Das wildeste Spiel der WM

Blackouts, Fairplay-Wut, "Staatsfeind" trifft: Kap Verde düpiert Uruguay

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22.06.2026 | 07:33 Uhr
Das Fußball-Märchen geht weiter - mit einem weiteren Volkshelden: Helio Varela führt Kap Verde noch zum nächsten WM-Punkt. Für den Inselstaat ist nun sogar die Sensation möglich.

Kein Jubel bei Kap Verde. Erstmal nicht. Verrückt. Die Inselkicker sind enttäuscht. Sie hätten gerne noch einen letzten Freistoß ausgeführt. Doch der norwegische Schiedsrichter Espen Eskas hatte das Spiel abgepfiffen (2:2). Die Fußballer der Kap Verden machen ihren Unmut deutlich. Sie hatten, Obacht, wirklich an diesen Sieg geglaubt. Gegen Uruguay! Den ersten Gastgeber einer Weltmeisterschaft. Gegen das Team, das Topspieler von Atletico und Real Madrid, von Manchester United und der SSC Neapel in seinem Aufgebot hat.

Sie konnten es nicht mehr ändern. Wenig überraschend revidierte der Schiedsrichter seinen Abpfiff nicht. Die Partie war zu Ende. Es war, Obacht zum Zweiten, eine der spektakulärsten dieser Fußball-WM. Uruguay und Kap Verde pfefferten sich ein Spiel um die Ohren, das so wohl niemand erwartet hatte. Wie vor zwei Jahren die Türkei und Georgien in Dortmund bei der Europameisterschaft. Und als beim Fußball-Zwerg durchgesickert war, dass die große Sensation nun greifbar ist, da waren sie einfach nur: "Stolz, Stolz, Stolz!" Sollte ihnen im letzten Spiel der Gruppe ein Sieg gegen Saudi-Arabien gelingen, wäre Kap Verde tatsächlich in der K.-o.-Runde. Wahnsinn.

Vogelwilder Torwart-Ausflug lässt Kap Verde träumen

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So wie dieses Spiel. Das kannte nach fünf Minuten den ersten großen Pechvogel. Sidny sah Gelb. Zum zweiten Mal in diesem Turnier. Für das zweite Foul seines Landes bei dieser WM. Gegen die Saudis darf er nicht spielen. Diese Szene war eigentlich der falsche Ton, der gesetzt wurde. Denn dieses Duell war nicht ruppig, es war nur spektakulär. Es ging hin und her. 29 Torschüsse feuerten beide Teams ab. Keine Zurückhaltung, volle Lotte!

Kevin Pina düpiert Uruguays Witz-Mauer

Es war ein Spiel, wie es Kap-Coach Bubista gefällt. Der hält nämlich gar nichts davon, einen Außenseiter zu einem Duckmäuser zu machen. Er fordert Mut, Selbstvertrauen, Spielfreude. Kein Gemauere, kein Gezittere.

Nach 15 Minuten geht's los. Uruguay kontert. Real-Star Fede Valverde läuft auf links durch, schießt, daneben. Nationalheld Vozinha muss nicht eingreifen. Der Torwart hatte Spanien bei der ersten WM-Sensation (0:0) zur absoluten Verzweiflung getrieben. Der 40-Jährige hielt einfach alles. Danach wurde er zum Super-Influencer und die Geschichte seiner Mutter, die zunächst nicht einreisen konnte, zu einer der größten des Turniers. Nun war sie da. Und sie sah Vozinha, der aber nur eine Nebenrolle einnahm. Andere Nationalhelden wurden geboren.

Kevin Pina etwa! In der 21. Minute erzielt er den ersten WM-Treffer in der Geschichte seines Landes. Und was für einen. Aus rund 25 Metern pfefferte er einen Freistoß auf das Tor. Uruguay hatte damit nicht gerechnet. Der Ball flog an der Winzig-Mauer vorbei. Die Südamerikaner waren düpiert! Es war nicht das letzte Mal an diesem Abend. Während das komplette Team um ihn herum in völlige Ekstase verfiel, unterbrach er seinen Herzchen-Jubel für einen Augenblick. "Ich habe versucht, meine Tochter auf der Tribüne zu entdecken", berichtete Pina. Doch dafür war selbst dieser historische Moment zu kurz. Weitermachen.

Bubista schimpft auf Uruguay-Star

24. Minute: Uruguay fordert Handelfmeter. Der Schuss von Valverde springt Pico an den angelegten Arm. Das reicht nicht. 33. Minute: Katastrophaler Fehler von Mathias Olivera, der einen Horrorabend erlebt. Er spielt den Ball in die Füße von Benchimol. Der Stürmer tritt sofort an, entscheidet sich am Sechzehner zum Dribbling statt den mitgelaufenen Telmo Arcanjo anzuspielen - und schon ist der Ball weg. Die Partie hat Tempo, hat Fieber. Uruguays Torwart-Legende Fernando Muslera wischt eine wilde Hereingabe aus der Luft, auf der anderen Seite fegt Maxi Araujos Schuss über die Latte.

Dann der größte Aufreger der Partie: Uruguays Stürmer Federico Viñas hilft seinem Gegenspieler Telmo Arcanjo, der von einem Krampf geplagt am Boden lag. Eigentlich eine sportliche Geste. Als er jedoch sah, dass sich seine Mannschaft gerade eine aussichtsreiche Torchance herausspielte, ließ er den Kap-Verde-Spieler einfach liegen und lief mit in den Strafraum. Genau bei diesem Angriff in der 44. Minute fiel das Tor zum 1:1 durch Maxi Araujo. Der Sporting-Lissabon-Mann nutzte die zwischenzeitliche Unordnung in der Abwehr der Kap Verden nach einer Flanke aus dem Halbfeld, die Sidny Lopes Cabral an den eigenen Pfosten lenkte, aus kurzer Distanz per Kopf aus.

Sekunden vor Tor: Spieler lässt krampfenden Gegner liegen

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"Mein Gegenspieler brauchte mich. Aber mein Team brauchte mich noch mehr", rechtfertigte Viñas hinterher sein Verhalten. Kap Verdes Trainer Bubista wollte das nicht so stehen lassen. "Ich war verärgert über diese Szene", sagte er. "Denn Marcelo Bielsa (Anmerk. d. Red.: Uruguays Trainer) lebt uns in jeder Pressekonferenz und in jedem Spiel Fair Play vor. Von ihm haben wir alle gelernt, was Fair Play bedeutet." Bielsa wurde 2019 mit dem Fair-Play-Preis der FIFA ausgezeichnet. Er hatte seine Mannschaft Leeds United angewiesen, ohne Gegenwehr ein Tor des Gegners Aston Villa zuzulassen. Leeds hatte zuvor getroffen, als ein Villa-Spieler verletzt am Boden lag.

Und jetzt: K.-o.-Runde bitteschön!

Kurz nach dem Aufreger war es wiederum Araujo, der per Kopf auf Agustin Canobbio ablegte - und der Spieler von Fluminense aus Rio hatte keine Mühen aus kurzer Distanz ins Herz der Kapverdier zu vollstrecken. Doch die schüttelten sich schnell, mit Wut kamen sie aus der Kabine. Und mit dem Glauben daran, das nächste große WM-Ding zu drehen. Der drei Minuten vorher eingewechselte Helio Varela nutzte in der 61. Minute eine dramatische Fehlerkette Uruguays. Zunächst spielte Verteidiger Mathias Olivera vom SSC Neapel dem Torschützen den Ball völlig unbedrängt in den Fuß. Dann hatte auch Keeper Fernando Muslera völlig unnötigerweise sein Tor verlassen.

Varela, der undenkbare Held. Die Fans feierten ihn frenetisch, auch in der Heimat. Dabei war Varela noch vor gut drei Jahren gewissermaßen der Fußball-Staatsfeind Nummer eins, als er die Nominierung für den Afrika-Cup dankend ablehnte. Viele Anhänger reagierten tief enttäuscht. Nun ist alles vergessen. Stattdessen ist Varela plötzlich eines der strahlenden Gesichter der "Underdog-Helden der WM", wie es der "Guardian" schrieb.

Uruguay drängte in einer wilden Schlussphase wieder auf ein drittes Tor und vergab noch mehrere gute Chancen. Doch ein Schuss von Brian Rodriguez wurde geblockt (86.), ein Freistoß von Valverde flog knapp über das Tor (90.) und auch Canobbio schoss bei einem schnellen Konter daneben (90.+3). Auch der Außenseiter hatte noch eine gute Szene: Laros Duarte schoss freistehend aus 18 Metern. Zu zentral, Moslera pariert sicher.

Uruguay - Kap Verde 2:2 (2:1)

Tore: 0:1 Pina (21.), 1:1 Araujo (44.), 2:1 Canobbio (45.+6), 2:2 Varela (61.)

Uruguay: Muslera - Varela, Caceres, Olivera, Sanabria - Valverde, Ugarte (70. De la Cruz), Bentancur - Canobbio, Vinas (70. Nunez), Araujo (81. Rodriguez). - Trainer: Bielsa

Kap Verde: Vozinha - Moreira, Lopes, Borges, Cabral - Pina (70. L. Duarte) - Arcanjo (46. D. Duarte), Mendes, Monteiro (80. Semedo), Rodrigues (58. Varela)- Benchimol (58. Da Costa). - Trainer: Brito

Schiedsrichter: Espen Eskas (Norwegen)

Gelbe Karten: Bentancur, Olivera - Cabral, Borges

Zuschauer: 64.003 (in Miami)

Und was war eigentlich mit Vozinha? Der Nationalheld stand nur einmal im Blickpunkt: Nach einem Eckball lenkte der Torwart den Ball an den Pfosten, Maxi Araujo staubte aus kurzer Distanz ins Tor ab - doch der Schiedsrichter und danach auch der VAR entschieden auf Abseits (70.). Party bei Kap Verde? Noch nicht. Bubista hat das nächste Ziel im Blick. "An diesem Punkt denken wir nur noch darüber nach, uns für die nächste Runde zu qualifizieren", man sei bei der WM, um sich "auf dem höchsten Level zu messen", erklärte der Trainer, man könne nun sagen: "Ja, wir kämpfen um das Weiterkommen." Dabei ist sogar noch der Gruppensieg möglich.

"Das ist eine verrückte Story"

Die Art und Weise, wie seine Mannschaft dabei gegen zwei ehemalige Weltmeister gespielt habe, mache ihn "sehr glücklich". Egal, wie klein man auch sei, "wenn du den Willen hast, für das zu kämpfen, was du haben willst, dann erreichst du es auch meistens", betonte Bubista. Der 56-Jährige, der mit vollständigem Namen Pedro Leitão Brito heißt, trainiert diese Mannschaft seit sechs Jahren und hat ihr eine klare Struktur und viel Selbstvertrauen vermittelt. Überall auf der Welt suchte er dafür nach Spielern mit kapverdischen Wurzeln.

Nach dem Uruguay-Spiel stand etwa der in Dublin geborene und für die Shamrock Rovers spielende Roberto Lopes in einem Medienzelt neben dem Stadion und sagte mit breitestem irischen Akzent: "Das ist eine verrückte Story." Er habe das niemals für möglich gehalten. Und noch ist sie ja nicht zu Ende geschrieben.

Verwendete Quellen: ntv.de, tno