Albtraumspiel gegen Paraguay

Fassungslose Türkei kann größte Dummheit der WM nicht nutzen

imageVon Tobias Nordmann
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20.06.2026 | 08:02 Uhr
Wahnsinn in Santa Clara: Die türkischen Fußballer fliegen sensationell aus der WM. Gegen Paraguay zerbricht die Mannschaft am Chancenwucher und kann sogar eine unfassbare Dummheit des Gegners nicht nutzen.

Der erfahrene Spielmacher Miguel Almiron aus Paraguay verdient sich an diesem Samstagmorgen bei der Fußball-WM den Titel für die größte Dummheit des Turniers. In der zweiten Minute der Nachspielzeit (erste Halbzeit!) geht Isidro Pitta zu Boden. Der Paraguayer wälzt sich, die Türken schäumen vor Wut. So schlimm sei's ja nicht gewesen. Es wird wild gerudelt. Schiedsrichter Ivan Barton aus El Salvador sortiert die aufgeregten Gemüter und bekommt nicht mit, was in seinem Rücken passiert. Almiron hält sich die Hand vor den Mund. Mert Müldür winkt vehement! Hand vor den Mund, das ist Rot! VAR-Check. Und tatsächlich: Rot.

Vor der Weltmeisterschaft hatte die FIFA die Regeln geschärft. Beleidigungen hinter vorgehaltener Hand, diese sollen ab sofort hart sanktioniert werden. Mit Rot halt. Das Wort "konfrontativ" war Schiedsrichter-Chef Pierluigi Collina dabei besonders wichtig. Es gehe gezielt um Situationen, in denen Spieler aneinandergeraten. Der Fall Almiron war eindeutig. Paraguay ging personell geschwächt, aber immerhin mit einer 1:0-Führung in die Pause. Matias Galarza hatte bereits in der zweiten Minute getroffen. Die Türken hatten sich im Aufbau einen fatalen Fehlpass geleistet. Paraguay reagierte blitzschnell. Galarza schloss aus der Distanz ab.

"Wir sitzen in der Kabine und weinen"

Am Ende einer absurden WM-Schlacht reichte dieser Blitztreffer. Paraguay konnte es nach dem Schlusspfiff nicht fassen, völlig erschöpft brachen sie nach dem 1:0 zusammen. Die ideenlosen Türken schossen sich die Füße wund, verzweifelten, vergossen Tränen. Mert Müldür weinte hemmungslos auf dem Platz. Das war's. Das mit großen Ambitionen gestartete Team von Trainer Vincenzo Montella ist ausgeschieden. Wahnsinn. Die Zeitung "Hürriyet" stellt ernüchtert fest: "Ein schmerzhafter Abschied von der WM! Null Tore, null Punkte." Trotz Stars wie Kenan Yildiz, wie Arda Güler. Trotz größer Ambitionen.

Paraguay schießt Türkei dramatisch aus der WM

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"Wir sind richtig, richtig traurig. Das war beschämend", gestand Güler. "Wir entschuldigen uns bei unserem Volk. Wir müssen jetzt alles geben, um das wiedergutzumachen." Güler verzweifelte an dem Chancenwucher seines Teams. "Ich weiß gar nicht, wie ich von unseren Gefühlen sprechen soll. Wir sitzen in der Kabine und weinen." Trainer Vincenzo Montella stellte sich schützend vor seine Spieler und beklagte das Pech bei den vergebenen Chancen. "Wir haben nicht getroffen, aber wir hatten 65 Torschüsse in zwei Spielen", sagte er. "Sie haben ihr Herz und ihre Seele auf dem Feld gelassen. Fußball ist nicht logisch, deswegen ist es das schönste Spiel der Welt. Das bessere Team gewinnt nicht immer."

Blitzschock für Türkei

Der nächste WM-Schock für die Türkei, die schon nach der überraschenden Auftaktpleite (0:2) gegen Australien am Boden lag. Als erste Mannschaft des Turniers sind sie raus. Was nun passiert, alles scheint möglich. Über die Mannschaft schwappte schon nach dem ersten Spiel eine donnernde Wutwelle hinweg. Die Fußballer baten ihre Fans um Vergebung. Die Musiklegende Tarkan rief seine Nation mit einem flammenden Plädoyer zur Einheit auf. Verbandspräsident Ibrahim Haciosmanoglu platzte der Kragen vor Wut. Er knöpfte sich alle Kritiker vor und stellte unter anderem Ex-Nationaltrainer Fatih Terim in den Senkel.

Terim, auch bekannt als der "Imperator", hatte an die wütende Öffentlichkeit appelliert, das Team zu unterstützen. "Hört auf, die Spieler oder den Trainer verbal zu vernichten. Jetzt müssen wir sie umso mehr unterstützen. Das sind unsere Jungs", sagte der 72-Jährige, der inzwischen einen eigenen Kanal auf Youtube betreibt. Aber er sagte auch: Nach dem Turnier könne man Rechenschaft einfordern. Der Satz brachte das Fass zum Überlaufen. "Wen genau wollen Sie denn dann zur Rechenschaft ziehen?", wütete Haciosmanoglu. Die scharfen Worte des Verbandsbosses gossen Öl in ein Feuer, das ohnehin schon lichterloh brannte. Und nun noch höhere Flammen schlägt.

Paraguay bestraft Türkei mit schnellstem WM-Tor

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Gegen Paraguay sollte, ja musste ein Sieg her, um die großen Ambitionen nicht direkt zu versenken. Der Start in die Partie war nervös, das schnellste Gegentor des Turniers nach 64 Sekunden trug nicht zur Vertrauensbildung ins eigene Spiel bei. Erst nach einer Viertelstunde schüttelten die Türken die lähmenden Geister aus den Leibern. Der große Hoffnungsträger, Real Madrids Supertalent Arda Güler, schoss ein erstes Mal aufs Tor, drüber. Die Türken drängten und drückten. Zwingend wurden sie aber kaum und immer wieder in Zweikämpfe verwickelt, die sie mehrheitlich verloren.

Doppel-Alu macht Türkei fassungslos

Die Fassungslosigkeit griff immer wieder um sich. Und hatte ihre vorläufige Prime in der 35. Minute. Hakan Calhanoglu brachte den Ball per Freistoß in den Strafraum, wo Müldür mit dem Kopf dran war. Gustavo Gomez fälschte noch leicht ab, der Ball prallte an die Latte, von dort an den rechten Pfosten und dann ins Feld zurück. Müldür riss geschockt die Arme hoch. Vah vah, Türkiye! Paraguay, nur noch in der Defensive, konterte zweimal. Die Türken schossen, verzweifelten. Dann Rot für Almiron. Dann Pause. Und noch eine Rudelbildung. Schiedsrichter Barton hatte wahnsinnig viel zu tun.

Uzun vergibt Mega-Chance: "Was hat die Türkei verbrochen?"

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Und es wurde nicht weniger. Minütlich redeten Spieler, Ersatzspieler, Betreuer, Coaching-Staffs auf die Unparteiischen ein. Ein Gelb-Hagel wäre verdient gewesen, aber Barton blieb gelassen. Merih Demiral eröffnete die zweite Halbzeit sportlich. Ein Distanzschuss war aber zu harmlos für Paraguays Keeper Orlando Gill. Kenan Yildiz versuchte sich, Außennetz. Aberwitziger Offensiv-Druck der Türken. Calhanoglu drüber, Demiral zu harmlos. Dann konterte Paraguay: Der starke Julio Enciso ließ eine Topchance zu eigensinnig liegen. Weiter mit der Defensivschlacht: Der eingewechselte Deniz Gül bekam beim Kopfball keinen Druck drauf, Yildiz schoss weit vorbei.

Paraguay schindet immer wieder Zeit

Paraguay litt und ließ die Türken leiden. Krachende Zweikämpfe, ständige Unterbrechungen. Torwart Gill trieb es bisweilen auf die Spitze, forderte Behandlungspausen. Schiri Barton, der den Keeper für Zeitspiel bereits mehrfach ermahnt hatte, verweigerte ihm die medizinische Unterstützung. Was für Szenen. Derweil: weiter türkisches Dauerfeuer. Über 50 Schüsse hatte das Team in diesem Turnier abgefeuert, kein einziges Tor gab's. Frankfurts Can Uzuns Versuch rauschte knapp vorbei (81.). Vier Minuten später verpasste Stürmer Gül in bester Position im Strafraum. Gustavo Gomez, der zu diesem Zeitpunkt 100 Prozent seiner Duelle gewonnen hatte, störte effektiv.

Türkei - Paraguay 0:1 (0:1)

Tore: 0:1 Matias Galarza (2.)

Türkei: Cakir - Müldür, Demiral, Bardakci (86. Kökcü), Kadioglu (71. Elmali) - Calhanoglu, Yüksek (60. Uzun) - Güler, Akgün (60. Gül), Yildiz - Aktürkoglu (46. Yilmaz). - Trainer: Montella

Paraguay: Gill - Caceres (81. Maidana), G. Gómez, Alderete, Alonso - Cubas, D. Gómez (67. Velazquez), Galarza (90.+1 Canale), Almirón - Enciso (90.+1 Avalos), Pitta (46. Bobadilla). - Trainer: Alfaro

Schiedsrichter: Iván Barton (El Salvador)

Rote Karte: Miguel Almirón (Paraguay/43.+3) wegen Unsportlichkeit

Gelbe Karten: Elmali - Galarza

Zuschauer: 68.827 in Santa Clara

Nächste unfassbare Aktion in Minute 88: Baris Yilmaz brach über die rechte Seite durch, fand Uzun, der scheiterte freistehend an Gill. Wahnsinn. Den Abpraller setzte Gül daneben. Sein Treffer hätte aber nicht gezählt, er stand im Abseits. Der XG-Wert der Partie: 3,5 für die Türkei, 0,4 für Paraguay. In der Nachspielzeit wurde Torschütze Galarza vom Feld getragen. Paraguay hielt den Widerstand hoch. Stehend k.o., aber leidenschaftlich. 97. Minute: Demiral köpfte hauchzart daneben. Der 63. Versuch. Unfassbar. Calhanoglu nochmal. Abpfiff. Die Türken weinen und fliegen raus.

Verwendete Quelle: ntv.de