Formel1

Die Tragödie von Imola Wie Sennas Tod die Formel 1 verändert hat

imago21792679h.jpg

Ayrton Senna war der vielleicht größte Pilot der Formel-1-Geschichte. Sein Tod versetzte die Rennserie in Trauer, war aber auch Anlass für lebensrettende Sicherheitsreformen.

(Foto: imago images / Leemage)

Vor 25 Jahren stirbt die Formel-1-Legende Ayrton Senna beim Großen Preis von San Marino; es ist der zweite Todesfall an diesem Rennwochenende. Bis heute ist die Unfallursache ungeklärt. Das Unglück stürzt die Rennserie in die Sinnkrise und rettet bis heute Menschenleben.

Nach dem Tod von Ayrton Senna trugen die Gondeln auf der Seilbahn zum weltberühmten Zuckerhut in Rio de Janeiro Trauer. Während der Abschiedszeremonie von der Formel-1-Legende in seiner Heimatstadt São Paulo warfen Menschen bunte Blütenblätter aus den in luftiger Höhe für Minuten angehaltenen Kabinen. Der Tod des dreimaligen Weltmeisters am 1. Mai 1994 versetzte Brasilien in Schockstarre. Und die Königsklasse des Motorsports musste nach dem verhängnisvollen Wochenende von Imola einen Ausweg aus ihren vielleicht dunkelsten Stunden finden.

imago21792710h.jpg

Ayrton Senna starb mit 34 Jahren.

(Foto: imago/Leemage)

"Senna war für mich unverwundbar", erzählte Teamchef Frank Williams einmal über seinen damaligen Piloten. "Er ist Gott", huldigte ihm sein langjähriger Physiotherapeut Josef Leberer. "Er hatte diese Aura, sein Enthusiasmus, seine Neugier und Energie waren beeindruckend", schwärmte Designer Adrian Newey, von dem noch die Rede sein wird. "Wenn er nicht umgekommen wäre, wäre er heute vielleicht Präsident Brasiliens."

Das Wochenende des Schreckens

Der Schrecken an jenem Wochenende zum Großen Preis von San Marino hatte sich förmlich aufgebaut. Im Auftakttraining am Freitag hob Rubens Barrichello mit seinem Jordan-Hart ab und schoss in den Fangzaun. Der Brasilianer überstand den Unfall wie durch ein Wunder ohne ganz große Verletzungen.

Einen Tag später verunglückte der erst zu Jahresbeginn in die Formel 1 aufgestiegene Roland Ratzenberger im Abschlusstraining tödlich. Wegen eines beschädigten Flügels an seinem Simtek-Ford raste der Österreicher mit 314 km/h vor der Tosa-Kurve frontal in die Betonbegrenzung und erlag seinen schweren Kopfverletzungen.

imago04332778h.jpg

Einen Tag vor Senna starb der Österreicher Roland Ratzenberger im Abschlusstraining.

(Foto: imago images / GEPA pictures)

Zwölf Jahre nach dem Italiener Riccardo Paletti in Montréal betrauerte die Formel 1 wieder ein Todesopfer an einem Rennwochenende. Senna war geschockt. Am Unfallort weinte er an der Schulter von Formel-1-Chefarzt Sid Watkins. Der Neurochirurg wollte den 34-Jährigen nach eigener Erinnerung zum sofortigen Rücktritt überreden. "Was willst du noch beweisen?", habe er Senna gefragt. "Hör auf und lass uns angeln gehen."

Senna war zu diesem Zeitpunkt 34 Jahre alt. Der Brasilianer war der Prototyp eines Menschen, dem das  Leben sein ganzes Füllhorn gönnt. Senna war belesen, musikalisch, weltoffen, er spielte Klavier, sammelte Kunst, zitierte altgriechische Philosophen, las Shakespeare und Freud. Und er fuhr Autorennen.

"Ganz schlechtes Gefühl"

Seine damalige Freundin Adriane Galisteu erzählte, Senna habe ein "ganz schlechtes Gefühl" für das Rennen gehabt. Am liebsten habe er nach seiner 65. Pole Position gar nicht fahren wollen. Der 41-malige Grand-Prix-Gewinner tat es dennoch. Und schon zum Start in den Europa-Auftakt am Sonntag krachte es erneut. Der Portugiese Pedro Lamy raste im Lotus mit voller Wucht in den stehen gebliebenen Benetton des Finnen JJ Lehto, umherfliegende Fahrzeugteile verletzten mehrere Zuschauer.

imago21792690h.jpg

Senna kommt bei vollem Tempo von der Strecke ab.

(Foto: imago images / Leemage)

Nach dem Neustart passierte die Tragödie um Senna. Der erst vor der Saison von McLaren zu Williams gewechselte Pilot verlor in der sechsten Runde die Kontrolle über seinen Wagen und schlug vor einem TV-Millionenpublikum in der Tamburello-Kurve in spitzem Winkel bei einer Geschwindigkeit von circa 330 km/h in eine Betonmauer ein. Sein Auto zerschellte. Mit leicht zur Seite geneigtem Kopf saß der Brasilianer leblos im Wrack, die Rennleitung brach den Grand Prix ab. Senna wurde geborgen und in die Maggiore-Klinik in Bologna gebracht. Nach Stunden des Hoffens wurde am Abend Sennas Tod bekanntgegeben.

"Ein großer Verlust für die Formel 1"

"Imola war ein Desaster. Es hätte nicht schlimmer kommen können und es waren sehr bittere Tage danach", erinnerte sich einmal Michael Schumacher an das verheerende Wochenende, an dem auch er wie andere Top-Fahrer mit dem Weiterfahren haderten. Der Kerpener gewann den Grand Prix nach einem Neustart und kürte sich Ende des Jahres erstmals zum Weltmeister.

"Aus vielerlei Gründen ist er einer der Größten. Was er in so kurzer Zeit erreicht hat, und wie präzise er hinter dem Lenkrad war, war einzigartig", sagte Ferrari-Star Sebastian Vettel über Senna und erinnerte sich an den schicksalhaften Moment: "Auf der ganzen Welt sind die Fans in dieser Zeit verstummt. Es ist ein großer Verlust für die Formel 1."

Unfallursache: Unklar

imago00160925h.jpg

Die Unfallstelle von Sennas Auto ist noch immer deutlich zu erkennen. Für seine Fans ist sie zu einem Pilgerort geworden.

(Foto: imago/Thomas Melzer)

Die genaue Unfallursache wurde nie geklärt. Senna erlitt schwere Kopfverletzungen, weil er von einem losgerissenen Vorderrad am Helm getroffen wurde. Fakt ist auch, dass die Lenksäule an seinem Williams brach. "Was den Unfall verursachte, lässt mich bis zum heutigen Tag nicht los", sagte der damalige Chefdesigner Newey. "Viele gaben uns die Schuld dafür. Als hätten wir der Welt ein Gemälde von Michelangelo gestohlen", sagte Sennas Teamchef Williams mit einigen Jahren Abstand dem Fachmagazin "Auto, Motor und Sport". Newey, später als Konstrukteur an den Weltmeisterwagen von Sebastian Vettel bei Red Bull maßgeblich beteiligt, musste sich sogar vor Gericht verantworten.

"Es war eine extrem schwere Zeit", räumte der Brite ein. "Ich habe nie darüber nachgedacht, dass jemand in einem Auto, für das ich verantwortlich war, verletzt oder sogar getötet werden könnte." Newey wurde später freigesprochen. In Brasilien herrschte eine dreitägige Staatstrauer, die Formel 1 stürzte in eine Sinnkrise. Auf Druck des damaligen Chefs des Motorsport-Weltverbandes Max Mosley unterzog sich die Rennserie nach Jahren, in denen Unfälle vergleichsweise glimpflich ausgegangen waren, einer überlebenswichtigen Sicherheitskur. "Die Fahrer sollen ihren Spaß haben, ihre Spannung", sagte der Brite, "aber wir wollen nicht, dass sie verletzt werden".

imago17696881h.jpg

Das letzte Todesopfer der Formel 1 war Jules Bianchi: Er verunglückte beim Großen Preis von Japan 2014 und erlag im folgenden Jahr seinen Verletzungen.

(Foto: imago/HochZwei)

Unter anderem wurden die Cockpitwände hochgezogen, die Kopf-und-Nacken-Stütze HANS eingeführt und auf vielen Kursen weitere Auslaufzonen geschaffen. Nicht zuletzt der Tod des Franzosen Jules Bianchi, der 2014 in Japan in einen Bergungskran gekracht war und später seinen schweren Kopfverletzungen erlag, sorgte für die letzte gravierende Sicherheitsneuerung in der Formel 1. Zur vergangenen Saison wurde der Cockpitschutz "Halo" (englisch für Heiligenschein) eingeführt, der die Gefahr für Fahrer bei herumfliegenden Teilen vermindern soll.

Quelle: n-tv.de, jho/dpa/sid

Mehr zum Thema