Das Wettballern der Weltsuperstürmer geht weiter, und die WM hat einen großen Favoriten mehr. Beim sensationellen 4:2 (2:2) Englands gegen Kroatien, dem wohl besten Spiel des bisherigen Turniers, mischt sich jetzt auch Harry Kane in den Kampf ein. Mit seinen zwei Treffern bleibt Lionel Messi in Sicht. In Dallas feuert der 32-Jährige aus allen Lagen und beschert der WM direkt am ersten Spieltag ein wildes Rennen der besten Angreifer der Welt.
England meldet sich unterdessen als WM-Favorit an. Die Mannschaft von Thomas Tuchel hat nur ein Problem: die Defensive. Weil die Three Lions jedoch über große Teile des Spiels nur einen Weg, den nach vorne, kennen, ist das egal. Dazu zeigt der Weltmeister von 1966 bei den Ecken seine große Stärke.
Losgelöster Tuchel feiert seinen ersten WM-Sieg

Sie blocken sich den Weg frei, sie wissen, welche Spieler sie in die richtigen Positionen bringen müssen, und sie haben in Declan Rice den Mann, der weiß, wohin der Ball muss. "Wir wussten, dass sie das tun werden", sagt Kroatiens Trainer Zlatko Dalic nach dem Spiel und teilt gegen das Verteidigungsverhalten seines Teams aus: "Das war desaströs."
Fahrlässige Momente in der Verteidigung, zu wenig Mut im Offensivspiel und das teils fehlende Auge für die Lücken in der Abwehr lassen jedoch mindestens 45 Minuten lang an einem Sieg des Favoriten zweifeln. Dann dreht es sich. Denn als die Partie zur Pause beim Stand von 2:2 auf der Kippe steht, sagt der 52-jährige Tuchel: "Wenn wir verlieren, verlieren wir auf unsere Art." Das berichtet ein rundum glücklicher Kane nach dem Spiel - eine Verbeugung vor seinem Trainer. "Wir haben sie ermutigt, sie selbst zu sein", sagt Tuchel.
England trifft "genau ins Schwarze"
Wenig später gewinnen sie das Spiel auf ihre furiose Art. Bereits in der 47. Minute zieht Bellingham auf der rechten Seite davon und steht wenig später mit ausgebreiteten Armen vor der Tribüne. Kroatiens Mario Pasalic schaut ihm mit langer Zunge hinterher.
Der Star von Real Madrid ist einfach zu schnell, sein Abschluss ins lange Eck zu präzise. "Juuuuude", hallt es durch die Arena. England schenkt das nicht mehr her. "In der ersten Halbzeit waren wir ein wenig nervös", sagt der ehemalige Dortmunder nach dem Spiel und dankt ebenfalls Tuchel: "Ein großes Lob an den Trainer und seinen Staff. Wir haben heute genau ins Schwarze getroffen."
Furioser Bellingham trifft sehenswert aus spitzem Winkel

Jude Bellingham, Noni Madueke, Kane und die eingewechselten Marcus Rashford und Bukayo Saka brillieren, hinter ihnen orchestrieren Declan Rice und Elliot Anderson die Angriffe. Sie inszenieren sich als eine Mannschaft voller Selbstvertrauen, voller Ideen und voller schneller Umschaltsituationen.
Die überragende, mit außerordentlichen Individualisten bestückte Offensive Englands zeigt an diesem Tag, was möglich ist, wenn aus Einzelspielern eine verschmolzene Einheit wird. Schon am Tag zuvor sprechen Tuchel und Kane darüber auf der Pressekonferenz.
Weil jedoch manche Worte nichts und Taten im Fußball alles bedeuten, darf erst nach dem wilden Spiel vor knapp über 70.000 Zuschauern behauptet werden: Mit diesem England ist bei der WM 2026 zu rechnen.
Kane verschießt Elfmeter
"Wir haben Vollgas gegeben", sagt Kane nach dem Spiel über die zweite Halbzeit, in der England bis zur Trinkpause vollkommen entfesselt durch das Stadion der Dallas Cowboys rennt und nur dank einer erstaunlichen Leistung des Torhüters Dominik Livakovic im Spiel bleibt.
Ganz England träumt - und mit England auch Kapitän Kane, der seit Kindheitstagen immer wieder Visionen eines Titels mit sich herumschleppt und jetzt, in der Form seines Lebens, aus Visionen Realität schaffen will.
Fast hätte er diesen Traum aufgeben müssen. Bereits in der neunten Minute hängt das Turnier des Kapitäns der englischen Nationalmannschaft am seidenen Faden. Kane kämpft mit den Dämonen der Vergangenheit. Sie besiegen ihn. Doch Schiedsrichter Clement Turpin schreitet zur Tat. Der Franzose, von England-Boss Thomas Tuchel einst übelst beschimpft, gewährt Kane eine zweite Chance.
Ein letzter Blick in Richtung Kroaten-Keeper Livakovic, Anlauf jetzt. Der Ball liegt dort, wo er hingehört. Nur elf Meter zwischen ihm und dem Tor. Harry Kane läuft an, stoppt, hebt den Kopf, schiebt den Ball in die linke Torwartecke. Livakovic ist da.
Da ist er wieder, der alte Quälgeist, da ist es wieder, das Trauma von 2022. Da ist er wieder, der "schlimmste Moment seiner Karriere". Der spielte sich vor beinahe vier Jahren ab: der verschossene Elfmeter beim Stand von 1:2 im Viertelfinale der WM gegen Frankreich. Das Aus. Mehr Schmerz.
Aber Livakovic hat sich zu früh bewegt. Turpin lässt wiederholen. Kane läuft an, stoppt nicht ab, schiebt den Ball wieder in die linke Torwartecke. Tor. Die frühe Führung für England. Später lässt Kane noch einen weiteren Treffer folgen. Langer Anlauf nach einer Ecke von Declan Rice, das Feld für ihn freigeblockt, Kopfball, das 2:1 in der 38. Minute.
Kroatien mitunter chancenlos
Mehr Platz bekommt Kane letztlich nicht mehr bei diesem Spiel des Wahnsinns auf dem Spielbericht. Auch weil Livakovic im Tor der Kroaten zwischen der 56. und 58. Minute fünf Bälle, darunter zwei von Kane, pariert und der WM-Dritte von 2022 lange Zeit trotz kompletter Chancenlosigkeit im Spiel bleibt. In der 76. Minute zittert England, der unsichere Torhüter Jordan Pickford kann einen Schuss von Mario Pasalic abwehren.
Die erste Woche der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 war die große Woche der Superstürmer. Lionel Messi, Erling Haaland, Kylian Mbappé hatten das Wettballern der Weltfußballer eröffnet - und inmitten der texanischen Cowboy-Kulisse in Dallas mischt sich Kane mit der Schönheit seines Spiels ein.
Klopp herzt und lobt Tuchel nach englischem Auftaktsieg

Er ist mehr als ein Angreifer. Das wissen alle, die nur für wenige Minuten die Bundesliga verfolgt haben. Kane lässt sich tief fallen, orchestriert das Spiel, sendet seine wohltemperierten Pässe auf die Flügel, nur um sich in den Strafraum zu schleichen. Er ist überall. "Wenn du siehst, wie sich unser Kapitän in den letzten Minuten in der Defensive reinwirft, dann sagt das alles. Es war eine komplette Leistung. Er ist unser Leader", sagt Tuchel nach dem Spiel.
61 Tore in 51 Pflichtspielen beim FC Bayern, Kandidat für den Ballon d'Or, den Titel des besten Fußballers der Welt. Der Individualisten-Award kommt nur, wenn Kane das Kollektiv zum großen Traum eines ganzen Landes geführt hat. Das Ende der Dürre.
England darf träumen
Das wollen sie alle. Wenige Stunden vor dem Auftakt der Three Lions meldet sich auch der britische Premierminister Keir Starmer. Er sagt: "Heute Abend können wir wieder träumen. Wie jeder England-Fan werde auch ich Thomas Tuchel, Harry Kane und den gesamten Kader anfeuern. Auf geht's, England." Geht es dann auch.
Nach diesem furiosen Auftakt der Engländer wird auf der Insel weiter geträumt werden. Damit sich Starmers Prophezeiung erfüllt, wird England sich steigern müssen. Das wissen sie. Zweimal werden sie in der ersten Halbzeit mit Chipbällen überspielt. Sehenswert dabei besonders das 2:2 mit dem Halbzeitpfiff, als nach einem Ball von Mario Pasalic hinter die letzte Linie der Veteran Ivan Perisic gleich drei Engländer ins Leere laufen lässt und den Ball mit dem Hinterkopf auf Petar Musa legt. Im Tor ist da auch Pickford chancenlos.
Kroatien schlägt mit Traumkombination gegen England zurück

Der Sieg gerät auch deswegen in Gefahr, weil England sich nach Bellinghams Lauf und nach der Fünffachchance wieder zurückzieht, das Tempo rausnimmt, Kroatien den Ball überlässt. Bis zum 4:2 flehen sie um den Ausgleich. Dann kommt Marcus Rashford. Er will nicht mehr flehen und veredelt das, was sich die Three Lions an diesem Tag erkämpft haben.
"Ich liebe erschöpfte Spieler in der Kabine", sagt Tuchel und zieht bald schon wieder mit seiner Mannschaft zurück zur Teambasis nach Kansas City. England hat einen Job zu erledigen und Kane ein Wettballern zu gewinnen. Ein herrlicher Auftakt reicht nicht. "Es gibt keinen anderen Ort der Welt, an dem ich lieber wäre", sagt Tuchel in Dallas sitzend. Er meint die WM. Die endet am 19. Juli mit dem Finale in New York. Da will Tuchel sein, da wollen alle sein. England träumt.





