10.000 Kilometer Sicherheitsabstand helfen Arda Güler und den übrigen Stars dieser Tage auch nicht so recht. Die Botschaften aus der türkischen Heimat sind schwer zu ignorieren. "Unsere Welt ist zusammengebrochen", so titelten gleich mehrere Sonntagszeitungen nach dem trostlosen WM-Aus der Türkei, in großen, roten und gelben Buchstaben wurde da angeklagt: "Sie haben das Fußballglück von 85 Millionen Menschen zerstört."
Türkei-Star Güler entschuldigt sich nach WM-Aus

24 Jahre hatte das Land schließlich gewartet, und nun sind die großen Träume schon nach zwei Gruppenspielen geplatzt: Zwei Niederlagen, kein Tor, der türkische WM-Sommer fällt aus - und nach dem entscheidenden 0:1 (0:1) gegen Paraguay in Santa Clara folgte auf den Schock schon bald die Wut. In der Türkei wird längst alles hinterfragt, Trainer Vincenzo Montella, der Verband, die Stars.
"Wir weinen in der Kabine"
"Beschämend" sei diese Leistung, sagte Jungstar Güler von Real Madrid, "wir sind traurig, wir weinen in der Kabine." Und er ahnte wohl schon, was nun auf die Nationalmannschaft zurollt. "Wir entschuldigen uns bei unserem Volk. Wir müssen alles tun, um das wieder gutzumachen."
Denn die Hoffnungen waren immens gewesen, selbst nach dem ernüchternden 0:2 gegen Australien zum Auftakt. In den frühen Morgenstunden waren die Fans in der Türkei zu Tausenden zusammengekommen. Nahe des Dolmabahce-Palasts am Wasser, in einer alten Festungsanlage in Istanbul oder in einem Amphitheater in Antalya - gemeinsam sollte die sportliche Wende bei dieser Weltmeisterschaft gefeiert werden.
Stattdessen endete der Morgen in einem Debakel, welches am fußballerischen Selbstverständnis der Nation rüttelte. "Wie Haiti" sei die Türkei gescheitert, so fasste es etwa die Sportzeitung Fanatik zusammen, "wir teilen das Schicksal des schwächsten Teams im Turnier."
"Er muss sofort entlassen werden!"
Mit Blick auf Montella dreht sich daher nun die Stimmung in bemerkenswertem Tempo. Der Italiener hatte die Mannschaft 2023 übernommen, gab ihr Struktur, führte sie 2024 ins Viertelfinale der EM und nun erstmals seit 2002 zu einer Weltmeisterschaft - das alles sorgte für echte Euphorie im Land. Doch geht es nach dem türkischen Boulevard, soll Montella jetzt gehen, am liebsten schon vor dem sportlich bedeutungslosen letzten Gruppenspiel gegen Gastgeber USA (Freitag, 4 Uhr, MagentaTV und im Liveticker bei ntv.de).
"ARRIVEDERCI", schrieb die Zeitung "Türkiye" vorsichtshalber direkt auf Italienisch, und Sabah forderte: "Er muss sofort entlassen werden!" Der Vorwurf: Fehlende taktische Flexibilität ist der Grund für das Aus.
Die höchstveranlagte Mannschaft mit jungen Offensivstars wie Güler, Kenan Yildiz und Eintracht Frankfurts Can Uzun galt ja tatsächlich als eine Art Geheimtipp. In zwei sehr ähnlichen Spielen fand sie dann aber keinen Weg durch australische und paraguayische Abwehrmauern. 62 größtenteils verzweifelte Schüsse gab das Team bei dieser WM bislang ab, nur 12 davon gingen überhaupt aufs Tor.
Und so wurde die vermeintliche Überraschungsmannschaft zur Enttäuschung des Turniers, das ist übrigens auch dem Rest der Welt aufgefallen. "Es ist Zeit, den Fakten ins Auge zu sehen", schrieb "The Athletic": "Nie wieder sollte irgendjemand von uns die Türkei als Geheimfavoriten einer WM bezeichnen."


