Im Rausch der Gefühle

Bist du deppert? Wildes Ende raubt Österreich den Atem

imageVon Emmanuel Schneider
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28.06.2026 | 08:18 Uhr
Geschiebe? Langeweile? Nur kurz. Das WM-Gruppenfinale zwischen Österreich und Algerien endet hochdramatisch. Am Ende können beide Teams jubeln. Den Protagonisten fehlen die Worte.

Bundesliga-Profi Michael Gregoritsch kämpfte mit den Tränen. Der österreichische Nationalspieler wusste nicht, was er sagen sollte. Zu sehr hatte ihn die wilde Schlussphase seiner Österreicher im Gruppenfinale gegen Algerien mitgenommen. Das ÖFB-Team und Gregoritsch ritten gemeinsam einmal quer durch die Gefühlslage. Von zu Tode betrübt zurück zu himmelhochjauchzend binnen Minuten. Oh, Felix Austria.

Vor dem Spiel zwischen Österreich und Algerien war viel von der Vergangenheit die Rede. Von 1982, der legendären Schande von Gijón. Ein Fußball-Unwort. Damals schoben Deutschland und Österreich nach einem frühen Treffer von Horst Hrubesch einfach nur noch den Ball hin und her und verwalteten dieses Ergebnis. Denn beiden Teams reichte das 1:0 zum Weiterkommen. Leidtragender damals war das algerische Team, das ausschied.

Ausgerechnet Algerien traf nun also auf Österreich, das Narrativ lag also auf der Hand: Revanche für Gijón. Österreichs Trainer Ralf Rangnick wollte vor Anpfiff überhaupt nichts davon wissen. Absprachen? Auf keinen Fall. Der deutsche Coach erklärte zudem, dass dies gar nicht funktionieren würde. Trotzdem schauten viele genau hin. Vor allem auch die Iraner, die als einer der Gruppendritten aufs Weiterkommen und kein Remis hofften.

Plötzlich doch Ballgeschiebe

Tatsächlich war zunächst von einem Nichtangriffspakt an diesem Juniabend in Kansas City nichts zu sehen. Vielmehr begann ein offener Schlagabtausch. Stürmer-Oldie Marko Arnautovic traf nach einem langen Zuspiel von David Alaba mit der ersten Chance für Österreich (28.). Die Algerier erhöhten daraufhin den Druck, erspielten sich gute Chancen, scheiterten zunächst am Pfosten, dann traf Rafik Belghali kurz vor der Pause zum Ausgleich.

Es ging munter weiter. Nach dem Seitenwechsel kombinierten sich die Bundesliga-Profis Konrad Laimer und Marcel Sabitzer zur erneuten Führung, ehe Riyad Mahrez Algerien wieder den Ausgleich bescherte (60.).

Doch dann, nach dem zweiten Ausgleich und der folgenden Trinkpause schoben sich erste kleine Gijon-Vibes über den Rasen von Kansas City. Beide Teams scheuten mehr und mehr das Risiko. Da war es dann doch das befürchtete Ballgeschiebe. Die TV-Kommentatoren schrieben das Spiel schon ab, viele Fans quittierten die Szenen mit Pfiffen und Buhrufen. Sie wollten Fußball-Action sehen.

Kalajdzic köpft Österreich ins Glück

Überraschenderweise bekamen sie diese späte Action dann doch noch, als alle dachten, das 2:2 sei eingeloggt. Und wie. Riyad Mahrez schockte die Österreicher nach einem feinen Steckpass und dem Doppelpack in der dritten Minute der Nachspielzeit. Riesiger Jubel bei Algerien, lange Gesichter beim ÖFB-Team. Denn ein Unentschieden reichte zum Einzug ins Sechzehntelfinale, aber eine knappe Niederlage nicht. Österreich zu diesem Zeitpunkt also: raus aus der WM.

Die Roten warfen nochmal alles nach vorne, schoben ein letztes Aufbäumen an. Langer Ball von Sabitzer auf Gregoritsch, der per Kopf weiterleitet. Ausgerechnet der ewige Pechvogel (drei Kreuzbandrisse) Sasa Kalajdzic köpfte Österreich dann zurück ins Glück. In der sechsten Minute der Nachspielzeit. Erneute Gefühlsexplosion. Felix Austria.

Algerien - Österreich 3:3 (1:1)

Algerien: Benbot - Belghali (71. Chergui), Mandi, Bensebaini, Hadjam (71. Ait-Nouri), Aouar, Bentaleb, Maza - Mahrez, Gouiri (71. Belaid), Chaibi. - Trainer: Petkovic

Österreich: Alexander Schlager - Posch, Lienhart, Alaba (62. Danso), Mwene - Seiwald, Xaver Schlager (46. Grilitsch) - Schmid (46. Wanner), Laimer, Sabitzer - Arnautovic (46. Gregoritsch). - Trainer: Rangnick

Schiedsrichter: Ilgiz Tantashev (Usbekistan)

Tore: 0:1 Marko Arnautovic (28.), 1:1 Rafik (45.), 1:2 Marcel Sabitzer (55.), 2:2 Riyad Mahrez (60.), 3:2 Riyad Mahrez (90.+3), 3:3 Sasa Kajaldzic (90.+6)

Gelbe Karten: - Arnautovic

Zuschauer: 69.045 in Kansas City

Der Treffer hob Österreich sofort wieder auf den zweiten Platz. Algerien zieht als einer der acht besten Gruppendritten ebenfalls in die K.o.-Runde ein.  Leidtragender diesmal ist der Iran, der ausgeschieden ist.

Selbst Rangnick ist sprachlos

Selbst Ralf Rangnick, ein alter Trainer-Hase im Geschäft, war nach dieser Schlussphase eigentlich sprachlos. "Ich habe im Moment keine Worte, sage ich ganz ehrlich. Ich glaube, so etwas habe ich so noch nie erlebt", sagte der Coach. "3:2 hinten, die Spielzeit ist eigentlich um. Wir kommen tatsächlich nochmal ins Spiel zurück. Wir sind im Moment einfach nur happy."

Mittelfeldspieler Marcel Sabitzer beschrieb seine Gefühlswelt ähnlich: "Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das war ein Auf und Ab. Wir gehen zweimal in Führung, das musst Du nach Hause bringen. Es war teilweise unseriös."

Der Profi von Borussia Dortmund monierte "viel zu leichte Gegentore", blieb aber dann doch im Positiven und gab einen Trink-Befehl aus: "Aber heute freuen wir uns mal. Wir haben Österreich den Atem angehalten - aber jetzt sollen sie alle schön weiter trinken“, sagte er. Zu diesem Zeitpunkt war es kurz nach 6 Uhr in Österreich. Einen Sieg kann man aber auch mit Kakao betrinken.

Als Gregoritsch dann seine Worte gefunden hatte, blieb es emotional. "Es war ein kleines Wunder, es wäre so unfair gewesen, wenn wir rausgeflogen wären", sagte der Offensivmann des FC Augsburg.

Erstmals seit 1982 übersteht Österreich eine WM-Vorrunde. Jetzt geht es gegen Europameister Spanien. Eine große Aufgabe. Aber nach diesem Finish überwiegen die Glückshormone. "Wir sind nicht der Favorit, haben aber sicher eine Chance", sagte Gregoritsch.

Verwendete Quelle: ntv.de