Englands Fußballer hatten auch gute Phasen. Nicht viele, aber immerhin. Die beste erlebten sie in der 86. und 87. Minute ihres zweiten WM-Spiels gegen Ghana. 0:0 stand es da (kleiner Spoiler: dabei blieb es), als die Löwen von der Insel mächtig brüllten. Als sie in diesem Spiel endlich mal Battle Cat waren und nicht der schüchterne Cringer. Als sie für Momente den inneren He-Man in sich entdecken und nicht Prinz Adam waren. Der eingewechselte Bukayo Saka zog zunächst an und scheiterte mit seinem Flachschuss an Benjamin Asare.
Danach passierten im Bostoner Gillette Stadium Dinge, die im Fußball als unmöglich galten. Nico O'Reilly köpfte eine Flanke von der rechten Seite ans Lattenkreuz, der Ball prallte ab, vor die Füße von Kane. Der Superstürmer stand frei, holte mit dem linken Fuß aus. Aus sechs Metern hatte er gar keinen Gegnerdruck und das Tor vor sich. Eine sichere Nummer, klar! Im Wettballern der Superstars, wie die diese WM ja mittlerweile gelabelt ist, würde der Gigant des FC Bayern nachziehen. Er würde weiter den Kreis aufmischen, in dem Erling Haaland, Lionel Messi, Kylian Mbappé, Deutschlands Deniz Undav und mittlerweile sogar Cristiano Ronaldo wirbeln.
Was war da los?!
Doch Kane passierte etwas, das ihm (fast) nie passiert! Er schoss den Ball über das Tor. Er konnte es nicht fassen. Thomas Tuchel auch nicht. England schon gar nicht. WAS WAR DA PASSIERT? Kane sank auf die Knie, hielt sich beide Hände an den Kopf. Er hatte das Sechzehntelfinale auf dem Fuß. Vertan, die Three Lions müssen warten. Statt erneut kraftvoll zuzubeißen, schlichen sie vom Feld. Der WM-Favorit litt. "Solche Spiele gibt es", sagte er: "Ich habe darauf gewartet, dass mir so eine Gelegenheit zufällt, aber ich kam nicht richtig über den Ball. So ist das eben manchmal. Ich bin lange genug Stürmer, um zu wissen, dass sie nicht immer reingehen."
Harry Kane vergibt Mega-Chance gegen Ghana

Vor Englands bester Phase hatte es einen großen Aufreger gegeben. Prince Adu sprintete in der 79. Minute mit dem Ball auf das englische Tor zu und wurde kurz vor dem Abschluss vom grätschenden Verteidiger Ezri Konsa gestört. Der Engländer traf bei seiner Aktion nicht den Ball. Martinez ließ aber weiterlaufen. Ghanas Trainer Carlos Queiroz staunte und konnte es nicht fassen. Der VAR habe sich "einen Kaffee geholt, was ja normal ist. Aber das war ein klarer Elfmeter und eine Rote Karte." Zum Unmut von Queiroz wurde Schiedsrichter Hector Said Martinez aus Honduras vom Videoassistenten nicht gebeten, sich die Szene nochmal anzuschauen.
"... dann wird es einfach verdammt schwer"
Dann aber England, dann das verbaselte Chancen-Triple. Der fassungslose Tuchel drehte verzweifelt ab, ließ aber im Nachgang Milde walten: "Harry macht den normalerweise rein. Wenn du kein Tor schießt (...), wenn die so tief stehen, dann wird es einfach verdammt schwer. Es waren Chancen, aber leider konnten wir uns nicht belohnen." Tuchel hatte wirklich alles versucht, sich selbst sogar blitz-überholt und immer wieder eingegriffen. Dabei sollte es doch ganz anders laufen. "Ein sehr berühmter Dirigent hat einmal gesagt, er wolle die Musik und die Musiker nicht stören. Genau das versuchen wir im Trainerteam zu tun", sagte er vor der Partie: "Wir stören die Spieler nicht und wir stören das Spiel nicht." Weil ihn aber (zu) viel störte, griff er mehrfach zum Taktstock. Wenig Flow, wenig Tempo, viel Krampf, viel Ratlosigkeit. Wo war der fluffige Vibe aus dem Kroatien-Spiel?
Und nun, Panik auf der Insel? Bitte nicht! Superstar Jude Bellingham bat die englischen Fans, Ruhe zu bewahren. "Kein Stress, kein Drama. Meine Botschaft ist, positiv zu bleiben und die gute Euphorie weiter aufrechtzuerhalten. Es ist nicht das Ende der Welt." Auch wenn das bei Social Media häufig ganz anders aussieht. "Wir versuchen es, so gut wie möglich zu ignorieren." Stattdessen forderte er die Pressevertreter auf, nicht zu negativ zu schreiben. Ein zu frommer Wunsch, wie die Presseschau bestätigt: Die "Daily Mail" wähnte das schwache Starensemble nach der "trüben" und "erschreckend flachen" Darbietung "unsanft auf dem Boden der Tatsachen zurück" und schlug gleich Alarm: "Wie soll dieses Team mit Frankreich und Spanien konkurrieren?"
"Das war kein Tiefpunkt heute!
Weniger aufgeregt betrachtet, kam dieser Patzer nicht unerwartet. Bei großen Turnieren lief es zum vierten Mal in Folge so: Einem Auftaktsieg folgte ein Remis. Woher kommt dieses Phänomen? Es sei "so eine Art Zweites-Spiel-Fieber, bei uns läuft es immer gleich", gab Jude Bellingham nach seinem "frustrierenden" 50. Länderspiel zu. Auch Tuchel wirkte nochmal auf die nervöse englische Fanseele ein: "Das war kein Tiefpunkt heute. Es war einfach nur ein schwieriges Spiel. Jeder ist voll da. Wir brauchen keinen Weckruf", sagte Tuchel und berichtete weiter: "Klar war das ein Realitäts-Check, aber niemand von uns hat gedacht, dass ein leichtes Spiel vor uns liegt."
Es war wirklich ein seltsames Spiel. Nicht nur, weil Kane nicht traf. Es war bereits sein zweiter überraschender Fehlschuss bei dieser WM. Aber der erste, der ins Gewicht fiel. Gegen Kroatien hatte er schon einen Elfmeter verschossen. Auch das passiert sonst nie. Kane hatte aber Glück, der Strafstoß wurde wiederholt, weil sich Kroatiens Keeper zu früh von der Linie bewegte. Der Nachschuss saß, England war glücklich.
Ghana schießt zweimal aufs Tor
Gegen Ghana liefen die Dinge nicht völlig anders. Die Black Stars beteiligten sich nahezu gar nicht am Spiel. Sie warfen alles in die Defensive. 79 Prozent Ballbesitz hatten die Three Lions, die aber kraftlos über das mögliche Beutetier schlichen. Selbst die sonst so gefährlichen Standards von Declan Rice, dieses Mal mit hochgezogener Hose im Teela-Gedächtnis-Look, verpufften weitgehend. Sein bester Versuch, ein Freistoß aus bester Lage, flog in der ersten Halbzeit knapp über die Latte. Tuchels Löwen gaben 19 Torschüsse ab, die meisten waren aber harmlos. Ghana schoss lediglich zweimal. Sie seien eine Mannschaft, befand Kane, "die schwer zu knacken war. Wir hatten viel Ballbesitz. Es hätte ein Spiel sein können, aus dem wir als Sieger hervorgehen. Wir wollten den Sieg, aber wir haben einen Punkt geholt und sind weiterhin in einer sehr guten Position in der Gruppe."
England - Ghana 0:0
Tore: Fehlanzeige
England: Pickford - James, Konsa, Guehi, Spence (66. O'Reilly) - Madueke (83. Rashford), Anderson (74. Eze) - Bellingham (74. Rogers), Rice, Gordon (65. Saka) - Kane. - Trainer: Tuchel
Ghana: Asare - Senaya (88. Peprah Oppong), Adjetey, Opoku, Mensah - Williams (66. Fatawu), Marfo Yirenkyi - Partey, Sibo, Semenyo, Ayew (67. Abu). - Trainer: Queiroz
Schiedsrichter: Héctor Martínez (Honduras)
Zuschauer: 63.983 in Foxborough
Gelbe Karten: Declan Rice - Inaki Williams
Er selber, der gegen Kroatien als Möglichmacher auf jedem Zentimeter des Rasens gefeiert worden war, sei von Ghanas Thomas Partey quasi in Manndeckung genommen worden, das habe es ihm schwer gemacht, referierte Kane. "Deshalb hatte ich keinen Raum, mich fallen zu lassen. Sie haben den Strafraum gut verteidigt." Die Bälle durch die Mitte waren schwer zu spielen, weil alles sehr kompakt war. Solche Spiele gibt es eben."
Um Partey gab's derweil erneut große Aufregung. Englands Djed Spence hatte dem Ghanaer den Handschlag verweigert. Ein Video der Szene verbreitete sich rasch in den Sozialen Netzwerken. Partey hatte das erste Spiel der Ghanaer gegen Panama (1:0) in Toronto verpasst, nachdem ihm aufgrund von Vergewaltigungsvorwürfen die Einreise nach Kanada verwehrt wurde. Die englischen Fans buhten Partey bei dessen erstem WM-Einsatz am Dienstag aus. Die weiteren England-Profis gaben Partey wie üblich die Hand.
