Tornado fegt Schweden weg

Umstrittene FIFA-Regel bringt Niederlande 25 Minuten aus der Fassung

Stephan-UersfeldVon Stephan Uersfeld, Houston
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20.06.2026 | 23:34 Uhr
Im von orangen Frauen und Männern bevölkerten Houston machen die Niederlande bei der WM 2026 kurzen Prozess mit Schweden - obwohl auch ihnen eine höchst umstrittene Regelung schwer zu schaffen macht.

Die Party-People aus den Niederlanden sind wieder da. Der orange Tornado fegt am zweiten Spieltag der Gruppe F über zu Beginn erstaunlich passive Schweden mit 5:1 (2:0/0:0/2:1/1:0) hinweg. Der Sieg gerät nur kurzzeitig in Gefahr. Nachdem Schiedsrichter Michael Oliver zur Viertelpause bittet, ändert sich das Spiel dramatisch. Weil die Premium-Offensive der Schweden um Alexander Isak und Viktor Gyökeres jedoch glücklos agiert und Verteidiger Gustaf Lagerbielke bei einem Kopfball knapp im Abseits steht, muss die Elftal nur zittern, leiden und bangen, sich aber nicht weiter aufregen.

Die Schwächephase im zweiten Viertel ist am Ende vollkommen egal. Die Tore von Brian Brobbey (5./16.), Cody Gakpo (47./54.) und Crysencio Summerville (89.) beantworten die Schweden nur unzureichend. Anthony Elanga (59.) gelingt nach einem Konter immerhin ein Treffer für die Schweden, die nach dem 5:1 zum Auftakt gegen Tunesien zumindest mit ausgeglichenem Torverhältnis in das letzte Gruppenspiel gegen Japan gehen. Sie hätten so viel mehr haben können, die zutiefst umstrittene FIFA-Regel hatte ihnen die Tür geöffnet. Sie waren nicht durchgegangen.

Niederlande - Schweden 5:1 (2:0)

Tore: 1:0 Brobbey (5.), 2:0 Brobbey (17.), 3:0 Gakpo (47.), 4:0 Gakpo (54.), 4:1 Elanga (59.), 5:1 Summerville (89.) 

Niederlande: Verbruggen - Dumfries, van Hecke, van Dijk, van de Ven - Gravenberch, de Jong (60. Koopmeiners), Reijnders (60. Til) - Malen (46. Summerville), Brobbey (72. Depay), Gakpo (90. Lang). - Trainer: Koeman

Schweden: Nordfeldt - Lagerbielke, Hien, Lindelöf - Bernhardsson (56. Elanga), Karlström (56. Zeneli), Ayari (79. Ali), Gudmundsson (90+3. Stroud) - Nygren (56. Bergvall) - Isak, Gyökeres. - Trainer: Potter

Schiedsrichter: Michael Oliver (England)

Gelbe Karten: - Gudmundsson, Ayari, Bergvall

Zuschauer: 68.777 

Wieder einmal aber stört der von der FIFA angeordnete Pfiff eines Schiedsrichters rund um die 22. Minute und die 67. Minute alle Anwesenden. Wie in der Bundesliga bei VAR-Entscheidungen gegen den DFB gesungen wird, so hat auch die WM nun ihren Lieblingsfeind. Die Zuschauer im Stadion quittieren ihn mit gellenden Pfiffen und schauen genervt drein. Lauter waren sie während dieser WM wohl noch nie.

Hydration Break führt zu neuen Verhältnissen

Die am wenigsten genervten Fans werden von den Stadionkameras eingefangen. Sie tanzen. Sie bleiben Einzelfälle. Auch im Stadion reißt langsam der Geduldsfaden. Die als Hydration Breaks, als Trinkpausen, verschleierten Werbeunterbrechungen verändern das Spiel in einer Art und Weise, die als unzulässig verstanden werden muss. Die wohl größte Regeländerung im Fußball seit Einführung der Rückpassregelung in den frühen 1990er-Jahren führt zu einer vollkommen neuen Dynamik bei dieser Weltmeisterschaft. Sobald die Spieler zur Bank geschickt werden, die Zuschauer in den Stadien pfeifen und Werbung über die TV-Bildschirme flimmert, bricht das Momentum auf dem Platz.

Das zeigen unter anderem die Statistiken des Datendienstleisters Opta. Der weist während der WM öffentlich einsehbar die verschiedenen Spielphasen aus. Das 5:1 im während des Spiels von Unwettern geplagten Houston zeigt dabei eklatante Unterschiede in den Vierteln des Spiels. Bis zur ersten Trinkpause dominieren die Niederländer, danach übernimmt Schweden bis zur Halbzeit das Spiel. Die Skandinavier stellen sich auf den tosenden Angriffswind ein, justieren ihr Spiel und lassen sich nicht länger vorführen. In der auf angenehme 22 Grad runtergekühlten Arena ist etwas passiert.

Anfangs überrennen die Niederländer ihre Gegner also. Die Schweden bewegen sich in der Defensive in einer behäbigen Fünferkette, die von den Flügeln der Elftal immer wieder schnell überspielt wird. Von links und rechts kommen die Bälle flach in den Strafraum und dort steht der ehemalige Leipziger Brobbey. Der 24-Jährige, etwas überraschend in die Startaufstellung gerückt, macht das, was ein Mittelstürmer machen muss: Er hält seinen Schlappen hin. Im Tor der Schweden streckt sich Kristoffer Nordfeldt zweimal vergeblich. Brobbey, der in 13 Länderspielen bislang nur ein Tor erzielt hat, trifft doppelt.

Schweden lassen dicke Dinger liegen

Gabriel Gudmundsson und Alexander Bernhardsson, die Außenverteidiger der Schweden, sind bemitleidenswert. Sie finden überhaupt nicht ins Spiel. Immer wieder werden sie von den schnellen Umschaltbewegungen der Niederländer um Denzel Dumfries, Gakpo und Donyell Malen überfordert. Zur Viertelpause sammelt die Elftal 4:1 Torschüsse, als Schiedsrichter Oliver nach rund 49 gespielten Minuten zur Halbzeit bittet, ist das Torschussverhältnis ausgeglichen.

Schweden kommt vollkommen verwandelt aus der Pause zurück. Sie agieren jetzt mutiger, offensiver, suchen immer wieder die Tiefe und gelangen so in aussichtsreiche Situationen. Aber Yasin Ayari und Gyökeres vergeben beste Gelegenheiten, Liverpools Isak kommt nicht richtig ins Spiel, sorgt nur hin und wieder über die linke Seite für Gefahr. Bis auf ein Abseitstor aber will Schweden nichts Zählbares gelingen. Sie sind jedoch da.

Mit diesem Schuss beginnt Oranjes Tor-Parade

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Als es in die Pause geht, hängen die Niederländer in den Seilen. Als sie wieder rauskommen, zeigt Gakpo, Isaks Teamkollege bei Liverpool, seine Klasse. Mit zwei Treffern, wieder unter Mithilfe der schwedischen Außenverteidiger, lässt er Sverige leiden. Danach hält Holland bis zur nächsten Viertelpause mit, überlässt das Spiel bald aber einigermaßen freiwillig den eifrig anrennenden Schweden. Wie aber bereits in der ersten Halbzeit will ihnen kaum etwas gelingen. Das Spiel endet. Auf den gigantischen Anzeigetafeln werden die Zuschauer angewiesen, im Stadion zu verweilen. Das Unwetter tobt weiter, Schweden ist da längst vom Tornado weggefegt.

Oranje erobert Houston

Die Tür zum Sechzehntelfinale steht den Niederlanden vor dem abschließenden Spiel gegen Tunesien weit offen, auch Schweden hat mit drei Punkten und 6:6 Toren noch lange nicht alle Hoffnung verloren. Doch in Houston gehört der Tag den Party-People aus dem deutschen Nachbarland. Sie machen ohnehin den gesamten Tag über ordentlich WM-Stimmung in der Tristesse der texanischen Metropole.

Schon um 8.45 Uhr Ortszeit nehmen sie die Stadt ein. Rund 15.000 Fans haben sich an der Rice University versammelt. In der drückenden Hitze des letzten Frühlingstags in Texas ziehen sie hinter gleich zwei Partybussen in Richtung NRG Stadium. Sie nehmen die Straßenzüge mit ihrer Herzlichkeit ein, werden mit offenen Mündern bestaunt, und alles ist in Orange.

Sie alle wissen noch nicht, was für ein Spiel sie sehen werden. Sie alle wissen wahrscheinlich jedoch da schon, während sie nach links und rechts tanzen, dass sie rund um die 22. Minute ordentlich pfeifen werden. Die Trinkpause macht diesen Sport kaputt, und alle wissen es. Sogar die Party-People aus Holland.

Verwendete Quelle: ntv.de