WM-Experte echt sauer

"Argentinien ist mir richtig auf den Keks gegangen"

imageInterview: Tobias Nordmann
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20.07.2026 | 03:23 Uhr

Bei Lionel Messi fließen Tränen. Argentiniens Superstar erlebt vier Jahre nach seinem großen WM-Moment, dem Titelgewinn, eine herbe Enttäuschung. Seine womöglich letzte mit der "Albiceleste". Ob der 39-Jährige nochmal auf die Weltbühne zurückkehrt, das weiß an diesem Finalabend niemand. Was man aber weiß: Argentinien verliert das Finale der Weltmeisterschaft auf geradezu absurde Weise. Die Offensive findet bis in die 115. Minute nicht statt, dann öffnet sich für Sekunden das Tor zum Elfmeterschießen. Doch zwei Chancen verpuffen. Spanien ist Weltmeister. Joker Ferran Torres trifft in der 106. Minute zum 1:0-Sieg. Unser WM-Experte Arie van Lent freut sich für den neuen Champion, ärgert sich aber auch sehr über das, was er sich ansehen musste. Nicht nur sportlich.

ntv.de: Herr van Lent, die WM 2026 ist Geschichte. Spanien ist Weltmeister. Ihre Familie (Anmerk. d. Red: spanische Wurzeln) sicher sehr glücklich. Und Sie selbst?

Arie van Lent: Ich bin froh, dass dieses Spiel vorbei ist. Das sage ich Ihnen ganz ehrlich, Herr Nordmann! Aber der Familie geht's gut. Die Stimmung war ein bisschen laut während des Spiels. Das eine oder andere Mal habe ich etwas irritiert zur Seite geschaut. Aber die "richtige" Mannschaft hat gewonnen.

Spanien hatte den Ball, Argentinien die Wut in den Knochen. Das mochten Sie nicht?

Nein, das hat mir nicht gefallen. Was die Argentinier gezeigt haben, das ist mir richtig auf den Keks gegangen. Sie haben von Anfang an nicht versucht, Fußball zu spielen. Die Leistung war in meinen Augen nicht endspielwürdig. Sie haben viele grobe Fouls gespielt, waren fies und hatten Glück, dass sie nicht schon früh im Spiel eine Rote Karte gesehen haben. Da waren schon einige Fouls dabei, die mindestens orange waren. Oder gar mehr. Ich habe auch gar nicht verstanden, warum sie so viele lange Bälle auf Lionel Messi geschlagen haben, das ist doch gar nicht sein Spiel. Klar, sie wollten das Gegenpressing des Gegners überstehen, aber das ist ja keine sinnvolle Idee so. Es wirkte ein wenig, als würden sich die Argentinier abermals darauf verlassen, dass Messi schon irgendwas einfällt.

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Zum Verzweifeln: Spanien kriegt die Murmel nicht rein

Stellen wir die Frage nach der Henne und dem Ei: War Spanien so stark oder Argentinien so schwach?

Das ist eine sehr berechtigte Frage. Spanien war total spielbestimmend, hatte aber auch in der ersten Halbzeit kaum selbst Torchancen. Was mir imponiert hat: Wie schnell sie sich nach Ballverlusten wieder organisiert hatten und die Bälle zurückerobert haben, sodass überhaupt kein Konter der Argentinier zustande kam. Ich denke also schon, dass es vor allem die Stärke der Spanier war, die das Spiel entschieden hat. Weil sie das eben auch fast 120 Minuten so durchziehen konnten.

Also haben wir einen verdienten Weltmeister?!

Ja, wer Frankreich im Halbfinale und nun Argentinien im Finale gar keine Chance lässt, der ist absolut zu Recht Weltmeister geworden. Sie haben sich von Spiel zu Spiel gesteigert. Sie waren super kompakt und sind als echt sympathische Truppe aufgetreten. Die Superstars haben gar kein Ego gezeigt.

Ich würde trotzdem gerne nochmal über Argentinien sprechen: Zwei, ich wiederhole, zwei Torschüsse hatte Argentinien in den 120 Minuten. Den ersten in der 115. Minute, also das ist doch Wahnsinn!

Wir haben die letzten Spiele schon gesehen, dass die Argentinier oft eine lange Zeit nicht anwesend sind. Was der Unterschied war: Wenn sie mussten, dann konnten sie plötzlich. Dann konnten sie richtig starken Fußball spielen. Aber das war heute nicht der Fall. Vielleicht in den letzten fünf Minuten der Verlängerung war ein bisschen das Gefühl da, dass ihnen vielleicht noch ein Zufallstor gelingen könnte. Da waren sie etwas aktiver. Aber das wäre nicht gerecht gewesen. Ich habe auf Knien vor dem Fernseher gebetet, dass es Gerechtigkeit im Fußball gibt.

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Torres sticht zu: Dieses Tor macht Spanien zum Weltmeister

Nun, da sind Sie aber ein Optimist! Diese FIFA hat nicht viele Argumente geliefert, um noch an die Gerechtigkeit zu glauben!

Das stimmt. Mit der Einflussnahme von Donald Trump auf die Rücknahme der Roten Karte gegen US-Stürmer Folarin Balogun ist viel passiert. Das war eine absolut nicht korrekte Art, die mich sehr nachdenklich gemacht hat. Auch das Niveau des XXL-Turniers mit 48 Mannschaften hat mir nicht gefallen. Da waren einfach zu viele Spiele dabei, für die es sich nicht gelohnt hat, wachzubleiben. Das war wirklich zu wenig. Klar, Nationen wie Kap Verde oder Curacao haben auch Spaß gemacht, haben viele Sympathien gesammelt und hatten dann auch absolut ihre Berechtigung, dabei gewesen sein zu dürfen. Aber am Ende ist es doch die Weltmeisterschaft. Hier sollen die besten Teams der Welt gegeneinander spielen. Das wollen wir sehen. Das ist doch der eigentliche Gedanke des Turniers, und der verwässert sich immer mehr. Da geht es einfach immer nur um Geld und noch mehr Geld. Das ist einer WM nicht würdig, finde ich. Ach, es bleibt einfach so viel hängen nach dem Turnier, was nicht sportlich ist.

Wenn ich Ihnen, nun ganz Gianni Infantino, eine nächste WM mit 64 Teams vorschlage, dann winken Sie ab und stehen uns als WM-Experte nicht mehr zur Verfügung?

Oh, bitte nicht! Ich vermisse die Qualität der Spiele dieses Jahr wirklich schon! Über alles Weitere reden wir dann. Aber wissen Sie, worüber wir jetzt noch reden können?

Sagen Sie es uns, bitte!

Über die Schiedsrichter! Mich hat unheimlich gestört, was für eine Härte im Laufe dieser WM Einzug erhalten hat. Ich habe rund um die Deutschland-Spiele gesagt, dass ich eine gesunde Härte mag. Da habe ich die Schiedsrichter sehr gelobt, dass sie nicht alles abgepfiffen haben. Aber was in den vergangenen Spielen passiert ist, das war schon teilweise brutal. Da wurden rote Linien überschritten.

Wo wir gerade kurz bei spektakulären Revolutionen waren. 27 Minuten Halbzeitpause, eine Show voller Superstars: Waren Sie begeistert, Herr van Lent? Ich kann mir schon denken, was Sie sagen ...

Mich hat das total irritiert. Das sage ich Ihnen ganz ehrlich. War das Super Bowl oder noch Fußball-WM? Mich hat das gar nicht angesprochen! Es sollte doch eigentlich um den Fußball gehen. Das war es aber nicht. Und so eine lange Pause hat ja auch Auswirkungen auf die Spieler. Ich weiß, wie es damals war. Du wolltest nach spätestens 15 Minuten wieder raus, um die Dinge genauso gut wie vorher oder noch besser zu machen. Mir tun die Spieler und Trainer leid, die ihren Rhythmus verlieren, nur weil irgendwer meint, dass diese Show unbedingt sein muss. 25 oder 27 Minuten stillzusitzen, das geht nicht. Ich denke daher auch, dass die Mannschaften sich da gute Dinge überlegt haben, um die Spieler in Bewegung zu bringen. Ich fand diese Art der verlängerten Halbzeit sehr störend und hoffe, dass es nicht noch einmal passiert. Aber ich befürchte, mein Wunsch wird nicht erhört.

Haben Sie aber sportlich konkrete, negative Auswirkungen aus der überlangen Halbzeitpause erkannt?

Nur bei den Argentiniern, als der gerade eingewechselte Leandro Paredes nach wenigen Minuten direkt Gelb nach einem Check gegen Rodri bekommen hat. Das waren genau die falschen Emotionen heute. Von den guten Emotionen haben wir dagegen kaum etwas gesehen. Die haben sie aber in den vergangenen Spielen immer wieder getragen. Darüber habe ich mich auch gewundert. Aber noch mal zurück zur Pause: Das war einfach nichts. Und wenn diese Entwicklung so weitergeht, dann wird das dazu führen, dass ich in Zukunft weniger Spiele schauen würde.

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Fernandez haut Gegner weg - und fliegt hochkant vom Platz

Der Fußball ist schon lange Kommerz - aber ist damit eine neue Dimension erreicht? Eine, die vielleicht doch den einen oder anderen abschreckt?

Das glaube ich eben nicht. Wir haben das ja bei diesem Turnier gesehen. Es ist, Pardon, scheißegal, wie teuer die Ticketpreise sind, es gibt immer genug Leute, die das bezahlen, einfach nur, um dabei zu sein. Und ihnen scheint egal, dass der Fußball immer mehr zu einem Event wird, sich immer weiter vom Spiel an sich entfernt. Die echten Fans bleiben dabei ein bisschen auf der Strecke. Den Fußball, den wir so lieben, der geht immer mehr verloren. Ich habe heute wieder mehrfach gedacht: Bitte, Herr Infantino, geben Sie uns das Spiel doch einfach zurück.

Einer, der dem Spiel viel gegeben hat, ist, Pardon, war Lionel Messi. Im Finale stand er ganz schön neben sich. Seit Jahren wird darüber gesprochen, wann es vorbei ist. War das heute nun der Punkt?

Ja, das denke ich und das wünsche ich mir auch. Er hat heute gezeigt, dass er nicht mehr Teil der Mannschaft ist. Er ist kaum noch gelaufen, gefühlt waren es vielleicht fünf Kilometer (Anmerk. d. Red.: offiziell waren es gut acht). Alles andere war mir einfach auch zu wenig. Ich würde ihm raten, dass er nun Schluss macht, bevor die Leute zu lästern anfangen und ihm hinterherrufen, dass er den richtigen Zeitpunkt verpasst hat. Das Turnier war insgesamt noch okay, aber es reicht auf dem höchsten Niveau dauerhaft nicht mehr. Das haben wir heute gesehen.

Mit Arie van Lent sprach Tobias Nordmann

Verwendete Quelle: ntv.de