DFB-Stars von der Rolle

Musiala und Wirtz zerbrechen vor den Augen der Welt

imageVon Tobias Nordmann und Sebastian Schneider, Foxborough
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30.06.2026 | 19:06 Uhr
Jamal Musiala und Florian Wirtz sollen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft tragen. Auch sie spielen beim WM-Aus eine Rolle. Die beiden Zauberer zerbrechen an dem Druck, der auf ihren Schultern lastet.

Florian Wirtz drehte verzweifelt ab. Wieder war er gescheitert. Die nächste Flanke hatte er in den Strafraum der Paraguayer schlagen wollen. Deutschlands Hochbegabter traf den Ball aber nicht richtig, ein Verteidiger fälschte ab, der Ball landete in den Armen von Torwart Orlando Gill. Es war die 76. Minute, der Kopf hing mal wieder. Das DFB-Team taumelte dem nächsten WM-Desaster entgegen. Die Mannschaft von Bundestrainer Julian Nagelsmann hatte das Spiel zwar mittlerweile ausgeglichen. Aber sie blieb ratlos, kreativlos. Trotz Wirtz, trotz Jamal Musiala.

Eine Überraschung war das nicht. Wirtz und Musiala hatten keinen Blitz-Knockout erlebt. Sie, die das deutsche Spiel in der Offensive tragen sollten, zerbrachen bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft vor den Augen der Welt. Die Last auf ihren Schultern konnten sie nicht tragen. Nicht alleine. Ihnen fehlte der Mentor im Zentrum.

Ilkay Gündogan war das bei der Heim-Europameisterschaft. Serge Gnabry hätte das in den USA, Kanada und Mexiko sein können. Doch der Zehner des FC Bayern verletzte sich vor dem Turnier schwer. Joshua Kimmich wäre ebenfalls ein Anker gewesen, der hing aber hinten rechts fest. Gegen Paraguay durfte er erst spät vorrücken. Mit Folgen: Das deutsche Spiel wurde plötzlich strukturierter, klarer, dominanter. Nur nicht effektiver.

"Wusiala" stürzen tief ins Tal

Und nicht freier. Wo war nur die Leichtigkeit geblieben, mit der "Wusiala" vor zwei Jahren der Fußball-Welt den Kopf verdrehten? Na klar, es war viel passiert seither. Wirtz war einem gigantischen Angebot des FC Liverpool erlegen und kämpfte mit den kriselnden Reds um Form und Ergebnisse. Musiala verletzte sich vor einem Jahr bei der Klub-WM so schwer, dass er lange ausfiel und seither nicht mehr in die Spur fand. Die Verletzung hat ihn und sein Spiel verändert, er kam physischer zurück. Musiala suchte krampfhaft nach Leichtigkeit.

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Die offensive Herzkammer hatte kaum Puls, kaum Tempo, kaum Ideen. Deutschland also kaum Torgefahr. Das erste Spiel gegen Curacao hatte noch Hoffnung gemacht, dass sich die Dinge nach langen Leidenszeiten doch noch rechtzeitig zum Guten drehen würden. Dass die Stimmen aus dem DFB-Lager doch die Wahrheit sprechen würden, dass die Juwelen bei dieser WM wieder glänzen.

Doch das 7:1 vernebelte den Blick auf die Realität. Die Karibik-Fußballer waren ein gern gesehener, freundlicher, sympathischer Gast. Aber tauglich für die große WM-Bühne waren sie nicht. Die Realitychecks folgten und sie wurden immer schmerzhafter. Gegen die Elfenbeinküste gab's einen 30-Minuten-Sprint, angeführt von Deniz Undav. Aber auch viele Fragezeichen. Nach Ecuador brach erste Panik aus und gegen Paraguay führte alles ins Desaster.

Was den Spielen gemein war: Die Gegner des DFB-Teams setzten auf knallharte Physis. Sie hatten erkannt, wo die Achillessehne der Deutschen war. Mit Robustheit kamen sie klar. Und zum Sinnbild dafür wurden Wirtz und Musiala. Sie wurden immer wieder in harte Zweikämpfe verwickelt. Das setzte ihnen zu, das raubte ihnen die Lust am Spielen. Kein Tricks, kaum Dribblings, selten tiefe Läufe, noch seltener geniale Momente. Musiala und Wirtz riefen unausgesprochen nach Pausen. Musiala bekam sie gegen Paraguay, die erste Stunde saß er auf der Bank. Undav spielte. Und war nicht zu sehen. Er bekam keine Bälle.

Nagelsmann ließ Wirtz und Musiala weitermachen

Nagelsmann erkannte die Zeichen nicht oder wollte sie nicht erkennen. Trotz Formschwäche, trotz der Suche nach sich selbst, ließ er sie spielen. Immer mit der Hoffnung, dass sie doch bald die Alten sind. Auch kein großer Vertrauensbeweis in den Kader, der mit Jamie Leweling oder Maximilian Beier durchaus Alternativen hergeben hätte. Wenn auch individuell auf einem ganz anderen Niveau. Aber womöglich wären sie weniger verkrampft durch das Turnier gerumpelt, weniger scheu.

Auch mit der Auswahl seines Kaders hatte der Bundestrainer wenig Optionen geschaffen. Er hatte auf Said El Mala, das Supertalent des 1. FC Köln verzichtet und auf den formstarken Stuttgarter Chris Führich. Das wäre Tempo-Alternativen gewesen. Ebenso wie Lennart Karl, doch der Bayer verletzte sich wie Teamkollege Gnabry so schwer, dass der WM-Traum platzte. Das waren bittere Momente für Nagelsmann, für die er nichts konnte.

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Wirtz immerhin bekam seine Momente gegen Paraguay, als er plötzlich das Flanken anfing. Als er nicht mehr nur den Kurzpass suchte, der fast immer stecken blieb in der vielbeinigen Abwehr des Gegners. Das 1:1 durch Kai Havertz bereitete er mit einer starken Hereingabe vor. Zwei weitere Mal fand er noch den Kopf von Havertz, Ertrag brachte das nicht. Aber immerhin Gefahr.

Von Musiala kam dagegen nach der Einwechslung wenig. Er haderte mit der Härte und Ekeligkeit seines Gegenspielers. Unermüdlich setzte er zu einem Dribbling nach dem anderen an. Matías Galarza provozierte den jungen Bayern-Star, wo er nur konnte. Musiala hatte nach 116 Minuten so sehr die Schnauze voll, dass er zu einem amtlichen Frustfoul ausholte. Dafür sah er Gelb.

Mit der ganzen Wut im Bauch wagte er in der letzten Minute der Verlängerung noch ein Dribbling. Als wollte er das DFB-Team alleine vor der Blamage retten. Musiala gewann den Ball am eigenen Strafraum, er zog los. Am ersten Gegenspieler vorbei, am zweiten, am dritten. Durch die gesamte deutsche Hälfte, dann der Pass auf Leon Goretzka, der den Ball dann am ersten Paraguayer verliert.

Und so gibt es nach vier Turnierspielen in der deutschen Offensive einen Gewinner, den niemand auf der Rechnung hatte, der den Stempel aus Buhmann und Sündenbock seit Ewigkeiten mit sich herumträgt: Leroy Sané. Von einer Weltklasseform war er zwar auch meilenweit entfernt, um seine zerbrochenen Teamkollegen in den Schatten zu stellen, reichten aber schon Bemühen und vereinzelte Geistesblitze.

Verwendete Quelle: ntv.de