Sprachmemos und Physio-Ärger

DFB-Insider offenbaren lange Fehlerliste Nagelsmanns

imageVon Kerry Hau, Florian Plettenberg & Patrick Berger
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Bundestrainer Julian Nagelsmann ist mit dem DFB-Team bei der WM im Sechzehntelfinale ausgeschieden. (Foto: picture alliance / Kirchner-Media)
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02.07.2026 | 13:13 Uhr
Julian Nagelsmann ist nach dem blamablen WM-Aus der Nationalmannschaft voll angezählt. Einige Fehler sind offensichtlich. Zudem sickern Vorwürfe aus dem Kreis des DFB-Teams an die Adresse des Bundestrainers durch.

Die Probleme rund um die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sind komplex und reichen deutlich über die Person Julian Nagelsmann hinaus. Intern wird der Noch-Bundestrainer, wie aus Spielerkreisen immer wieder zu hören ist, fachlich weiterhin zur absoluten Elite gezählt.

Aber das blamable WM-Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay wiegt schwer - und trägt vor allem seine Handschrift. Mehrere folgenschwere Fehlentscheidungen Nagelsmanns haben maßgeblich zur Niederlage beigetragen. Entsprechend verdichten sich die Anzeichen, dass es zeitnah zur Trennung kommt. Was muss sich Nagelsmann vorwerfen lassen?

Keine klare fußballerische DNA

Nagelsmann ist es nachweislich nicht gelungen, die Mannschaft fußballerisch auf das nächste Level zu heben. Spätestens nach dem Karriereende von Toni Kroos fehlte im Anschluss an die Heim-EM 2024 ein zentraler Taktgebe, ein echter Leitwolf, der Struktur und Qualität ins Spiel bringt.

Umso schwerer wiegt die Entscheidung, Joshua Kimmich weiterhin als Rechtsverteidiger einzusetzen. Ein Schritt, der früh Kritik hervorrief - und sich im Turnierverlauf als problematisch entpuppte. Zwar tauchte Kimmich im Ballbesitz regelmäßig im Zentrum auf und beteiligte sich am Spielaufbau, aber auf der rechten Seite fehlte dadurch Durchschlagskraft. Offensiv entstand ein Ungleichgewicht, das dem deutschen Spiel sichtbar schadete.

Die Folgen waren deutlich: Leroy Sané war auf dem Flügel häufig isoliert und damit leicht auszurechnen für die gegnerischen Defensivreihen. Der Kimmich-Plan wurde so zum Sinnbild für ein größeres taktisches Problem - Deutschlands Spiel wirkte über weite Strecken statisch und berechenbar. Auch andere Leistungsträger blieben unter ihren Möglichkeiten. Ex-Kapitän Ilkay Gündogan bringt es im "Spiegel" auf den Punkt: "Am meisten überrascht hat mich die Ideenlosigkeit auf dem Feld. Ich hatte das Gefühl, dass die Spieler selbst nicht so richtig wussten, was unsere DNA ist."

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Ein Kader ohne gelernten Rechtsverteidiger

Im deutschen WM-Kader steckte unbestritten genügend Qualität - mehr als genug, um zumindest das Achtelfinale zu erreichen. Auch die Ausfälle von Nico Schlotterbeck, Serge Gnabry und Lennart Karl taugen nur bedingt als Erklärung. Ebenso wenig lassen sich die enttäuschenden Turnierleistungen von Jamal Musiala und Florian Wirtz dem Bundestrainer direkt anlasten. "Wusiala" blieben weit hinter ihrem Weltklasse-Anspruch zurück.

Dennoch offenbart sich ein strukturelles Versäumnis: Nagelsmann gelang es nicht, den Kader ausreichend flexibel aufzustellen. Besonders schwer wiegt der Verzicht auf einen gelernten Rechtsverteidiger - eine Lücke, die im Turnierverlauf offensichtlich wurde und den ohnehin wackligen Kimmich-Plan zusätzlich entwertete.

Diese Personalentscheidung fällt stärker ins Gewicht als das Nicht-Nominieren formstarker Alternativen wie Said El Mala, Chris Führich, Kevin Schade, Yann-Aurel Bisseck oder Matthias Ginter. Am Ende fehlte es nicht nur an Form, sondern auch an Balance im Kader.

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Unklare Rollen, falsche Versprechen, öffentliche "Eigentore"

Auch Nagelsmanns Umgang mit Rollen und Hierarchien wirft Fragen auf. Was 2024 noch als klare Struktur galt, wirkte im Turnier zunehmend aufgeweicht. Im dritten Gruppenspiel überraschte der Bundestrainer mit Einwechslungen von Malick Thiaw, Pascal Groß und Maximilian Beier und zog sie etablierten Kräften wie Waldemar Anton, Leon Goretzka oder Nick Woltemade vor. Eine Entscheidung, die die interne Rangordnung sichtbar ins Wanken brachte.

Zwar verteidigte Nagelsmann seine Maßnahmen im Nachhinein mit Verweis auf die besondere Drucksituation eines Do-or-Die-Spiels. Aber genau diese Argumentation untergräbt sein eigenes Prinzip klar definierter Rollen. Die Konsequenz: Verunsicherung statt Stabilität.

Besonders deutlich wird das am Beispiel Leon Goretzka. 2024 noch außen vor, wurde der Mittelfeldspieler zurückgeholt und öffentlich als wichtiger Baustein für die WM aufgebaut – nur, um im entscheidenden Moment keine Rolle mehr zu spielen. Ein widersprüchliches Signal. Ähnlich erging es Nick Woltemade. In der Qualifikation treffsicher, blieb er bis zum Spiel gegen Paraguay außen vor und wurde dann ausgerechnet in einer Drucksituation beim Elfmeterschießen ins kalte Wasser geworfen. Der Fehlschuss passte ins Gesamtbild eines Turniers ohne klare Linie.

Und auch Deniz Undav, bester deutscher Torschütze bei diesem Turnier, erhielt vom Bundestrainer mehr öffentliche Kritik als Rückendeckung. Nach dem Aus gegen Paraguay legte Nagelsmann den Fokus erneut auf eine verpasste Szene: "Deniz muss den Ball in der ersten Minute querlegen. Der darf den da nie chippen. Dann steht's 1:0 für uns." Ein weiterer öffentlicher Fingerzeig – in einer Phase, in der Geschlossenheit gefragt gewesen wäre.

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Viele Sprachmemos, kaum Einzelgespräche, wenig Nähe

Auch abseits des Platzes mehrten sich die Fragezeichen. Hinter vorgehaltener Hand klagten Nationalspieler schon länger über Nagelsmanns Kommunikationsstil. Statt persönlicher Gespräche setzte der Bundestrainer demnach häufig auf kurze WhatsApp-Sprachnachrichten, ausführliche Einzelgespräche - etwa bei Nominierungen - blieben die Ausnahme. Auch auf regelmäßige Stadionbesuche verzichtete Nagelsmann weitgehend: Yann-Aurel Bisseck wurde in Mailand nicht vor Ort beobachtet, Kevin Schade nicht in Brentford. Von einer offenen und transparenten Feedback-Kultur konnte kaum die Rede sein.

Besonders unglücklich verlief die Kommunikation rund um die Torwartfrage. Oliver Baumann erfuhr ausgerechnet am Sky-Mikrofon von seiner Degradierung, nachdem er zuvor monatelang davon ausgehen durfte, als Nummer eins ins Turnier zu gehen. Auch die Rückholaktion von Manuel Neuer wurde intern offenbar kaum begleitet.

Ins Bild passt zudem die öffentliche Kritik von Mats Hummels. Der Weltmeister von 2014 berichtete bei MagentaTV, Nagelsmann habe ihn rund um die Heim-EM nicht fair und ehrlich behandelt, ein klärendes Gespräch stehe bis heute aus. Ähnliche Eindrücke dürften auch Niclas Füllkrug und Tim Kleindienst gewonnen haben, denen Nagelsmann noch Wochen vor der WM signalisiert hatte, dass einer von beiden sicher als Stoßstürmer mitfahren werde.

Auch während des Turniers setzte sich dieser Eindruck fort. Einzelgespräche blieben offenbar rar, taktische Vorgaben erreichten Teile der Mannschaft erst spät. Nagelsmann wirkte dabei nicht nur nach außen schmallippig, sondern intern zunehmend unnahbar - und wenig offen für Rückkopplung.

Wenig Vertrauen in den Nagelsmann-Staff

Schon vor Turnierbeginn hatte es aus Spielerkreisen Kritik am Trainerstab gegeben. Dieser war zuletzt mit mehreren früheren Wegbegleitern Nagelsmanns aus Hoffenheim-Zeiten erweitert worden. Laut "Spiegel" entstand so eine Art "Wohlfühlblase" - ein Umfeld, in dem Widerspruch offenbar Mangelware war. Ein Insider, der anonym bleiben will, wird mit den Worten zitiert, die Assistenten würden dem Bundestrainer "nicht widersprechen".

Auffällig ist dabei der Vergleich zu Sandro Wagner, der den DFB bereits 2025 verlassen hatte, um seine eigene Trainerlaufbahn voranzutreiben. Innerhalb der Mannschaft genoss Wagner hohes Ansehen, galt als nahbar und gleichzeitig als Autoritätsperson. Zudem soll er taktische Inhalte deutlich verständlicher vermittelt haben als Nagelsmann.

Am Ende soll das Verhältnis zwischen Cheftrainer und Assistent spürbar gelitten haben. Ein weiterer Hinweis darauf, dass es im Trainerteam nicht nur sportlich, sondern auch intern an Reibung - und damit womöglich an konstruktiver Kritik - fehlte.

Physio-Ärger bei Joshua Kimmich

Auch im medizinischen Bereich zeigen sich im Nachhinein Risse im Gesamtbild. Nach Informationen von Sky Sport trennte sich der DFB bereits Anfang des Jahres von Physiotherapeut Michael Deiß, der innerhalb der Mannschaft hohes Ansehen genoss und als wichtige Vertrauensperson galt. Intern wurde er ersetzt, aber offenbar nicht zur Zufriedenheit aller Beteiligten.

Denn aus dem Umfeld der Nationalelf ist zu hören, dass mehrere Spieler mit der physiotherapeutischen Betreuung im WM-Camp unzufrieden gewesen sein sollen. Die Konsequenz ist bemerkenswert: Auf Initiative der Mannschaft um Kapitän Joshua Kimmich wurde kurzfristig ein externer Spezialist eingeflogen. Mit Jürgen Siegele kümmerte sich ein renommierter Physiotherapeut in Winston-Salem in separaten Räumlichkeiten um zahlreiche angeschlagene Spieler und versuchte, die sichtbar ausgelaugten Profis wieder wettbewerbsfähig zu machen.

Die körperlichen Defizite waren auf dem Platz kaum zu übersehen. Bereits im zweiten Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste wirkte die DFB-Elf phasenweise müde, in den Partien gegen Ecuador und Paraguay offenbarten viele Spieler deutliche Schwächen in den Zweikämpfen und an Spritzigkeit. Kein alleiniger Grund für das frühe Aus, aber ein weiterer Baustein in einem insgesamt brüchigen Turnierverlauf.

Verwendete Quellen: ntv.de, Sky Sport