Neymar saß auf dem Rasen im Stadion von East Rutherford und weinte. Er weinte und weinte und weinte. Mitspieler versuchten noch, den Rückkehrer zu trösten, doch es half alles nichts. Am Boden zerstört zog sich der 34-Jährige sein Trikot über das Gesicht - das Achtelfinal-Aus von Brasilien bei der WM gegen Norwegen und Doppelpacker Erling Haaland stürzt ein ganzes Land in tiefe Trauer. Schon wieder.
Es sei "unerklärlich, was da passiert ist. Wir müssen uns bei allen entschuldigen, dass wir es heute nicht geschafft haben", sagte Kapitän Marquinhos nach dem 1:2 (0:0) gegen die Skandinavier. "Wir haben vier Jahre bis zur nächsten WM und hoffen dann, dass wir da gewinnen." Es wäre für die Selecao der siebte Anlauf seit dem letzten Titelgewinn 2002. Der siebte Anlauf, um endlich den sechsten WM-Stern zu holen. Das Aus ist das früheste seit 36 Jahren. Die Fragezeichen sind so riesig wie die Enttäuschung.
Neymar ist tränenüberströmt nach dem WM-Aus

Man wisse nicht, was bis zur nächsten WM "geschehen wird", sagte Marquinhos: "Aber ich bitte darum, dass die Fans mit uns Geduld haben. Dass wir nicht so weiterspielen können, ist klar." Man müsse "neue Ideen finden", meinte Trainer Carlo Ancelotti, sowie "einige Spieler austauschen. Wir brauchen junge Talente, hochkarätige Spieler, die aus dem brasilianischen Fußball kommen, um in Zukunft für die Nationalmannschaft spielen zu können."
Superstar Neymar, der von Ancelotti überraschend nominiert worden war, kündigte nach dem Spiel bereits seinen Rücktritt an. Ob Ancelotti den weiteren Umbruch selbst verantworten wird, ist offen. Er sei "schon immer sehr leidenschaftlich bei diesem Job, seit ich ein Kind war", betonte der Italiener, "und solange ich leidenschaftlich bin, werde ich diesen Job weiter machen". Man werde lernen, mit der aktuellen Enttäuschung umzugehen, schloss Ancelotti: "Wir werden diese Niederlage nehmen und wir werden sie als Treibstoff für den neuen Zyklus nutzen."
Schon nach dem 1:1 gegen Marokko zum Auftakt hatte es in der Heimat Kritik gegeben. Die Selecao präsentierte sich danach zwar verbessert, allerdings zu keinem Zeitpunkt wie ein echter Titelanwärter. Das konnte auch Erfolgscoach Ancelotti mit seiner ruhigen und umsichtigen Art der Führung nicht ändern. Fünfmal hat der Trainer-Routinier die Champions League gewonnen, dazu Meisterschaften in Italien, England, Frankreich, Spanien und Deutschland. Doch seine WM-Premiere als Chefcoach eines Nationalteams endete ernüchternd.
"Morgen starten wir neu", kündigte Ancelotti direkt an. Bei dieser WM saßen Brasiliens größte Stars - wie etwa die bislang letzten Weltmeister Ronaldo, Ronaldinho, Roberto Carlos oder Kaká - auf der Tribüne. 2030 muss das Ziel sein, dass wieder Stars auf dem Platz stehen. Doch bis dahin dürfte es ein weiter Weg werden für die Selecao. Aus dem tiefen Tal der Tränen.


