Wenn Florian Lipowitz exakt 50 Tage nach seinem Tour-Crash unter der Sonne der Toskana wieder ins Renngeschehen eingreift, schaut auch Bundestrainer Jens Zemke ganz genau hin. "Ich bin in Kontakt mit seinem Trainer. Der sagt auch, von den Daten her kommen wir auf jeden Fall hin. Also das sieht eigentlich alles ganz ordentlich aus. Jetzt muss man halt auch mal abwarten, wie er es mental wegsteckt", sagte Zemke.
Vier Rennen in Italien, beginnend mit dem Giro della Toscana am Mittwoch, sind beim deutschen Radstar als Härtetest angesetzt. Läuft alles nach Plan, soll er anschließend das "Go" für die Weltmeisterschaften in Montreal (20. bis 27. September) erhalten. Dort könnte er im Einzelzeitfahren und im Straßenrennen um die Medaillen kämpfen. Denn nach dem verletzungsbedingten Sturz-Aus von Ausnahmekönner Tadej Pogacar eröffnen sich bei der WM wieder ganz neue Chancen, die vorher so nicht absehbar waren.
So weit denkt Lipowitz noch nicht. "Ich freue mich vor allem darauf, wieder eine Startnummer anzuziehen und Rennen zu fahren. Nach sieben Wochen ohne Wettkampf kann ich noch nicht genau wissen, wo ich stehe. Genau das wollen wir herausfinden. Für mich geht es bei diesen ersten Rennen nicht um ein Ergebnis. Ich möchte sehen, wie mein Körper auf die Rennbelastung reagiert", sagte der 25-Jährige.
Warten auf die Freigabe
Beim Einzelzeitfahren der Frankreich-Rundfahrt am Genfer See war Lipowitz heftig gestürzt und hatte einen Schlüsselbeinbruch erlitten. "Der Sturz bei der Tour sah erstmal nicht so spektakulär aus, aber es waren halt doch einige Verletzungen dabei, die auskuriert werden mussten, was dann auch ein bisschen langwierig war", berichtete Zemke.
Für Lipowitz war die Tour ein erster Karriere-Knick, nachdem es die letzten Jahre steil bergauf gegangen war. Erst die anhaltenden Diskussionen um die Kapitänsrolle im Team an der Seite von Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel, dann die erste größere Verletzung im Profibereich. So hat das Red-Bull-Team auch noch keine Freigabe für die WM erteilt. "Natürlich ist die WM ein Rennen, das mich reizt", sagt Lipowitz, der zugleich betont: "Aber für mich ist auch klar: Wenn die Form nicht stimmt, möchte ich keinem anderen Fahrer einen Startplatz wegnehmen."
Mit 3800 Höhenmetern auf 273,7 Kilometern ist der WM-Kurs nicht herausragend schwer, kommt Lipowitz mit seinen Kletterqualitäten allerdings entgegen. Auch eine Doppelspitze zusammen mit Marco Brenner, der seine starke Form gerade mit dem Etappensieg bei der Vuelta unter Beweis gestellt hat, wäre denkbar. "Da haben wir noch ein heißes Eisen im Feuer", so Zemke.
Ein starkes Team braucht Deutschland auch, schließlich ist die Konkurrenz bei der WM auch ohne Pogacar groß. Dabei könnten sich die Wege von Lipowitz und Teamkollege Evenepoel kreuzen. Der Tour-Zweite führt zusammen mit Paris-Roubaix-Sieger Wout van Aert die starke belgische Mannschaft an. Und Oranje-Star Mathieu van der Poel ist immer ein Titelanwärter. Aber erst einmal warten bis Sonntag die Rennen in Italien, die durchaus anspruchsvoll sind. "Ich mache mir jetzt gar keinen Druck", sagte Lipowitz: "Deshalb will ich die ersten Rennen abwarten und ehrlich schauen, wo ich stehe."


