Rachel Gunn blickt auf die Olympischen Spiele 2024 zurück und erzählt, wie sie vor den Spielen in Paris mit ihrer Therapeutin gesprochen hatte, weil sie selbst glaubte, nicht gut genug für den Wettbewerb zu sein. "Sie meinte so etwas wie: 'Was ist das Schlimmste, was passieren kann?'", erinnert sich Gunn. Als die heute 38-Jährige anmerkte, dass "die ganze Welt über sie lachen könnte", antwortete die Therapeutin: "Glaubst du, das ist realistisch?"
Rachel Gunn ist Raygun. Die australische Breakdancerin, die nach ihrem Auftritt in Paris über Nacht zur viralen Sensation wurde. Raygun verlor jedes einzelne Battle, wie die Duelle im Breaking, das in jenem Sommer Olympia-Debüt feierte, heißen. Zu null. Doch vor allem ihre letzte Runde blieb im Gedächtnis, löste weltweit Hohn aus. Und bald darauf Hass.
In der Netflix-Dokumentation "Raygun: Breaking Badly", geht die Australierin nun erstmals auf die heftigen Spottreaktionen ein. "Ich hatte das Gefühl, mein ganzes Leben zerbricht in Stücke", sagt sie rückblickend. Raygun sah sich mit einem "wachsenden Monster" konfrontiert, dessen Stimmung sich schlagartig von gut gelaunt zu düster und ausfallend wandelte. Sie gibt außerdem zu, dass sie einige ihrer Tanz-Moves heute "peinlich" findet, und widerlegt falsche Behauptungen, sie habe sich durch Betrug einen Platz bei den Olympischen Spielen erschlichen.
Raygun wusste, dass sie nicht gut genug ist
In der Dokumentation erzählen Raygun, die ihre Doktorarbeit zu dem Thema "Deterritorialisierung von Geschlecht in der Breakdance-Szene Sydneys: Die Erfahrungen eines B-Girls mit dem B-Boying" geschrieben hat, und ihr Ehemann, ebenfalls Breaker und ihr Trainer, dass ihnen in den Wochen vor Paris klar wurde, dass Raygun nicht so gut war wie die anderen Olympioniken. Ängste und Zweifel setzen ein, die Breakdancerin beginnt mit der Therapie und nimmt Antidepressiva.
Wie soll ihre ganz eigene Art des kreativen Breakdancens mit den knallharten Kraftübungen der Weltelite mithalten? Raygun und ihr Mann beschließen, Tanzbewegungen aus der australischen Kultur einzubauen, die nichts mit Breaking zu tun haben. Der Plan lautet: sich dadurch von den anderen abzuheben und vielleicht einen der Punktrichter irgendwie zu überzeugen.
Der Film zeigt, wie sich Rayguns Unsicherheiten und ihr "Impostor-Syndrom" in einer Panikattacke äußerten, als sie im Olympischen Dorf ankam, umgeben von topfitten Athletinnen und Athleten. "Ich hatte sofort das Gefühl, in dem Film 'Inception' zu sein", erinnert sie sich. "Das war so völlig fremd gegenüber allem, was ich bisher erlebt hatte." Und so zog Raygun bei ihrem letzten Auftritt diese vermeintliche Trumpfkarte: Sie hüpfte wie ein Känguru, wirbelte mit den Armen wie eine Schwimmerin und tanzte einen Rasensprinkler-Tanz.
"Ich war peinlich"
Die Welt brach in Lachen aus. Das Internet reagierte mit gnadenlosem Hohn, Raygun wurde zum Meme und zur wohl am meisten verspotteten Athletin jemals. Kurz darauf krachen Verschwörungstheorien und Hass auf die darauf völlig unvorbereitete Breakdancerin nieder.
Raygun versank in Angst, glaubte, dass das Leben, wie sie es kannte, vorbei war. "Ich war peinlich, ich habe Schande und Verlegenheit über mein Heimatland gebracht", sagt sie. "Das war hart." Sie spricht davon, dass sie Medikamente brauchte, damit sie sich "nicht jeden Tag so fühlen musste". Ihr Mann beschreibt das Ganze als "ein riesiges Trauma".
Heute tanzt Raygun wieder. Es sind nur kleine Jams vor wenigen Menschen, aber sie will beweisen, dass das, was passiert ist, sie nicht gebrochen hat. Mental gehe es ihr auch wieder besser. Den Weg aus der Dunkelheit begleitet auch der britische Unternehmer Richard Branson, der mit Raygun Kontakt aufnimmt, sie auf seine Yacht einlädt und für ihre Originalität feiert. "Die Welt braucht originelle Denker", sagt er in der Dokumentation. "Meiner Meinung nach hat sie etwas Außergewöhnliches geleistet - sie hat sich von der Masse abgehoben."
2028 wird die Australierin bei den Olympischen Spielen in Los Angeles aber definitiv nicht dabei sein; Breaking ist bereits wieder aus dem Wettbewerb entfernt worden.


