1993 ebenfalls Silber gewonnen hatte. Auf dem Startblock habe sie sich gesagt: "Du bist das Schlitzohr hier, dir kann niemand was", erzählte die 25-Jährige.
Köhler, die es seit ihrem überraschenden WM-Sieg im Februar 2024 nicht mehr aufs Podest geschafft hatte, stellte nicht nur ihr Training um, sondern auch ihre Ernährung, wie sie verriet: "Ich habe viel auf Süßigkeiten verzichtet, auf Zucker, auf Süßgetränke." Es half - Köhler gelang die Versöhnung mit Paris nach ihrem "traumatischen" vierten Platz bei den Sommerspielen vor zwei Jahren - und den Beleidigungen und Bedrohungen durch Internet-Bots nach ihrer Doping-Kritik an der Chinesin Zhang Yufei, die ihr Bronze weggeschnappt hatte.
Anderthalb Stunden später holte sich Doppel-Europameisterin Gose ebenfalls Silber und damit ihre vierte Medaille bei der EM. Dieses Kunststück war zuletzt der Doppel-Olympiasiegerin und Doppel-Weltmeisterin Britta Steffen 2012 in Debrecen gelungen. Drei Tage nach ihrem zweiten Platz über 800 m musste die Olympiadritte nach 15:49,31 Minuten erneut nur ihrer italienischen Dauerrivalin Simona Quadarella den Vortritt lassen. Ihre Magdeburger Trainingspartnerin Werner schlug drei Sekunden später wieder als Dritte an.
"Ich bin super happy mit meiner Zeit, ich kann mich nicht beschweren", sagte Gose, die in der Seine in der vergangenen Woche im Knockout-Sprint und in der Staffel triumphiert hatte - "aber noch stolzer kann die Dame hier neben mir sein", betonte Gose anerkennend mit Blick auf Werner. Diese konnte ihren nächsten Erfolg derweil "noch gar nicht in Worte fassen".
"Wäre gerne schneller gewesen"
Enttäuscht und ratlos war Märtens aus dem Becken gestiegen, nach Platz sieben in schwachen 1:45,58 Minuten über 200 m Freistil hatte der Magdeburger vier Tage nach Staffel-Bronze seinen Humor aber nicht verloren. "Ich wäre gerne schneller hier gewesen, so zwei Sekunden", sagte der 24-Jährige im anschließenden Interview.
Dann hätte er sich zum Europameister über seine Nebenstrecke gekrönt. Selbst wenn er seine Zeit aus dem Halbfinale wiederholt hätte, wäre er Dritter geworden. Doch der Kopf spielte nicht mit, sagte der deutsche Schwimmstar: "Das Rennen war vorbei, ehe ich im Wasser war." Sein "Killerinstinkt", den er bei seinen Triumphen über 400 m gezeigt habe, sei nicht da gewesen. Auf seiner Paradestrecke, auf der er Olympiasieger, Weltmeister und Weltrekordler ist, hat er am Sonntag noch die Chance, auch Europameister zu werden.
Am Podest vorbei schwamm auch Anna Elendt über 200 m Brust. Die Weltmeisterin über 100 m lag nach der letzten Wende nur auf Rang sieben. Der Endspurt kam zu spät, es reichte für die 24-Jährige nur zu Platz fünf. Schon auf ihrer Paradestrecke hatte sie eine Medaille deutlich verpasst.
Kurs auf das nächste Edelmetall hat Senkrechtstarter Johannes Liebmann genommen. Der 19-Jährige, der sich am Mittwoch mit Europarekord zum ersten deutschen Europameister über 800 m Freistil gekürt hatte, zog am Morgen als Zweitschnellster der Vorläufe in das Finale über 1500 m am Samstag (19.20 Uhr) ein. Schneller als der aktuelle Weltjahresbeste war nur Freiwasser-Europameister Oliver Klemet. "Ich bin im Finale, man hat eine Bahn, man hat eine Chance, wie man so schön sagt", erklärte Liebmann, "die Form ist gut."


