18-jähriger Marokkaner zockt

Ein Pass bringt 60.000 Brasilianer zum Schweigen

imageVon Roland Peters, New Jersey
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14.06.2026 | 06:17 Uhr
In einem frühen Duell der möglichen Anwärter auf den WM-Titel zeigt sich Brasilien stabil, aber mit ungeahnten Ungenauigkeiten. Ein blutjunger Marokkaner spielt inmitten einer Top-Mannschaft mit der Seleção nahezu, wie er will.

Der Schock schickt die geschätzt 60.000 brasilianischen Fans in ihre grauen Klappsitze zurück und lässt die anderen auf ihnen tanzen. Sekunden zuvor haben Casemiro und Co. am Mittelkreis das Nachsehen; Brahím Díaz bekommt den Ball, legt ihn ohne aufzublicken tödlich zwischen den Innenverteidigern hindurch für Ismael Saibari auf - der lupft ihn über Torwart Alisson an der Strafraumgrenze ins Netz. Eine Ballannahme und ein 50-Meter-Pass der Marokkaner hat die komplette brasilianische Struktur ausgehebelt. Der Schiedsrichter pfeift zur Trinkpause, die Luft auf den drei übereinanderliegenden Rängen ist erstmal raus.

Vor mehr als vier Jahren hätte Brasilien gegen Marokko nach einer relativ deutlichen Angelegenheit geklungen. Auch das heutige Endergebnis von 1:1 (1:1) wird nicht nach einem Topspiel klingen. Doch das Duell in der Gruppe C ist das hochklassigste der Vorrunde, der sechste der Fifa-Weltrangliste spielt gegen den siebten. Brasilien flog bei der WM 2022 im Viertelfinale raus, Marokko spielte um den dritten Platz. Danach gewannen die Afrikaner um Ex-Bayern-Star Noussair Mazraoui sowie PSG-Verteidiger und Ex-Dortmunder Achraf Hakimi noch in einem historisch chaotischen Afrika-Cup-Finale den Kontinentalwettbewerb.

Nicht nur auf dem Papier ist es ein spezielles Vorrundenspiel, auch auf dem Platz ist es intensiv. Marokko beginnt strukturiert, verteilt den Ball, bringt Brasilien in den ersten zehn Minuten in Verlegenheit. Die Seleção schwimmt; sie stabilisiert sich langsam, fängt aber das Gegentor. Die Fans bleiben nach der Trinkpause erstmal sitzen. Blitzartig bekommen sie neue Energie: Marokko verteidigt in Minute 32 seinen Strafraum massiv, lässt aber die linke Seite praktisch offen. Vinicius Junior bekommt die Kugel, hat viel Platz, zweimal, zieht nach Innen, dreimal, viermal legt er sie sich zurecht, mit dem fünften Kontakt jagt er eine Rakete in die lange Ecke. Das Stadion steht wieder.

Brasiliens Superstar startet mit Traumtor in die WM

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Suche nach dem Selbstverständnis

Man könnte jetzt behaupten, dass Brasiliens Co-Trainer Paul Clement so eine Wendung vorausgesagt hatte. Die drückende Hitze in New York und New Jersey war nach einem Kurzmonsun am Vortag etwas abgeschwächt, die Luft nicht mehr so schwer, aber die Sonne brannte trotzdem auf das halbe Spielfeld herab. "Es wird spannend sein zu sehen, wie die Trainer diese Zeit nutzen für taktische Anweisungen", hatte Clement über die neuen regulären Trinkpausen gesagt. Aus Sicht der Trainer werde das "interessant". Aus der dreiminütigen Trinkpause sind die Brasilianer tatsächlich entschlossener herausgekommen.

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Für Brasilien ist diese WM eine Suche nach vergangenem Selbstverständnis. Der Rekord-Weltmeister hat seit seinem Titel 2002 in Japan und Südkorea - im Finale gegen Deutschland - nur einmal ein Halbfinale erreicht, selbst das ist schon wieder zwölf Jahre her. Das schockierende Ausscheiden im eigenen Land, ebenfalls gegen Deutschland, trägt die Seleção weiterhin mit sich herum; es wird sogar personifiziert von Neymar, dem einzigen Spieler von damals, der noch im Kader ist.

Brasiliens Auswahl spielte eine schlechte WM-Qualifikation in Südamerika. Sie verlor erstmals insgesamt sechs Partien und eine davon sogar zuhause im legendären Maracanã. Der brasilianische Verband verpflichtete Startrainer Carlo Ancelotti, der seit Mitte 2025 an der Seitenlinie steht. Der Italiener soll es richten. Denn trotz der relativen Erfolglosigkeit der vergangenen 20 Jahre ist Brasilien noch immer Rekordchampion mit fünf Titeln. Kein Teilnehmerland hat mehr Siege bei WM-Endrunden eingefahren.

Vinicius sticht heraus

Für Ancelottis Mannschaft ist der WM-Auftakt im Beton-Ufo von New Jersey ein echter Härtetest, für die Marokkaner ebenso. Deren Kader ist zwar voller bekannter Namen aus den großen europäischen Ligen, aber das ist nicht alles, wie auch die Brasilianer wissen. Das erste Gruppenspiel zeigt, was für die Seleção gegen weitere Top-Gegner zum Problem werden könnte. Sie sind nicht so leichtfüßig wie Marokko, wirken weniger kreativ, der erste Ballkontakt misslingt auffällig häufig; fast nur Vinicius hat auch mal Überraschungsmomente.

Von den Tribünen haben die Brasilianer genug Unterstützung, ihre Fans sind eindeutig lautstärker. Fast zwei Stunden vor Anpfiff war erstmals Jubel aufgekommen - die gigantischen Leinwände zeigten den nahenden Teambus der Brasilianer aus der Vogelperspektive, wie Carlo Ancelotti, Neymar und Co. in die Kabine liefen, Vinícius Juniors vollführte kleine Tanzschritte am Spind. Würde die klirrende Lautstärke der Stadionlautsprecher nicht sogar das gebrüllte Wort übertönen, hätten die Zuschauer sich schon vor der Partie bemerkbar machen können.

In der gelb-grünen Kurve werden Banner mit Porträts der Legenden Didi, Garrincha, Pelé, Romário und Ronaldo auf Händen getragen. Die Kameras fangen neben letzteren auch die zuschauenden Roberto Carlos und Kaká ein, die Weltmeister von 2002. Mancher von ihnen schlägt die Hände vors Gesicht, wenn ein weiterer Angriff nichts einbringt.

Alisson sichert Brasilien Sekunden vor dem Abpfiff das Remis

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Abgezockt und mit Applaus

In der zweiten Halbzeit haben die angeblichen Umschaltspielmonster aus Südamerika zwar mehr Gelegenheiten als Marokko, können sich über das eine Tor hinaus aber nicht entscheidend gegen den giftig zweikämpfenden Gegner durchsetzen. Kurz nach Wiederanpfiff ist ein Schuss per Scherenschlag von Lucas Paquetá erfolglos. Brasilien wird nachdrücklicher, Marokko steht häufiger hinten drin. Dabei sticht immer mehr der 18-jährige Ayyoub Bouaddi heraus. Der kreative 6er von LOSC Lille spielt so abgezockt mit Ball und Gegner, als könne ihn fast nichts stressen. Als er einmal einen öffnenden 30-Meter-Pass von seinem Verteidiger in die Mitte bekommt, hat er die Ruhe, seinem Kollegen mit erhobenen Armen zu applaudieren, bevor er den Ball annimmt.

Die kreative Luft ist zwar etwas raus, aber je näher die Zeit dem Schlusspfiff rückt, desto leichter brechen die gelben Besucher auf den Rängen in hoffnungsvollen Jubel aus. Zehn Minuten Nachspielzeit sind angezeigt, als Vinicius in der 92. Minute vor der Kurve der aktivsten Anhänger fast über links durchbricht. Es gibt einmal, zweimal Ecke, Marokkos Torhüter Yassine Bounou wehrt beide Male mit den Fäusten ab, dann versucht es Danilo Santos aus wenigen Metern flach von rechts, aber wieder ist der Schlussmann da.

Die Partie ist fair umkämpft. Wer hier gewinnt, wäre schon sehr nah an der ersten K.o.-Runde. Also kommt auch Marokko noch einmal vors gegnerische Tor: Neil El Aynaoui schießt aus der zweiten Reihe, Alisson hält den Ball nicht fest, der eingewechselte Ayoube Amaimouni von Eintracht Frankfurt kommt an ihn heran, aber der Torwart kann das Schlimmste verhindern. Die resultierende Ecke bringt nichts, und auf der anderen Seite hat der blutjunge Bouaddi einmal mehr die Ruhe weg, lässt Barcelonas Raphinha nonchalant im eigenen Strafraum aussteigen. Der brasilianische Star sinkt zu Boden. Das Top-Duell der gigantischen WM-Vorrunde ist vorbei.

Verwendete Quelle: ntv.de