Nico Schlotterbeck wollte es nicht wahrhaben. Doch bei aller Willenskraft hat auch der eigene Körper seine Grenzen. Schlotterbeck knickte schon nach 13 Minuten beim 2:1-Erfolg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen die Elfenbeinküste um. Und nichts half: Während die Docs ihn behandelten, skandierten die DFB-Fans seinen Namen. Der Innenverteidiger rappelte sich immerhin auf und rettete sich in die Halbzeitpause.
Doch in der Kabine musste dann auch er sich eingestehen: Es geht doch nicht. Schlotterbeck konnte gegen die Elfenbeinküste nicht weitermachen. Und nach der MRT-Untersuchung ist klar, dass das auch für das restliche Turnier gilt: Der Innenverteidiger zieht sich eine Innenbandverletzung im linken Sprunggelenk zu, für ihn ist es das WM-Aus nach gerade einmal anderthalb Spielen.
Die Nachricht dürfte Julian Nagelsmann nicht überraschen. Der Bundestrainer hatte sie nach dem Spielende selbst angekündigt. "Es sieht auf jeden Fall nicht ganz so gut aus - leider." Einen Tag später ist die Gewissheit da. "Schlotti wird uns auf dem Platz als herausragender Verteidiger sehr fehlen", sagte Nagelsmann. "Es hätte seine WM werden können."
Man habe gemeinsam "versucht, ihn aufzubauen - zum Glück ist er ein sehr positiver Typ, der schon wieder vorausblickt". Dass Schlotterbeck zunächst bei der Mannschaft in den USA bleiben werde, wertete Nagelsmann als "ein schönes Zeichen, denn er hat auch neben dem Platz Einfluss. Trotz seines Ausfalls sind wir in der Innenverteidigung mit Jonathan Tah, Antonio Rüdiger, Waldemar Anton und Malick Thiaw weiterhin sehr gut aufgestellt für die WM". Eine Nachnominierung verbietet die FIFA.
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Schlotterbeck "nicht eins zu eins" ersetzbar
Nagelsmanns düstere Vorahnung erfüllt sich damit schon zum zweiten Mal: Bei Lennart Karl verlief es ähnlich. Der unbedarfte Bayern-Teenager zog sich im Abschlusstraining vor dem letzten WM-Test einen Muskelbündelriss zu - statt ins DFB-Quartier nach Winston-Salem reiste er zurück nach Deutschland. Für den Bundestrainer ist es der nächste Schlag auf seiner WM-Mission. Schon jetzt macht sich bemerkbar, dass ohne Karl eine wichtige Option auf der rechten Offensivseite fehlt. Und nun Schlotterbeck: Nicht ohne Grund hatte er Rüdiger im Abwehrzentrum verdrängt - dort, wo Rüdiger bei Real Madrid gesetzt ist und seinen Vertrag eben erst verlängert hat.
Nagelsmann ist großer Fan von Schlotterbeck. Es war ein bisschen kurios: Das Ansehen des 26-Jährigen stieg vor allem, als er im vergangenen Jahr lange mit einer Knieverletzung fehlte. Als Schlotterbeck zurückkehrte, war er ohne große Anlaufzeit wieder in Form. In der Zwangspause reifte er zudem: Schlotterbeck war immer dafür bekannt, sich unnötige Schnitzer in seinem Spiel zu leisten. Das hatte er zuletzt zwar nicht komplett, aber doch merklich abgestellt.
Dass Schlotterbeck die Nationalelf stützt, das war nicht immer so. Er war Teil der Graugänse von Hansi Flick, die bei der Weltmeisterschaft in Katar so gnadenlos abstürzten. Der damals noch unerfahrene 22-Jährige stand beim ersten Spiel gegen Japan etwas überraschend in der Startelf - und zahlte Flick das Vertrauen nicht zurück. Beim Gegentreffer zum 1:2 wurde er entscheidend überlaufen. Danach beorderte der Ex-Bundestrainer ihn wieder auf die Bank.
Heute ist das vergessen. Das DFB-Team, das gegen die Elfenbeinküste seinen 2:1-Emotionssieg landete, braucht Schlotterbeck als Mentalitätsspieler. Der Begriff ist etwas verpönt, doch wer ihm zuhört, versteht, was damit gemeint ist. Vergangene Woche saß er im Pressehörsaal der Nationalelf in Winston-Salem und sprach ohne auch nur irgendeinen Zweifel in der Stimme, dass die Nagelsmannschaft sich vor niemandem verstecken müsse und nun bereit sei, das auch der Welt zu zeigen. Seine Ausführungen waren so trocken, dass die Zuhörerschaft dachte, Schlotterbeck scherzte. Das tat er aber natürlich nicht.
Und natürlich gibt es auch fußballerische Qualitäten. Besonders eine: der linke Fuß. Nicht nur der Bundestrainer schätzt diesen, sondern sogar die Innenverteidiger-Konkurrenz: Rüdiger bezeichnete den als "Gold". Denn der ist in der Lage, zielgenaue Bälle quer über den Platz zu schießen - und so ganze Mittelfeldreihen zu überlisten. "Er hat die Qualität mit dem linken Fuß im Spielaufbau, diese Verlagerungsqualität können wir nicht eins zu eins ersetzen", merkte Magenta-Experte Thomas Müller an. Auch Nagelsmann merkte an, dass diese "exzellente Fähigkeit" für das weitere Turnier fehle.
Eingespieltes Duo wird auseinandergerissen
Deshalb betrieben die von Nagelsmann gesetzten deutschen Innenverteidiger eine Arbeitsteilung vor dem eigenen Tor: Der eine (Schlotterbeck) kümmert sich um den Ball, soll das DFB-Spiel eröffnen. Der andere (Abwehrchef Tah) versucht, den Ball zu erobern. Seine große Stärke ist das Verteidigen des eigenen Tors. Bislang funktionierte das ganz gut.
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Nur: Diese Symbiose zerreißt zusammen mit dem Innenband. Und holt jemand anderes wieder in den Fokus: Antonio Rüdiger. Schon unter der Woche schwärmte er von Schlotterbeck. In Toronto legte er nach: "Er ist ein wichtiger Spieler, wir brauchen ihn." Rüdiger wird die Position wohl übernehmen - nur eben als Rechtsfuß. Aber auch er kann das, schließlich ersetzte er ihn schon in der zweiten Hälfte gegen die Elfenbeinküste. "Ich kam von der Bank", sagte Rüdiger. "Und ich muss für alle Szenarien bereit sein."


