Kylian Mbappé täuscht an, macht einen Haken, auf der Hintertortribüne von New Jersey rumort es, wieder angetäuscht, es wird noch lauter, wie eine sich aufbauende Welle. Noch ein Richtungswechsel, aber kein schwedisches Bein lässt genug Raum für einen klaren Schuss. Die Fans setzen sich wieder. Die Skandinavier tun, was sie können, um die Franzosen zu entnerven. Sie schaffen es nicht, es wirkt ein wenig wie das zitternde Kaninchen vor der Schlange: Auge in Auge, und nur eine Frage der Zeit, bis sie zuschlägt.
Von Beginn an raunt das Publikum vor den Toren von New York City als wüsste es, was kommt: eine weitere Offensivshow der Équipe Tricolore. Die hat bislang ein glänzendes Turnier gespielt. Drei Partien, neun Punkte, 10:2 Tore. Trainer Didier Deschamps nimmt an diesem Dienstag wieder auf der Trainerbank seinen Platz ein, nach seinem Kurztrip in die Heimat wegen des Todes seiner Mutter. Ein Unterschied ist nicht ersichtlich - sein Team gespickt mit Superstars, die selbstbestimmt auch gegen mauernde Gegner mit Leichtigkeit ihre Räume für die Offensivreihen finden.
Mbappé legt im wilden Wettschießen mit Messi nach

Spektakulärer Olise
Auf den Handys wird vor der Hitze gewarnt. In Halbzeit eins geht es Schlag auf Schlag, die Schweden kommen unter der prallen Sonne kaum einmal zur Ruhe. Erst schießt Bradley Barcola den Ball über die Latte. Mbappé ist nach einem Steilpass auf und davon, versenkt den Ball im Eins gegen Eins souverän - stand aber im Abseits. Rabiot schießt aus der zweiten Reihe - knapp drüber. Mbappé von halblinks an den Pfosten. Michael Olise per Seitfallzieher aus rund 15 Metern - wieder Pfosten; Ousmane Dembélés Nachschuss geht knapp daneben. Olise verfehlt ähnlich.
Ein paar wenige Male nähern sich auch die Schweden an, aber wirklich gefährlich wird es kaum. Nach der ersten Trinkpause etwa: Die Skandinavier haben einen Freistoß im Halbfeld, fast alle erwarten einen hohen Ball, doch der geht flach in den Strafraum auf Alexander Isak; der erwischt aus wenigen Metern halbrechts den Ball nicht richtig. Schweden war in der Vorrunde unberechenbar. Sie nahmen Tunesien 5:1 auseinander, verloren umgekehrt gegen die Niederlande und spielten remis gegen Japan.
Spektakuläres Pech: Olise verpasst Tor des Jahres knapp

Besser für Deutschland?
Frankreich wäre Deutschlands Gegner im möglichen Achtelfinale gewesen. Seit der Auslosung war die potenzielle Paarung zu einer Art ultimativer Feuerprobe für die Nagelsmann'schen Entscheidungen vorgesehen. Die Hürde, über die der Bundestrainer den DFB wieder zurück in die Weltspitze führen sollte. Einspielen in der Vorrunde, sich Wettbewerbshärte im Sechzehntelfinale holen und so vorbereitet gegen die Franzosen bestehen. Danach Weltmeister werden. Das Ergebnis dieses ausgebufften Plans ist bekannt, Deutschland scheiterte an sich selbst und an Paraguay. Womöglich ist es besser so. Von diesem Frankreich wäre die DFB-Elf in ihrer gezeigten Form überrollt worden.
In East Rutherford neigt sich die erste Halbzeit dem Ende zu, wundersamerweise hat das rappelvolle Rund noch immer keinen gültigen Treffer gesehen. Mit jeder vergebenen Chance wächst der Unglauben. Da stimmt der offizielle Fanblock der Franzosen im Oberrang die Marseillaise an, "marschieren wir, marschieren wir"; unter den Klängen der französischen Nationalhymne hat einmal mehr Mbappé den Ball, zieht im Strafraum zwei Spieler auf sich, mit einem Fußgelenkwackler durch ihre Mitte und an einem dritten vorbei den Ball in die lange Ecke. Diesmal sind die Schweden machtlos.
Hummels fordert Rauswurf von "patzigem" Nagelsmann

Das ausverkaufte Stadion explodiert geradezu. Es ist ein klares Heimspiel für den Vizeweltmeister. Ohrenbetäubende Beats übertönen die Feierlichkeiten und führen auch durch die Halbzeit - samt einem Stadionkommentator, dessen Aufforderungen zum Bejubeln des Turniers größtenteils ignoriert werden.
"Da stark, dort stark"
Die Schweden müssten etwas ändern, aber bringt das was? Es steht aus ihrer Sicht zwar nur 0:1, aber Frankreichs Dominanz war erdrückend. Ist diese Elf besser zu verteidigen, oder muss die Hoffnung und ein maximaler Abwehrriegel reichen, weil sonst noch mehr Räume für die französische Angriffsmaschine entstehen? "Ich habe hier noch keine bessere Mannschaft gesehen", wird Schwedens englischer Trainer Graham Potter danach sagen: "Da stark, dort stark, stark in der Mitte, stark in der Abwehr."
Schweden kommt ohne Wechsel aus der Pause. Frankreich ist ein wenig langsamer, aber das Bild ändert sich kaum. Dann ein Blitzpass von Olise auf Barcela der zentral knallhart vollendet. 2:0, der Busfahrer macht den Motor an. In der 61. Minute zeigt Olise über halbrechts, schließt mit links in die lange Ecke ab, mit seiner typischen Bewegung, die jeder kennt, aber trotzdem kaum jemand verteidigt bekommt. Verfehlt.
Es ist geradezu beängstigend, wie locker die Franzosen ihre Strafraumbelagerung fortsetzen und die Schweden fast laufen lassen, wie sie wollen. Die Ballsicherheit von Deschamps Mannen erlaubt es dem Gegner kaum einmal, sie im Zweikampf zu stellen. Wenn die Skandinavier es doch schaffen, ist ihre Quote gar nicht so schlecht - am Ende werden es 47 Prozent sein. Und Trainer Potter sagen: "Sie haben uns immer mehr nach hinten gedrängt, wir hatten unsere Momente, aber es war nicht genug." Was seiner Mannschaft für einen Sieg gefehlt haben? Er denkt nach. "Nichts hat gefehlt in unserer Mannschaft. Die Qualität der Franzosen. Am Ende ist es, was es ist", sagt er resignierend.
"Sie haben eine Kriegsmaschine"
Nach der Trinkpause in Hälfte zwei kontert Frankreich schnell, zwei gegen zwei, Mbappé spielt klug auf Olise, der aber im Strafraum am herausragenden schwedischen Torwart Jacob Zetterström scheitert. Kurz darauf spielt Mbappé einen überheblichen Pass mit der Hacke - und wird nach erneutem Zusammenspiel mit Olise dafür mit seinem zweiten Treffer belohnt.
Unter drei Toren wollen oder dürfen die Franzosen offenbar nicht in den Bus steigen. Wenn das so weiter geht, hat der nur ein Fahrtziel: zum Finale wieder hierhin zurück in den Sumpf zu kommen. Mbappé und Olise gehen in der 85. Minute schonmal vor - und werden unter tosendem Applaus der 80.000 dorthin verabschiedet.
Als das Spiel vorbei ist, versucht Trainer Deschamps erst einmal, die ausufernde Begeisterung der französischen Journalisten zu dämpfen, die geradezu überschäumen vor Lob, sie wüssten gar nicht, was da noch zu verbessern sei.
"Sind Sie sich bewusst, dass Sie eine Kriegsmaschine haben?", fragt einer. Ja, meint Deschamps, Mbappé, Olise und Dembélé spielten in einer absoluten Top-Kategorie, ja, er sei sehr glücklich, aber man könne die Chancen besser verwerten, besser umschalten, und jetzt komme erst das Achtelfinale. Und dort den Deutschland-Bezwinger Paraguay. "Sie sind sehr aggressiv, sie verteidigen sehr gut, es ist Teil ihrer DNA", meint er. "Wir werden den Kader auf eine südamerikanische Mannschaft anders vorbereiten."


