Die Ivorer vertändeln an der Strafraumkante den Ball, John Yeboah zieht seinen Schuss in leichtem Bogen in die lange Ecke - aber der Deutsch-Ecuadorianer trifft die Latte. Einige Minuten später kommt ein Steckpass von links in den Strafraum, Alan Minda steht sieben Meter frei vor dem ivorischen Torwart - wieder Latte. Die Südamerikaner sind wacher, flinker, überraschen den afrikanischen Gegner mit Spielfreude und Überzeugung. Aber ein Tor will ihnen nicht gelingen. So beginnt das Duell der deutschen WM-Gegner.
Das Tor schießen die Ivorer, kurz bevor die Uhr auf 90 Minuten springt. Zehn Meter hinter der Mittellinie setzt sich Innenverteidiger Wilfried Singo an der Seite durch und sprintet fünfzig Meter über den leeren Rasen, legt den Ball scharf und flach quer in den Strafraum, Amad Diallo von Manchester United rauscht in der Mitte heran und lenkt ihn perfekt mit Spin neben den linken Innenpfosten; die wenigen Ivorer auf den Rängen kennen kein Halten mehr, eine Traube aus Körpern feiert das Tor an der Eckfahne, 1:0, Sieg.
Aufschreckende Erkenntnisse fürs DFB-Team
Das Duell der beiden weiteren deutschen Gruppengegner erlebt nur einen Treffer, aber es wogt Hin und Her, ein Kampf um den frühen Vorteil in diesem Mega-Turnier in Nordamerika. Es liefert auch einige Erkenntnisse für die DFB-Elf, die noch gegen beide antreten muss. Die offensichtlichste davon: beide Teams können der DFB-Elf gefährlich werden - und wollen das auch. Trotz der deutschen Demonstration gegen Curacao; so werden es die Cheftrainer nach der Partie sagen.
Nächster DFB-Gegner siegt in letzter Minute

Dass die Ecuadorianer überhaupt einen Gegentreffer kassierten, ist an sich schon fast eine Nachricht, schließlich waren es in den 18 Partien der südamerikanischen WM-Qualifikation, den "Eliminatorias", nur 5. Die Defensiv- und Pressingspezialisten hatten aber insbesondere mit dem Leipziger Supertalent Yan Diomande deutliche Probleme - der spielte die linke Abwehrseite und damit den Ex-Leverkusener Hincapie schwindlig; oder denjenigen, der ihn grade ersetzte, weil er nach vorne gegangen war.
Zwar ist die Elfenbeinküste in ihren drei WM-Teilnahmen nie über die Gruppenphase hinausgekommen. Aber es war abzusehen, dass sie keine Laufkundschaft sein würde. In ihrem Testspiel kurz vor Turnierbeginn zogen die "Elefanten" dem Vizeweltmeister Frankreich mit 2:1 die Zähne. Ecuador um Cheftrainer Sebastián Beccacece hatten vorher analysiert, wie die Ivorer vorgehen würden: "Zu den Stärken, die wir gesehen haben, gehören die Umschaltphasen, die Art und Weise, wie ihre Außenverteidiger durchbrechen, oder das Zusammenspiel zwischen ihnen von außen nach innen", so der Verteidiger Angelo Preciado. Das ist in diesem Spiel auch für ihre Defensivstärke zu viel.
Ecuador-Fans lassen's krachen
Dabei war insbesondere die erste Halbzeit richtig stark von den Ecuadorianern, das Stadion mit fast 70.000 Plätzen ein Meer in Gelb.
Schon die Züge von New York nach Philadelphia waren brechend voll, es gibt sogar eine U-Bahn - ungewöhnlich für die USA - aus dem historischen Stadtzentrum zum Stadion; und wenn auf der schweißtreibenden Fahrt nicht "sí se puede!"-Sprechchöre - es ist möglich! - die Scheiben zum Wackeln bringen würden, könnte man sich fast in Europa wähnen. Doch da sind ja noch die gigantischen Parkplätze um das umfunktionierte American-Football-Rund herum - und die Scharen südamerikanischer Fans, die auf dem Asphalt campieren, grillen und die letzten Minuten der vorangegangenen Partie auf einem Flachbildfernseher verfolgen.
DFB liefert torreiches Super-Spektakel, Japan schockt Oranje-Ensemble
Schon dort ist die Vorfreude spürbar, einmal angekommen auf den Rängen werden sie geradezu euphorisch bei jedem Ballgewinn von La Tri, jeder Zweikampf mitgelitten, ein bisschen Platz im Mittelfeld akustisch begleitet. Das Stadion, in dem sich sonst die Philadelphia Eagles per Yard-Linien vorarbeiten, atmet die dichte Luft einer Fußball-WM. In den ersten Minuten setzt Superstar Moisés Caicedo vom FC Chelsea einen Ball knapp neben das Tor und nährt die Sehnsucht, einmal mehr zu erreichen als das Achtelfinale, wie bei der WM 2006 in Deutschland.
Immer wieder Diomade
So geht es weiter. Ein Verteidiger rutscht aus, der 36-jährige Stoßstürmer Enner Valencia schießt frei aus elf Metern übers Tor. Es hätte zwar nicht gezählt, da Hincapie vor seinem Pass in die Mitte die Kugel über die Seitenauslinie gerutscht war. Bei eigenem Ballbesitz schiebt Beccacece von der Seitenlinie seine Elf energisch nach vorn, er betriebt Mikromanagement, das Team folgt. In der 13. Minute wogt La Ola über die Tribünen. Die Ivorer melden sich ebenfalls an, der Hoffenheimer Bazoumana Touré feuert einen Flachschuss von links ab, Ecuadors Fast-ältester-Turniertorwart, Hernan Galindez, lenkt ihn Zentimeter um den Pfosten. Die Elfenbeinküste drückt die Südamerikaner erstmals hinten rein.
Die Band der Eagles trommelt durch die drei Minuten Trinkpause; die Elfenbeinküste ist insbesondere über Diomandes Seite besonders aktiv. Ecuador presst zugleich effektiv, hat klarere Torchancen, aber insgesamt ist es ausgeglichen. Die Ivorer kommen präsenter aus der Kabine; bei einer Ecke feuert Innenverteidiger Singo einen Fallrückzieher knapp am linken Kreuzeck vorbei. Elye Wahi bekommt den Ball vors Tor serviert, er trifft nur die Latte.
Elfenbeinküste - Ecuador 1:0 (0:0)
Tore: 1:0 Amad Diallo (90.)
Elfenbeinküste: Fofana - Doué (89. Kossounou), Singo, Agbadou, Konan - Kessié, Fofana (77. Sangaré) - Diomande, Pepe (77. Inao Oulai), Touré (56. Diallo) - Wahi (56. Bonny). - Trainer: Fae
Ecuador: Galindez - Franco (63. Porozo), Ordonez, Pacho, Hincapie - Caicedo, Vite - Yeboah (63. Preciado), Plata, Minda (56. Angulo) - Valencia (77. Rodriguez). - Trainer: Beccacece
Schiedsrichter: François Letexier (Frankreich)
Zuschauer: 68.274 in Philadelphia
Gelbe Karten: Seko Fofana, Franck Kessié, Guéla Doué - Jackson Porozo
Diomande, Diomande, Diomande, er ist fast nicht zu stoppen. Je länger die zweite Halbzeit dauert, desto mehr wird deutlich: ein Unentschieden wird hier keiner einfach so akzeptieren, die Zweikämpfe sind intensiv, die Ivorer physisch dominant. Aber auf den Rängen kommt neue Energie, das ganze Stadion fordert "ésta noche tenemos que ganar", heute Abend müssen wir gewinnen. La Tri antwortet prompt, kommt über den Flügel, nach einer Flanke kommt ein Pfund von der Strafraumgrenze auf den ivorischen Torwart, die Euphorie ist weiterhin da, der Glaube ohnehin. "Sí se puede!" In der 86. Minute über links bricht ein Ecuadorianer durch, zieht nach innen, wird aber gelegt. Freistoß. Das Stadion steht, es folgt eine Ecke von der anderen Seite, der südamerikanische Trainer ist nicht mehr zu halten, verlässt seine Zone. Doch das Tor, das machen die Ivorer, die einen ihrer vielen Konter abschließen.
"Das kannst Du nicht kontrollieren"
Das gelbe Meer kann die Niederlage nicht verhindern; die vergebenen Chancen der ersten Halbzeit, die beiden Lattentreffer, sie haben sie spät gerächt. Die Träume Ecuadors zerschellten an der Widerstandsfähigkeit der Ivorer, Latte und Pfosten. "Am Ende wurde La Tri von der Physis der Elefanten überwältigt", urteilte das südamerikanische Fußballmedium "Olé", und nannte es ein "bitteres Debüt" ins Turnier. "Das kannst Du nicht kontrollieren, wir waren hundertprozentig im Spiel", meint Ecuadors Trainer über den Gegentreffer.
Enner Valencia sagt, man werde "erhobenen Hauptes weitermachen. Es fängt grade erst an, wir haben ein ganzes Turnier vor uns." Gegen Deutschland müsse La Tri so weitermachen, versuchen, die Partie an sich zu reißen und die Tiefe suchen - aber es seien eben andere Spiele. Und die Elfenbeinküste, die nun gegen Deutschland die K.o.-Runde absichern wollen? Cheftrainer Emerse Faé zeigt sich stolz - und forderte die deutsche Mannschaft heraus. "Wir werden ihnen Auge in Auge gegenüberstehen", sagt er auf eine Frage, wie sie in die Partie mit der DFB-Elf gehen werden. Man wolle gewinnen. "Wir versuchen, die Deutsche Mauer einzureißen."



