Im Vereinsfußball wäre die Sache klar und Julian Nagelsmann vielleicht noch im Laufe des heutigen Tages, mindestens aber zum Ende der Woche gefeuert. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist aber keine Vereinsauswahl, der Deutsche Fußball-Bund kein Klub, sondern ein schwerfälliger Koloss. Im größten Einzelsportverband der Welt ticken die Uhren anders als etwa beim FC Bayern, Borussia Dortmund oder auch RB Leipzig. Da ist zunächst einmal die Funktionärskette, die einzuhalten ist. Bevor der DFB einen Bundestrainer entlässt, muss zunächst jeder im Verband mit wichtigen oder unwichtigen Aufgaben - respektive Bedenkenträger - gesprochen haben. Und außerdem folgt auf jedes Turnier-Aus erst eine umfassende Analyse, die die Analysten Wochen später in einer DFB-Pressekonferenz präsentieren.
Erst einmal in seiner 126-jährigen Geschichte hat der DFB einem Bundestrainer gekündigt - Hansi Flick musste im Herbst 2023 gehen. Rudi Völler sprang kurz ein, ehe Julian Nagelsmann übernahm und rund um die Heim-EM 2024 so etwas wie Euphorie und Aufbruchstimmung entfachte.
Davon ist zwei Jahre später rein nichts geblieben. Das peinliche Aus im Sechzehntelfinale der XXL-WM in Amerika haut den deutschen Fußball auf einen Grund, der dem Härtegrad eines sommergetrockneten Hartplatzes entspricht, auf dem Kinder früher der Kugel nachjagten. Teils sachlich, teils wutentbrannt fordert die Fußball-Republik Rechenschaft für das Fiasko. Tenor: Julian Nagelsmann muss sofort weg, Heiland Jürgen Klopp sofort her. Aber da sind einige Hürden.
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Völler dürfte Nagelsmann stützen
Zum einen Nagelsmann selbst. Der 38-Jährige kündigte noch in Foxborough an, keinesfalls von sich aus zurückzutreten. Muss er auch nicht, schließlich hat er einen DFB-Vertrag bis 2028, genauso wie Sportdirektor Rudi Völler, Hürde Nummer zwo. Die Legende hat bisher felsenfest zu Nagelsmann gehalten, den Bundestrainer immer wieder in den höchsten Tönen gelobt. Dieser sei ein "Glücksfall" für den deutschen Fußball, sagte der Weltmeister von 1990 unter anderem. Heißt: Solange Völler beim DFB etwas zu melden hat, dürfte Nagelsmanns Job sicher sein. Was zu der Frage führt: Wer beim DFB hätte den Mumm, das Duo rauszukegeln, wenn sie nicht freiwillig ihren Hut nehmen?
Ob Nagelsmann eine weitere Chance verdient, den deutschen Fußball wieder flott zu machen, oder nicht, sei hier dahingestellt. Die Frage dürfte in den kommenden Wochen sowieso in den zu erwartenden Jürgen-Klopp-MUSS-es-machen-Plädoyers untergehen. Schon nach den WM-Debakeln 2018 und 2022 hatten viele nach Klopp gerufen, dem Motivator und Menschenfänger. Damals aber war der Fußball-Lehrer nicht verfügbar, weil er den FC Liverpool (erfolgreich) trainierte. Jetzt liegt die Sache anders. Gewiss, Klopp ist als "Global Head of Soccer" bei Red Bull angestellt. Sollte er dem Brauseunternehmen aber wirklich den Vorzug vor der gepeinigten Fußball-Nation geben, ist sein durch das RB-Engagement ohnehin angekratzter Ruf eh ruiniert. Immer gesetzt den Fall, dass der DFB wirklich auf ihn zukommt.
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Das warnende Beispiel Hansi Flick
Aber: Ist Jürgen Klopp wirklich der Richtige? Diese Frage muss in dem teils blinden Verlangen nach dem Erlöser erlaubt sein. Der Fall Hansi Flick zeigt, dass die "natürliche" Lösung keinesfalls zwangsläufig funktioniert. Als Joachim Löw 2021 nach der EM überfällig war, holte der DFB seinen einstigen Co-Trainer Flick. Fußball-Deutschland atmete auf. Flick hatte den FC Bayern 2020 erst zur besten Mannschaft der Welt gecoacht, gewann mit den Münchnern sechs Titel, darunter die Champions League. Flick kennt den DFB, Flick ist ein erstklassiger Trainer, mit Flick wird sich das WM-Debakel von 2018 in der Wüste Katars nicht wiederholen - darin waren sich nahezu alle Beobachter einig. Die Geschichte ist bekannt, Deutschlands Graugänse stürzten böse ab. Flick durfte nach dem Vorrunden-Aus zwar bleiben. Nach mehreren erschreckend schwachen Leistungen und einem 1:4 gegen Japan reichte der DFB im September 2023 aber die Scheidung ein. Welch guter Trainer Hansi Flick ist, zeigt er seit zwei Jahren beim FC Barcelona.
Klopp schwebt nun über allem beim DFB. In seiner Rolle als MagentaTV-Experte zählte er die Schwächen der deutschen Elf auf, ebenso, was man alles anders machen müsse. Vor dem ersten deutschen Gruppenspiel hatte sich Klopp schon in ein Fettnäpfchen getunkt, als er mit Thomas Müller im Zuge einer Startformation-Debatte witzelte, Julian Nagelsmann sei "noch" Bundestrainer - "noch". Aus diesem - ob nun spontanen, gelungenen oder unangebrachten - Witzle des Schwaben machten die Medien eine Staatsaffäre. Klopp ruderte zurück, entschuldigte sich live bei Trainerkollege Nagelsmann, musste sich von Völler aber auch als "Komiker" abkanzeln lassen. Was die These erhärtet: Bleibt Völler, bleibt Nagelsmann, kommt kein Klopp.
ntv-Reporter rechnet schonungslos mit Nagelsmann ab

Ein Reformer muss her - aber kein Klopp und kein Klinsi
Fußball-Deutschland aber will Klopp mehrheitlich. Doch braucht es ihn auch wirklich? Braucht es jetzt den Vollgas-Automaten, den verbalen Klopper? Nein! Was Fußball-Deutschland jetzt braucht, ist endlich mal Ruhe. Mit Klopp kommt diese Ruhe nicht, im Gegenteil. Mit Klopp kommt Unruhe und vor allem kommen Erwartungen, überbordende Erwartungen, die Klopp mit der Mannschaft, die ihm jetzt und perspektivisch zur Verfügung stünde, gar nicht erfüllen kann. Jürgen Klopp als Bundestrainer-Messias, der Deutschland wieder zur Fußball-Welt macht - dieses Projekt ist zum Scheitern verurteilt. Was Fußball-Deutschland braucht, ist eine radikale Dosis Demut, die mit einem wie Klopp eigentlich undenkbar ist.
Zur Wahrheit gehört: Deutschland kann es einfach nicht viel besser, als beim 1:1, 3:4 i.E. gegen Paraguay. Der einfältige Fußball, den die DFB-Elf über 120 Minuten vorführte, ist der bittere Status Quo. Kaum auszudenken, was Frankreichs TGV-Team mit dieser pomadigen Mannschaft angestellt hätte. Dass in Deutschland manch Fan nach dem 7:1 über Curacao oder dem 2:1 gegen die Elfenbeinküste dachte, Deutschland könne wirklich im Konzert der Top-Nationen mitmischen, darf man nicht übelnehmen. Das Sechzehntelfinale - zuvor schon das 1:2 gegen Ecuador - zeigte schonungslos, wo Deutschland wirklich steht. Im tristen Mittelmaß.
Nagelsmann beantwortet Zukunftsfrage nach WM-Aus klar

Die Krise ist keineswegs neu, wohl aber hausgemacht. Es ist eine strukturelle Krise, die nicht nur das A-Team, sondern auch die Nachwuchsarbeit des DFB betrifft. Anders als in Frankreich, Spanien oder England kommen in Deutschland zu wenig Top-Talente nach oben. Was es jetzt bräuchte, wäre ein Reformer, der den "Laden" DFB umkrempelt, mit einer Card Blanche ausgestattet wie einst Jürgen Klinsmann, keine Wuchtbrumme wie Klopp. Die Parallele zu 2004 drängt sich auf. Auch damals bekam Deutschland nicht seinen Wunsch-Bundestrainer. Ottmar Hitzfeld sagte ab. Was machen, wenn Klopp auch nicht will, und Nagelsmann doch in den Sack haut? Wen holen?
Ein Reformer also. Im Gegensatz zu Klinsmann müsste es eher ein stiller sein. Ein Fachmann, vielleicht von außerhalb, der die schmerzhafte Kur der Demut einleitet. Frischer Wind. Warum nicht tun was andere Nationen längst tun? Hochqualifiziertes Personal aus dem Ausland anwerben. Die potenzielle Trainerliste wäre auf einen Schlag deutlich länger, als zöge man nur deutsche Trainer in Betracht. Wann, wenn nicht jetzt wäre es an der Zeit, mal "out of the box" zu denken?! Ein ambitioniertes Ziel muss her, ohne Frage. Aber nicht in naher Zukunft. In zwei Jahren ist der deutsche Fußball nicht zu "fixen", das heißt, wieder titelreif zu machen. Der Blick muss sich weiten. Kurzfristige Begeisterung bringt nichts. Ein Trainer mit einem durchdachten Spielkonzept und langfristigen Plan muss her. Und der DFB müsste ihn mal ein paar Jährchen in Ruhe arbeiten lassen.
