Auf einmal rennt Erling Haaland. Der Norweger prescht wie ein wildgewordener Elch auf Gabriel los und rammt ihn in den Boden. Fast 80 Minuten hatte der brasilianische Verteidiger die norwegische Urgewalt im Griff. Sie rangeln, sie rempeln, sie klammern: Bis tief in die Schlussphase, dann trifft Haaland per Kopf. Und nach Wiederanpfiff rennt er Gabriel eben um.
In der Fußballwelt existieren viele Metaphern, um Haaland zu beschreiben. Er ist das Tormonster, der Brecher mit dem Babyface, eine Maschine, wie ihn sein Trainer noch am Vortag bezeichnete. Aber, die Seite, die Haaland an diesem Abend in East Rutherford in den Schlussminuten zeigt, ist eine andere. Der emotionale Haaland. Er steht nach dem Abpfiff auf dem Rasen, sichtlich bewegt, Tränen in den Augen. Seine Treffer führen dazu, dass Norwegen etwas Historisches schafft: mit 2:1 gegen Brasilien im WM-Achtelfinale zu gewinnen.
Unfassbarer Haaland-Hammer beendet Brasiliens WM-Traum

Schon nach seinem zweiten Treffer, in der letzten regulären Spielminute, platzt es wortwörtlich heraus. Beim Jubeln löst sich das Haarband, das die blonde Mähne des Norwegers zusammenhält. Der Treffer selbst ist ein klassischer Haaland. Ein Tor aus einer Halbchance, einfach von der Sechzehnerkante abgezogen. Durch die Beine eines brasilianischen Verteidigers. Und nach Wiederanpfiff rennt Haaland wieder wie wildgeworden los, wieder auf einen brasilianischen Verteidiger zu. Diesmal mit offenen Haaren.
Norwegische Teufelskerle
Ein Verdacht drängt sich auf: Ist das Tormonster doch nur ein einfacher 25-Jähriger? Nach einem Interviewmarathon steht er mit Badeschlappen zwei Stunden nach Abpfiff vor den Medienschaffenden. Noch ungeduscht antwortet er viermal freundlich auf die gleiche Frage: Wie fühlt sich das alles gerade eigentlich an, Erling? Er müsse sich manchmal kneifen, sagt Haaland. Auch er könne nicht verstehen, was da mit ihm passiert. Sieben Tore bei einer WM. Unfassbar. Und Brasilien mit zwei Toren aus einer Weltmeisterschaft zu werfen? Keine Worte. Ein Traum, der so "surreal" schien, dass er ihn nie hatte, sagt Haaland.
Dabei sah das lange an diesem Nachmittag in New Jersey nicht danach aus. Haaland nahm eigentlich nicht an dem Spiel teil. Er verstolperte Ballannahmen, hatte vor seinem ersten der beiden Treffer nur einen einzigen Schuss aufs Tor. Er struggelte mit seinem Bewacher und Intimfeind Gabriel, beide kennen sich aus der Premier League - und haben dort schon viele Kämpfe ausgetragen. Haaland verzweifelte, irgendwann fing er sogar an, sich Ballkontakte tief in der eigenen Hälfte zu holen.
Haaland-Papa tanzt bei Norwegen-Party im Stadion

Deshalb ging es lange auch nicht um Haaland. Sondern um die anderen norwegischen Teufelskerle. Um Martin Ødegaard, der das norwegische Spiel orchestriert. Oder Julian Ryerson, der Vinicius Jr. immerhin manchmal einbremsen konnte. Oder Leipzigs Flügelstürmer Antonio Nusa, der mit seinen Dribblings die brasilianische Abwehr immer und immer wieder prüfte.
Sie jubelten schon früh, in der 3. Minute, aber der Treffer zählte wegen Abseits nicht. Deshalb betrat ein anderer norwegischer Held die Bühne. In der 13. Minute kam der Moment, der alles hätte ändern können. Und es kam auf Torwart Örjan Nyland an: berechtigter Foulelfmeter. Bruno Guimarães schoss schlecht, Nyland hat die Ecke. "Wenn du so früh im Spiel einen Elfmeter hältst, dann fühlst du als Torwart, dass du heute sehr schwer zu überwinden bist", sagt er später und sollte Recht behalten.
Haaland: Unfassbar
Die wilde Anfangsphase riss die Tribünen nun vollends mit. Die brasilianischen Fans taten völlig unübliche Dinge: Sie, die eigentlich das schöne Spiel lieben, feierten Tacklings und Ballgewinne ihrer Mannschaft, vielleicht sogar mehr als die Dribblings von Vinicius Jr. Derweil ruderten die roten Norweger so enthusiastisch, dass selbst die Brasilianer auf den Rängen irgendwann einfach mitmachten.
Es wirkte wie ein wohltuender Kontrast zur absurden FIFA-Welt drumherum. Die Bahnfahrt aus New York zum Stadion kostet 98 US-Dollar. Die Preise für Essen und Trinken sind ähnlich horrend. Unmittelbar vor Anpfiff wurde bekannt, dass Donald Trump persönlich eingriff, damit US-Star Folarin Balogun gesperrt wird. Ein Fiebertraum.
Neymar ist tränenüberströmt nach dem WM-Aus

Brasilien, das fiel schnell auf, hat unter Trainer Carlo Ancelotti die Transformation zum Real Madrid 2.0 beinahe abgeschlossen. Der Rekordweltmeister stand defensiv tief, fuhr immer brandgefährliche Konter über Vinicius Jr. Das Problem war nur, dass Ancelotti nicht den Rest von Real hat mitbringen können: Gerade das Mittelfeld schien nicht existent. Und so war es wie schon in den Spielen zuvor ein Mix aus Angriff und Verteidigung - ohne Grautöne.
Das führte zu einem Spiel, das eigentlich nach einer Verlängerung schrie, eben weil es so unterhaltsam war. Nun ja. Bis Haaland auftrat und eine Flanke dermaßen witzlos und wuchtig vollendete, wie es eben nur ging. Danach zeigte auch noch Torwart Nyland nach dem gehaltenen Elfer in der Schlussphase noch eine Weltparade, als er eine unfreiwillige Bogenlampe von Verteidiger Kristoffer Ajer noch an den norwegischen Pfosten lenkte. Haalands zweiter Treffer sorgte dann für die Entscheidung. Daran änderte auch das späte Elfmetertor von Neymar nicht mehr.
Für die norwegischen Kinder
Für Neymar endete übrigens die WM-Geschichte an diesem Nachmittag, er trat aus der Nationalelf zurück. An dem Ort, an dem er 2010 sein Debüt für die brasilianische Nationalelf gab. Beim 2:0 gegen die USA. Derweil scheint für andere eine neue Geschichte zu beginnen. Und das mit besonderen Vorzeichen: Brasilien und Norwegen verbinden eine besondere WM-Vergangenheit. Die Südamerikaner konnten noch nie gegen die Nordeuropäer gewinnen. Bei ihrer letzten WM-Teilnahme 1998 siegte Norwegen gegen Brasilien in einem egalen letzten Gruppenspiel mit 2:1. Bis zu diesem Abend war es der größte fußballerische Erfolg in der Verbandsgeschichte.
Bis eben zu diesem Abend. Wer weiß, wie weit es für die norwegischen Teufelskerle nach so einem Spiel noch gehen kann? Nationaltrainer Ståle Solbakken hat eine funktionierende Mannschaft geformt, die sich auch nicht vom Rekordweltmeister einschüchtern lässt. Vielleicht rudern die Wikinger bis ins Finale? Klar, da sind noch Lücken in der Defensive und man ist schon sehr abhängig von Haaland, aber da gibt es vermutlich Schlimmeres. Als Nächstes geht es am Samstag in Boston gegen England.
Aber das ist in der Zukunft. Jetzt geht es ums Genießen. Torwart Nyland sagt, das war für alle Kinder in Norwegen. Sie zeigten, dass es fußballtechnisch egal sein kann, woher man kommt. Der junge Andreas Schjelderup strahlt vor den Medienschaffenden mit den grellen FIFA-Leuchten um die Wette. Und da ist ja noch Haaland, der in seinem Ringen um Worte noch von Superstar Vinicius Jr. unterbrochen wurde, der sich verabschieden wollte. Alles noch ein bisschen surreal.


