Ein wenig angefressen starrt Lamine Yamal auf den Boden. Dabei hat der Wunderknabe gerade in Los Angeles mit Spanien durch ein 3:0 (1:0) über Österreich das Achtelfinale beim XXL-Turnier in den USA, Kanada und Mexiko erreicht. Und damit für die Iberer unglaublicherweise den ersten Sieg in einer K.o.-Runde bei einer WM seit dem Finale 2010 geholt. Damals war Yamal zwei Jahre alt. Mehr als ein Tor gab es bei einer Partie nach der Gruppenphase gar zuletzt bei der WM 1994.
Ob ihm ein persönlicher Treffer fehle, wollen die Journalisten in den Katakomben von an diesem Tag torlosen Yamal wissen. "Klar sicher", gibt der 18-Jährige zu, den Blick von seinem kleinen Podest weiter auf den Boden gerichtet. Dann schaut er auf, lächelt leicht und schiebt schnell hinterher: "Aber der Mannschaftserfolg ist am wichtigsten. Ich bin glücklich. Die Weltmeisterschaft beginnt jetzt erst richtig."
Yamal ist ein Besessener, der neben den Siegen auch um alles in der Welt eigene Tore will. Besonders bei der WM, dem größtmöglichen Ereignis. Für das Ego. Für die eigene Marke. Und um sich nach seiner Verletzung endlich wieder bei 100 Prozent zu ahnen. Weil er aber nicht getroffen hat, bleibt diesmal das Zahnspangen-Grinsen aus. Die vielen Journalisten erhalten nur ein paar sehr kurze Sätze.
Eindrucksvolle Spanier schicken Rangnick nach Hause

Rangnicks Schachzug geht schief
Ein Besessener ist auch Ralf Rangnick. Der deutsche Trainer führte die Ösis erstmals seit 1954 wieder in ein K.o.-Spiel - und, weil er bekannt ist als "Fußball-Professor", denkt Rangnick sich natürlich auch für dieses Sechzehntelfinale etwas Besonderes aus. Auf der Pressekonferenz am Mittwoch hatte der Coach erklärt, seine Mannschaft müsse Yamal stoppen, um Spanien zu stoppen, und wolle dem Youngster gar nicht erst den Raum geben, um in seine gefährlichen Dribblings zu kommen. Als taktischen Schachzug stellt der deutsche Trainer deshalb Marcel Sabitzer nicht im Zentrum auf, sondern weit links draußen, um den Teenie im Zaum zu halten.
Nachdem die Stadion-Regie sogar Falcos "Amadeus" beim Warmmachen der Österreicher auspackt, geht der Plan in den ersten 15 Minuten auf. Österreich stellt sich nicht hinten rein, sondern spielt mutig und offensiv mit und versucht in Rangnick'scher Manier, Spaniens hohe Abwehrlinie auszunutzen und die Abwehr durch Pressing unter Druck zu setzen. Die Furia Roja fährt zwar zwei halbgare Angriffe über Yamal, aber Großchancen sind noch Mangelware. Den größten Applaus gibt es daher zunächst einmal für die im SoFi Stadium anwesenden Filmstars Penelope Cruz und Javier Bardem.
Doch nachdem Österreich in Person von Michael Gregoritsch nach Sabitzer-Flanke mit einer Haarspitze am möglichen 1:0 vorbeischrammen (18.), erhöht Spanien den Druck massiv. Und Rangnicks Masterplan geht komplett den Bach runter. Denn ohne Sabitzer fehlt die Ordnung in der Zentrale komplett - und Yamal ist zudem einfach nicht zu halten.
Der 18-Jährige tunnelt an der rechten Außenlinie Konrad Laimer, verpasst ihm ein "Gurkerl", wie man bei den Nachbarn im Süden sagt. Endlich flippt das Stadion mit den hauptsächlich spanischen Fans aus. Eine Traumkombination über Yamal und Dani Olmo bringt einen spanischen Radioreporter auf der Medientribüne kurz vor den Herzinfarkt, aber Torhüter Alexander Schlager ist mit seiner ersten von vielen großen Rettungstaten noch dran.
Yamal macht auf Batman
Es folgt ein Aufreger: Nach einer Ecke fällt das 1:0 durch Marc Cucurella, doch Pau Cubarsi war zuvor mit dem Kopf in Schlagers Arme geraten, der Keeper fällt daraufhin auf den Boden. Der Spanier geht zwar zum Ball, aber der Kontakt ist deutlicher als bei Deutschlands vermeintlichem 2:1 gegen Paraguay.
Dann ist wieder Yamal dran, dessen permanentem Druck die Österreicher nichts entgegenzusetzen haben. Nach einem sensationellen Dribbling an der Torauslinie zieht der Wunderknabe aus fast unmöglichem Winkel mit links ab, aber Schlager boxt das Leder weg. Die unermüdliche Bereitschaft des Superteenies, immer wieder ins Dribbling zu gehen und seinem Gegenspieler eines der schlimmsten Spiele seines Lebens zu bescheren, ist bemerkenswert. Bayern-Star Laimer ist ein beinharter und erfahrener Verteidiger, aber Yamal schickt ihn immer wieder ins Land der Albträume.
Direkt im Anschluss feuert Mikel Oyarzabal den Nachschuss ab, der Radiojournalist reißt bereits die Arme hoch, aber Schlager pariert erneut herausragend. Kurz darauf verteilt Yamal das nächste Gurkerl. Herrlich. Vor dem Spiel stieg der Offensivkünstler mit Sonnenbrille und einer glitzernden Batman-Kette aus dem Bus, um seine Sonderstellung allen klarzumachen. "Der Held, den Spanien verdient", würde Commissioner Gordon sagen.
Drittes Gurkerl von Yamal
Genauso wie ein Besessener ist Yamal aber trotz seines Superstar-Status immer noch einfach ein Teenager. Den Pokal für den Spieler des Spiels lässt nach der Partie ohne große Beachtung an der Seite herunterhängen, er hat schließlich schon weitaus wichtigere gewonnen. In Schlappen stecken die Zauberfüße, eingewickelt in hochgezogene Socken. Die Hose hängt auf halb acht, wie Heranwachsende das eben so machen. Dann spricht er mit halb schüchterner, halb genervter Stimme: "Schon als Kind habe ich davon geträumt, bei einer WM zu spielen. Das hier ist das Größte."
Die Tore erzielen in Los Angeles jedoch andere. Über die spanische Zentrale kommt der Ball ausnahmsweise mal nicht zu Yamal, sondern nach rechts zu Cucurella. Dieser passt sofort hart und flach in Richtung Elfmeterpunkt, wo der unterschätzte Superstürmer Mikel Oyarzabal sträflich alleingelassen zum 1:0 einschießt. Endlich darf der Radiomacher aufspringen.
Zur Halbzeit muss Rangnick anerkennen, dass Yamal seinen Mittelfeld-Plan ignoriert und zerfetzt hat. Die auf der Sechs überforderten Xaver Schlager und Nicolas Seiwald werden ausgewechselt. Dennoch startet Spanien druckvoll und der Superteenie macht einfach weiter und verteilt sein drittes Gurkerl. Diesmal ist Sabitzer, der nun etwas mehr in der Mitte agiert, der Leidtragende. Die spanischen Fans stimmen ihre Nationalhymne an.
In der 61. köpft Sasa Kalajdzic nur etwa 60 Sekunden nach seiner Einwechslung knapp über den Kasten. Das weckt zwar Erinnerungen an das späte Tor zum 3:3 gegen Algerien, als der Stürmer auch erst Sekunden zuvor eingewechselt worden war, aber diesmal gibt es kein Happy End. Denn wie schon beim 1:0 antwortet Spanien knallhart auf eine Chance der Österreicher: Pedro Porro köpft wuchtig am bemitleidenswerten Schlager vorbei ins Netz (66.). Der Reporter hält stehend eine einminütige Schrei-Ode, die locker aus so vielen Wörtern besteht, wie Yamal an diesem Tag Dribblings macht.
Spanien kopiert Deutschland-Tor und wird auch zurückgepfiffen

Besessene lächeln nur innerlich
Aus Ösi-Sicht geht das viel zu einfach. Auch Rangnicks Umstellungen nützen überhaupt nichts. Sabitzer und Laimer können beim 0:2 nur zuschauen, weil die Spanier immer einen Tick schneller schalten. Rangnick sagt auf der Pressekonferenz nach der Partie, "dass wir nicht nur gegen den Europameister gespielt haben, sondern vielleicht sogar gegen den nächsten Weltmeister." Er fügt hinzu, Yamal sei "eines der größten Talente, die wir in seinem Alter je gesehen haben".
Den Endstand markiert Oyarzabal mit seinem zweiten Doppelpack bei dieser WM, nachdem ihm Cucurella den Ball mustergültig serviert. Eine Kopie des Siegtores der Furia Roja bei der EM 2024 gegen England. Da hat Yamal bereits unter warmem Applaus auf der Bank Platz genommen. Auch ohne Tor begeistert der Teenie wieder die Massen. Die Furia Roja hat nun alle neun Spiele gewonnen, in denen der Wunderknabe bei großen Turnieren in der Startelf stand. Das ist die beste Bilanz eines europäischen Spielers in der Startelf in der Geschichte der Weltmeisterschaft und der Europameisterschaft.
Ob ihm das Ganze nicht langsam zu Kopf steige, wollen die Journalisten von Lamine Yamal nach der Partie wissen. "Ich konzentriere mich auf den Fußball und meine Familie hilft mir auch", antwortet er. "Ich will das hier einfach genießen." Dabei lächelt der Besessene allerdings höchstens innerlich.



