"Dann werden wir auf Jahre hinaus unschlagbar sein." Nun, mit diesem Satz ist Franz Beckenbauer schon 1990 kräftig auf die Nase gefallen. Nichts war es mit der Macht des DFB-Teams nach dem dritten WM-Titel und der Wiedervereinigung. Stattdessen folgte das Aus im Viertelfinale 1994.
Überhaupt ist es historisch gesehen fast unmöglich, den WM-Titel zu verteidigen. Das gelang nur Italien (1934, 1938) und Brasilien (1958, 1962), dieses Jahr scheiterte bekanntlich Argentinien bei diesem Versuch. "Unschlagbar" sein ist also im Grunde genommen ein zum Scheitern verurteiltes Ziel.

Torres sticht zu: Dieses Tor macht Spanien zum Weltmeister
Bis ein Team kommt und es allen beweist? Mit Blick auf den spanischen Fußball kann einem nur angst und bange sein. Die frisch gekürten Weltmeister geben wenig Anlass zur Hoffnung, dass sie so schnell jemanden anders gewinnen lassen. Europameister sind sie bekanntlich bereits. Schon seit 18 Spielen konnte niemand La Furia Roja besiegen. Die letzte Niederlage stammt vom Juni 2025, als Spanien das Finale der Nations League gegen Portugal verlor. Weil das aber erst im Elfmeterschießen passierte, zählt es statistisch nicht als Niederlage, sondern als Unentschieden. So kann die Serie noch länger ausgelegt werden: 38 Spiele ohne Pleite, dann reicht es zurück zum 22. März 2024, als Spanien ein Freundschaftsspiel gegen Kolumbien 0:1 verlor.
"Ich bin sehr stolz auf diese Generation von Fußballern", sagte Trainer Luis de la Fuente nach dem 1:0-Sieg im WM-Finale. "Nach dem Spiel fragten mich einige Spieler, was wir noch gewinnen könnten, und ich sagte ihnen: das Spiel im September. Wir haben noch viel zu gewinnen."
Massenhaft Talent noch unter 25 Jahre alt
Es ist eine Drohung für die Zukunft. Und de la Fuente weiß ganz genau, warum er sich diese zutraut, auszusprechen. Mit dem zum besten jungen WM-Spieler gekürten Verteidiger Pau Cubarsi und Lamine Yamal sind zwei seiner Stammspieler gerade mal 19 Jahre alt, der beste Spieler des Turniers, Rodri, gehört mit seinen 30 Jahren zum alten Eisen. 26,9 Jahre alt sind sie im Schnitt - der mit 33 Jahren Älteste im Kader, Borja Iglesias, spielte nur eine Minute im Achtelfinale, mit Ersatzkeeper David Raya und dem Ex-Leverkusener Alejandro Grimaldo spielten zwei, die den Altersschnitt anheben, gar keine Rolle. Dann sind da auch noch Pedri, Gavi, Nico Williams - bereits Stars und doch Verheißungen für die Zukunft, die noch alle unter 25 Jahre alt sind.
De la Fuente hat da also ein Team zusammen, dessen Alter noch lange kein Grund für ein Auseinanderbrechen ist. Dass die kommende Weltmeisterschaft zudem unter anderem im eigenen Land stattfindet, dürfte zusätzlicher Anreiz sein, noch ein bisschen länger "durchzuhalten". Zumal es Spaß macht, in so einem talentierten Team zu spielen, an das alle Einzel-Trophäen gingen. Neben Rodri und Cubarsi räumte schließlich auch Torhüter Unai Simon ab, der im gesamten Turnier - also in acht Spielen - nur ein einziges Gegentor kassierte. Er hatte damit einen neuen Rekord aufgestellt und war 649 Minuten ohne Gegentor geblieben.
Womit der alte Spruch "Offensive gewinnt Spiele, Defensive gewinnt Titel" mal wieder seine Berechtigung hat. Das 0:0 zum Auftakt gegen Kap Verde war Grund für Spott, doch nach und nach mussten die Kritiker einsehen, dass es vielleicht nicht der aufregendste Fußball war, den Spanien spielte. Er war jedoch herausragend sicher, unaufgeregt und eine echte Bank auf dem Weg zum Titel. Ballsicherheit und Passqualität gehören seit jeher zum prägenden Spiel der Spanier. Das zeigte sich auch im Finale wieder eindrücklich: 65 Prozent Ballbesitz, beinahe doppelt so viele gespielte Pässe wie Argentinien (853 zu 464), von denen 89 Prozent ankamen.
Der Star ist das Team
Doppelt so viele Tore wie Simon - also zwei - hatte der legendäre Iker Casillas beim WM-Triumph der Spanier im Jahr 2010 kassiert. Als Teil eben jener goldenen Generation um die Superstars Andrés Iniesta, Xavi, Xabi Alonso, Sergio Ramos und immer so weiter, mit der das aktuelle Team verglichen wird. Die nicht nur Weltmeister 2010, sondern eben auch Europameister von 2008 und 2012 sind. Den Granden des Weltfußballs, die nun in East Rutherford auf der Tribüne saßen und ihren Nachfolgern zujubelten. "Die Könige aller Zeiten!", schrieb die "Marca" nun. Die "L'Équipe" adelte Spaniens Mannschaft als "das herausragende Team des 21. Jahrhunderts". Und "USA Today" sieht gar "eine neue Dynastie" auf den Weltfußball zukommen.
Denn ja, jeder Einzelne ist ein herausragender Fußballer, aber de la Fuentes Team überzeugt eben auch als Gemeinschaft. Ja, Lamine Yamal bekommt enorme Aufmerksamkeit, aber da dreht sich eben Vieles auch einfach um Dinge neben dem Platz. Der Trainer lobt vor allem dessen Teamfähigkeit: "Ich bin ihm ernsthaft dankbar, er hat sich für das Kollektiv geopfert", sagte der 65-Jährige, der jetzt der älteste Weltmeister-Trainer der Geschichte ist. "Wir arbeiten alle für das gleiche Ziel und nicht nur für das eines Individuums. Ich habe noch nie eine so vorbildliche Gruppe erlebt, auf dem Platz und neben dem Platz. In 47 Tagen zusammen hatten wir nicht ein einziges Problem", hatte er schon vor dem Finale stolz erklärt.
De la Fuente prägt seine Spieler schon jahrelang
Dazu trägt natürlich auch er selbst bei, der Trainer mit dem goldenen Händchen. Als er übernahm, war einiges im Argen. Sein Vorgänger Luis Enrique war zweimal im WM-Achtelfinale gescheitert, kann keinen Titel vorweisen, das Beste war das Erreichen des EM-Halbfinals 2021 und des Final Four der Nations League. Wie gut er als Trainer dennoch ist, beweist er seither mit Paris St. Germain.
Im Januar 2023 trat de la Fuente seinen Job an, die meisten seiner Spieler kennt er aber schon viel länger. Denn de la Fuente hat eine lange Vergangenheit im spanischen Verband. Seit 2013 trainierte er schon verschiedene Nachwuchsteams - und hat viele seiner jetzigen Stars nicht nur aufwachsen sehen, sondern entscheidend mitgeprägt. Rodri und Mikel Merino gehörten seinem U19-Kader an, der 2015 den EM-Titel gewann. Mikel Oyarzabal und Dani Olmo gehörten zu seinem U21-Team, das 2019 die deutsche Auswahl im EM-Finale besiegte. Yamal machte er als 16-Jährigen zum jüngsten Nationalspieler.
Die spanische Schule sorgt zudem für ein klares Konzept in der Ausbildung junger Fußballer. Es ist völlig klar, was gewollt ist: Das berühmte Tiki-Taka, eine technisch mehr als solide Ausbildung mit dem Ball am Fuß, die Spielintelligenz jedes einzelnen wird gefördert. Alles kummuliert darin, dass im Nationalteam jeder weiß, was gewollt und zu tun ist. Es ist eine Ausbildung, die bereits früh Früchte trägt. Nur wenige Tage vor dem WM-Titel konnte Spanien bereits feiern: Die U19 gewann gegen Deutschland den zehnten EM-Titel in dieser Altersklasse.
Und es ist auch nichts, was die Männer allein haben. Auch die U19-Frauen konnten gegen das DFB-Team das EM-Finale gewinnen. Zudem sind die Frauen wie die Männer amtierende Weltmeisterinnen. Es gibt wenig Zweifel daran, dass sich die Spanier von ihrem Weg abbringen lassen. Und vielleicht hatte Franz Beckenbauer schlicht 36 Jahre zu früh - und für ein falsches Team - gesprochen.





