Es gibt sie noch, die Unterstützer des Gianni Infantino. Via Instagram macht der FIFA-Chef öffentlich, auf wen er sich in diesen heiklen Tagen noch verlassen kann. Marokko ist dabei, Katar, Kuwait, Bhutan, Sri Lanka und auch die Vereinigten Arabischen Emirate. Und sonst so? Man weiß es nicht. Die ganz großen Mächte haben sich auf die andere Seite geschlagen. Auf die gegen Infantino, der mit seinem Investorendeal die Fußballwelt in Brand gesetzt hatte. Der von ihm klein geredete Vorschlag war offenbar bereits bis ins Detail geplant. Das war zu viel.
Längst ist alles außer Kontrolle geraten. Der allmächtige Chef hat sich im eigenen Gianninismus selbst den Kopf verdreht. In offenbar keiner Welt hatte er sich vorstellen können, dass sich seine Gefolgschaft im eigenen Haus und in den Nationalverbänden trotz aller Kritik so radikal von ihm abwendet. Für diesen Mittwoch soll er eine Krisensitzung in der marokkanischen Hauptstadt Rabat einberufen haben. Dies berichteten die "Times" und Sky UK am Dienstagabend übereinstimmend. Hochrangige Mitarbeiter der FIFA sind geladen. Davon gibt es an der Seite des 56-Jährigen aber offenbar immer weniger. Für einen Rücktritt gibt es indes keine Anzeichen.
Die nächsten Vertrauten rücken ab
Mit Generalsekretär Mattias Grafström wich am Dienstag ein enger Vertrauter ab. Auch Arsene Wenger wollte mit Infantinos Dingen nichts mehr zu tun haben. Vergangene Woche war bereits Chef-Berater Carlos Cordeiro aus Protest gegen die Investorenpläne zurückgetreten. Eine rote Linie des Gebarens war überschritten. Ob das alles immer nur aus ehrenwerten Motiven geschieht? Der als Direktor für die globale Fußball-Entwicklung tätige Ex-Starcoach Wenger veröffentlichte seine Stellungnahme, nachdem sein Name in einem Schreiben der Anwälte der Europäischen Fußball-Union an Infantino aufgetaucht war. Darin hatte die UEFA die FIFA aufgefordert, die Daten und die Kommunikation von 18 Führungskräften als potenzielle Beweismittel zu sichern.

Wie die UEFA Gianni Infantino loswerden will
Nun also offenbar die Krisensitzung in Marokko. Kann der Alleinherrscher die Dinge wirklich nochmal auf seine Seite ziehen? Gelingt ihm das spektakuläre Comeback im März 2027? Es spricht derzeit nahezu nichts mehr für Infantino. Womöglich wird der Job des FIFA-Chefs deswegen schon früher vakant, sollten sich die Zeichen weiter verdichten, dass für den Sturz von Infantino ein außerordentlicher Kongress einberufen werden könnte.
Noch vor zwei Wochen hatte das ganz anders ausgesehen. Nun aber wird über Gegenkandidaten diskutiert. UEFA-Boss Aleksander Ceferin könnte der starke Mann sein, der Infantino herausfordert. Er hat viele Argumente für sich. Er hat erstaunlicherweise in einer Blitz-Aktion alle 55 europäischen Einzelverbände hinter sich versammelt, hat mit einem WM-Boykott gedroht und die Wende im Investorendeal eingeleitet.
Wird Ceferin der Herausforderer?
Der Slowene tickt anders als Infantino, die machtbesessene One-Man-Show des Fußballs. Ceferin ist keiner, der sich in den Mittelpunkt drängt und mit den mächtigsten Persönlichkeiten umgibt. Der 58-Jährige zieht die Fäden eher aus dem Hintergrund - und das überaus erfolgreich. Natürlich hat auch er die UEFA seit seinem Amtsantritt 2016 zu einem deutlich besser vermarkteten Fußball-Unternehmen gemacht. Anders als Infantino lief Ceferin dabei aber nie Gefahr, dass ihm jemand unterstelle, vor allem zu seinem eigenen Vorteil zu arbeiten. Ob er nach seinem Ausscheiden als UEFA-Boss im kommenden Jahr aber überhaupt bereit für den FIFA-Posten wäre? Unklar.
Andere Namen die gehandelt werden: der international sehr geschätzte CONCACAF-Boss Victor Montagliani und Lise Klaveness, Norwegens meinungsstarke Verbandspräsidentin. Aber Ceferin könnte dank seine Rolle gegen den Investorendeal tatsächlich der mächtigste und aussichtsreichste Kandidat sein.
Und wer kämpft noch an der Seite des wankenden FIFA-Chefs? Marokko, Katar, Kuwait, Bhutan, Sri Lanka und auch die Vereinigten Arabischen Emirate, klar. Und was ist mit Donald Trump, was mit der Bromance, die doch eher einseitig auf Seiten des Schweizers war? Trump ließ wissen, dass er nichts von dem Deal wusste, dass er nicht mit Infantino darüber gesprochen habe. Was indes einigermaßen fragwürdig wirkt, da der wahrscheinliche Investor Joshua Kushner aus dem Umfeld der Trump-Familie gekommen wäre. Ex-FIFA-Vize Jim Boyce hegte daher auch den Verdacht, dass Trump an den Plänen des Schweizers nicht unbeteiligt ist.
"Frei erfundener" Bericht über Hilfeanrufe?
Einem Medienbericht zufolge soll Infantino in den vergangenen Tagen mehrfach versucht haben, Trump via Telefon zu erreichen, vergebens. Die FIFA sagt, der Bericht sei "frei erfunden. Der FIFA-Präsident hat in den vergangenen Tagen weder den US-Präsidenten noch Mitglieder seiner Regierung angerufen", schrieb der Weltverband bei X unter einen Post der "Times". Das englische Portal hatte darin einen Bericht der "New York Post" aufgegriffen, wonach Infantino im Weißen Haus um Unterstützung gebeten habe. Die "New York Post" schrieb, dass Infantino sich "isoliert" fühle und angesichts der aktuellen Lage ein Meeting mit US-Außenminister Marco Rubio vereinbart habe.
Derweil werden im Vorgang des Treffens in Marokko weitere schwere Anschuldigungen öffentlich. Der Chef des jordanischen Fußball-Verbandes, Prinz Ali bin al-Hussein, erhebt Erpressungsvorwürfe und behauptet, dass seinen Auswahlspielern in den vergangenen Monaten von der FIFA Gelder vorenthalten worden seien. "Bis mir während der Weltmeisterschaft mündlich mitgeteilt wurde, dass es unserem Fußballverband sehr helfen würde, wenn ich Infantino unterstütze", schrieb al-Hussein dazu auf der Plattform X.
Auch Spaniens Liga-Boss Javier Tebas hatte Infantino Amtsmissbrauch vorgeworfen: Tebas erinnerte in seinem Beitrag in den sozialen Medien an den Fall Balogun, an die "skandalösen Preise" für Tickets, den Umgang mit Korruptionsfällen in der FIFA, die Umgestaltung des internationalen Spielkalenders sowie neue Wettbewerbe und Formate, die "ohne einen echten Prozess des Dialogs" entschieden worden sei. "Aus all diesen Gründen glaube ich, dass Gianni Infantino nicht weiter an der Spitze der FIFA stehen darf", schrieb Tebas: "Das Problem war nie ein einzelner Vorschlag. Das Problem ist ein Governance-Modell, das die Macht zentralisiert, die Gegenkräfte schwächt und jene marginalisiert, die direkt von seinen Entscheidungen betroffen sind."


