30 Jahre ist es her, dass Michael Schumacher den Ferrari-verrückten Motorsportfans Italiens einen der größten Momente in der Geschichte schenkte: Als der Deutsche 1996 seinen Ferrari in Monza als Erster über die Ziellinie steuerte, eskalierten die lange leidenden Tifosi komplett. Das Autodromo Nazionale versank in einem roten Fahnenmeer: Schumacher erlöste die darbende, einst so stolze Scuderia, die längst den alten Glanz verloren hatte. Es war der Beginn einer großen Geschichte.
"Vielleicht war es eine Liebe auf den zweiten Blick. Aber dafür war sie dann umso größer", erinnert sich Schumachers langjährige Managerin Sabine Kehm in einer neuen Dokumentation von Sky und RTL/ntv. "Ferrari, Michael, Monza: Das ist ein Dreiklang, den jeder Formel-1-Begeisterte einfach liebt."
Als Schumacher 1996 als zweifacher Weltmeister mit Benetton zu Ferrari wechselte, hatte die Scuderia seit 1979 keinen Weltmeister mehr gestellt, der letzte Konstrukteurs-Titel lag immerhin schon 13 Jahre zurück. Sie lechzten nach Erfolg, die Erwartungen an Schumacher waren gewaltig: "Wenn Ferrari mit Michael Schumacher nicht Weltmeister wird, dann werden wir es nie mehr", sagte Gianni Agnelli, Fiat- und Ferrari-Chef damals.
"Das kannte er nicht so"
Aber Hoffnungsträger Schumacher hatte zumindest emotional Startschwierigkeiten: "Am Anfang war das durchaus eine schwierige Verbindung: diese sehr emotionalen Italiener und der doch sehr traditionsunbewusste Deutsche. Michael fand Ferrari als Projekt toll, aber diesen Mythos und all das, was Ferrari in Italien darstellt, das kannte er zunächst nicht so", sagt Kehm, die Schumacher jahrzehntelang begleitete.
Und während Schumacher und die neue Teamleitung um Jean Todt akribisch daran arbeiteten, die über die Jahre weit ins Hintertreffen geratene Struktur und das abgehängte Auto wettbewerbsfähig zu machen, begegneten viele der feurigen Ferraristi dem analytischen Deutschen zunächst mit Skepsis: "Da hat man am Anfang ein bisschen gefremdelt. Aber dadurch, dass er es geschafft hat, mit einem Auto, das 1996 eigentlich wirklich total unterlegen war, drei Siege zu holen, unter anderem einen in Monza, hat natürlich ganz viele Skeptiker auf seine Seite gezogen."
"Du bist einer von uns"
Und so entwickelte sich auch die Beziehung zu den stolzen Menschen, die Ferrari im Herzen tragen. "Michael hat sich nie von diesem Team abgesetzt. Er wollte immer einer von ihnen sein", sagt Kehm. "Als er bei Ferrari aufhörte, schenkten ihm die Mechaniker ein großes Bild. Darunter stand: 'Du bist einer von uns.' Das war genau das, was Michael immer sein wollte und was er in dieser Zeit auch wirklich war."
Als der Deutsche die Scuderia 2006 nach elf Saisons verließ, hatte er dem Team sechs Konstrukteurs-Titel geschenkt und verabschiedete sich als Rekord-Weltmeister. Es ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. "Das war so eine unglaubliche Zeit, gerade natürlich die Jahre 2000 bis 2004, aber auch bis 2006. Gerade weil es in den Jahren zuvor oft so harte Rückschläge gab, war diese Siegesserie umso tiefer im Erleben. Michael hat es mit seiner Führungskraft und mit seiner Integrationskraft geschafft, das Team komplett um sich zu scharen, weil er sich wirklich um die Leute bemüht hat", sagt Kehm.
"Bin super dankbar"
An diesem Wochenende kehrt der Formel-1-Zirkus zurück ins Autodromo Nazionale von Monza (Qualifying am Samstag ab 15:30 Uhr live bei RTL und alle Sessions live auf Sky und WOW). Und 30 Jahre nach seinem ersten Sieg hier im Ferrari ehren sie den größten Piloten, der je im Ferrari saß. Es werden Michael-Schumacher-Festspiele. Die Scuderia verkündete, dass der aktuelle F-26 mit einer Sonderlackierung der Sportlegende Tribut zollen wird. Das Design soll an den Ferrari F310 erinnern, mit der Rekordweltmeister 1996 seine erste Saison für Ferrari bestritt.
Auch die aktuellen Fahrer Lewis Hamilton und Charles Leclerc werden in einen Dress gekleidet, der zahlreiche Designelemente von damals aufgreift. Am Samstag fährt Schumachers früherer Teamkollege Rubens Barrichello im legendären Ferrari F2002, in diesen steigt am Sonntag vor dem Rennen auch der viermalige Weltmeister Sebastian Vettel. "Ich glaube, dass es ein ganz tolles Wochenende wird. Ich bin super dankbar und finde es ganz toll, dass Ferrari Michael diese Ehre zuteil werden lässt", freut sich Kehm.
"Ich bin sicher, er ist stolz"
Michael Schumacher tritt nach einem schweren Skiunfall Ende 2013, bei dem sich der Rekordweltmeister ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zuzog, nicht mehr öffentlich auf. Doch Kehm hat keinen Zweifel daran, dass die große Würdigung seines Lebenswerkes nicht spurlos an der Ferrari-Ikone vorbeigeht: "Ich bin sicher, er ist ganz glücklich darüber und ganz stolz darauf. Und er hat ja immer auch gesagt und es auch immer vorgelebt, gerade in diesen Phasen, wo er auf der Rennstrecke war, dass er damit den Leuten Freude bringen möchte. Und das hat er ja getan, damals schon."
Auch an diesem Wochenende wird Monza in einem ferrari-roten Fahnenmeer versinken. Diesmal ein bisschen mehr noch zu Ehren von Michael Schumacher, den sie hier nie vergessen werden.

