Antonio Rüdiger lebt in zwei Welten. Also mindestens. Dessen ist sich der 33-Jährige durchaus bewusst, wie er es selbst im DFB-Vorlesungssaal in Winston-Salem formuliert. "Bei Social Media bin ich der Buhmann", erklärt der Vize-Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft den Medienschaffenden, die vor ihm sitzen. "Lassen wir Social Media aber Social Media sein. Und wir leben in der realen Welt."
In der realen Welt steht jedoch ein imaginärer Elefant mit im Raum, wenn Rüdiger mit der Presse spricht. Kaum ein Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft (vielleicht noch Leroy Sané) musste so viel Kritik in den vergangenen Monaten einstecken. Seine Person ist umstritten, nach seiner Nominierung im März fragten Medien, ob er für die DFB-Elf noch tragbar sei.
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Denn es ist so: Wenn über seine Auftritte bei Real Madrid geschrieben und gesprochen wird, dann sind es selten die guten. Häufig geht es dann zum Beispiel um das Foul gegen den FC Getafe in der spanischen Liga, als er seinen Gegenspieler Diego Rico mit dem Knie am Kopf traf. Oder da war der Wurf einer Rolle Tapeverband auf den Schiedsrichter im April 2025. Er steht also bei manchen unter besonderer Beobachtung.
"Seriöse Meinungen"
Rüdiger weiß das. Er gibt kaum Interviews, die angesprochenen Ereignisse hat er teilweise durch sein Umfeld einordnen lassen. Bei dem Taperollen-Vorfall hieß es, er spiele schon lange mit einer Knieverletzung. Die Schmerzen hätten sein Nervenkostüm strapaziert. Das Knie-Foul gegen Rico hatte der Bundestrainer Julian Nagelsmann als "fußballspezifisch" klassifiziert.
Die Debatten um seine Person bekommt Rüdiger auch mit. Er sagt dazu, dass er "seriöse Meinungen" auch akzeptiere. "Ich bin kein Kind von Traurigkeit", räumt er ein. "Ich habe mich ganz klar für diese Sachen entschuldigt. Und deswegen gibt es für mich nicht viel zu sagen." Er sei noch nie ein Spieler gewesen, der sich zur Kritik geäußert habe.
"Auf dem Platz wird er zum Monster"

Es bleibt jedoch ein Rätsel, warum es überhaupt dazu kommt. Warum es in Deutschland nicht genauso wie in Spanien ist. Dort wurde sein Vertrag bei Real Madrid nun verlängert. Es ist nicht so, dass die Madrilenen ihre Arbeitspapiere geradezu verschenken. Im Gegenteil. Und Rüdiger erleben sie schließlich in der Zusammenarbeit täglich.
Unabhängig davon: Man erinnert sich nur an die Innenverteidiger-Ikonen Pepe oder Sergio Ramos und Co. Dort werden gerne die gefeiert, die in ihrem Spiel an der Grenze des Erlaubten balancieren - und auch schon mal überkippen. Rüdiger kann sich das auch nicht erklären. "Ich sehe etwas Positives daran: Es ist gut, mein Name bekommt sehr viele Klicks", wischt er das Thema scherzend beiseite. "Manchmal ist schlechte Presse auch gute Presse."
Zum Glück ist da ja auch noch die reale Welt. In der Rüdiger diese Anerkennung auch erhält. Etwa als es im März 2025 eine besondere Szene in Dortmund gab. Es war das Nations-League-Viertelfinale, als die DFB-Elf auf Italien traf und Rüdiger in höchster Not gegen Angreifer Moise Keane rettete. Das Stadion skandierte daraufhin mehrfach ein lautes "Rü - di - ger". Der Betroffene bedankte sich wiederum mit Applaus.
"Die jungen Hüpfer"
Solche Momente sind in nächster Zeit für Rüdiger eher unwahrscheinlich. Nicht, weil er nicht mehr zum Retten fähig ist. Sondern eher, weil er nur als dritter Innenverteidiger des DFB-Teams zur Weltmeisterschaft fährt. Es sei als Fußballer nie leicht, auf der Bank zu sitzen, sagt Rüdiger. Aber in der Nationalelf sei das aber einfacher als im Klub. Weil: "Jeder ist hier wichtig."
Bundestrainer Nagelsmann hat immer wieder im Vorfeld betont, dass Rüdiger seine ungewohnte Rolle akzeptiere. Der Real-Star habe sich voll und ganz "committet", die "Familie Nationalmannschaft" zu schützen. Den Eindruck vermittelt er auch in dem DFB-Hörsaal. Ihm liegt sehr viel daran, sicherzustellen, dass er seine Rolle akzeptiert habe. Jonathan Tah bezeichnet er als den "neuen Boss", der linke Fuß von Nico Schlotterbeck sei aus "Gold". "Es sei den Jungs gegönnt", dass sie jetzt die Stammplätze zu haben.
Rüdiger sei froh, ein Teil dieser Nationalmannschaft zu sein. Die Stimmung sei gut, nicht erst seit dem rauschenden 7:1-Auftakt gegen Curacao, sondern schon vorher in beiden Trainingslagern in Chicago und Herzogenaurach. Sein Job sei es, gute Vibes zu verbreiten. Er weiß, wie wichtig das ist. Schließlich stand Rüdiger auch schon im Kader bei den Weltmeisterschaften 2018 und 2022.
Damit die Nagelsmannschaft noch weiter bei diesem Turnier bleibt, muss sie am Samstag in Toronto (22 Uhr/ZDF, Magenta und im ntv.de-Liveticker) den nächsten Prüfstein aus dem Weg räumen: die Elfenbeinküste. Yan Diomande, Nicolas Pepe und Amad Diallo: "Das sind schon echte D-Züge, sie lieben das Eins gegen Eins", sagt Rüdiger. Und: "Was das Klima angeht: Die Jungs sind es gewöhnt." Das DFB-Team müsse dafür gewappnet sein.
Aber es ist ja nicht so, dass die deutsche Nationalelf so ganz ohne eigene Trümpfe unterwegs ist. Rüdiger vergleicht das mit dem Frankreich-Spiel am Vortag, als der Vize-Weltmeister kein gutes Spiel gegen den Senegal ablieferte. Und am Ende dann doch mit 3:1 gewann - eben wegen Kylian Mbappé. "Wir haben unsere jungen Hüpfer", sagt Rüdiger, "Florian Wirtz, Jamal Musiala und Kai Havertz und Leroy Sané zähle ich auch dazu: Wir brauchen euch."






