Niemand lebt und eskaliert so schön und emotional wie Sebastian Beccacece: Der Trainer der ecuadorischen Nationalmannschaft hat sich mit seiner extrovertierten Art in die Herzen vieler Fans gejubelt und gelitten. Die Bilder nach dem Sieg gegen das DFB-Team gingen um die Welt. Für das Land war es ein Do-or-die-Spiel, der Trainer hatte das wortreich eingeleitet. Und als die Dinge erledigt waren, fiel er seiner Familie um den Hals. Was für ein Typ! Doch nun ist es vorbei. Nach dem Sechzehntelfinal-Aus gegen Mexiko (0:2) hört Beccacece auf.
"Heute ist es an der Zeit, sich von einer wunderbaren Familie zu verabschieden. Die Ergebnisse geben den Ton an", sagte der 45-Jährige auf der Pressekonferenz nach der Niederlage beim Co-Gastgeber. Beccaceces Vertrag lief bis zur WM und wird wie erwartet nun nicht verlängert. "Wir haben es nicht geschafft, unser Ziel zu erreichen - nämlich die beste WM in der Geschichte Ecuadors zu spielen", sagte er. Das Team war nach starker Südamerika-Qualifikation bereits als Geheimfavorit für das Turnier gehandelt worden. Doch die Leistungen bislang waren überwiegend enttäuschend. Außer gegen Deutschland.
Mexikanische Fans feiern lautstark vor Ecuadors Teamhotel

Beccacece schafft "inneren Frieden"
In der Mannschaft soll es zuletzt auch Widerstand gegen ihn gegeben haben. Beim Aus gegen Mexiko hatte Abwehrspieler Piero Hincapié dem Coach nach seiner Roten Karte den Handschlag verweigert - ob aus Frust oder aus Abneigung, blieb zunächst unklar. Er verabschiede sich, sagte Beccacece, aber mit "großer Dankbarkeit, großer Gelassenheit und innerem Frieden, denn wir haben alles gegeben". Gegen die Mexikaner war Ecuador vor allem in der ersten Hälfte klar unterlegen und lag nach einer guten halben Stunde bereits 0:2 zurück.
Mit seiner Arbeit ging er trotz der verpassten Ziele positiv um: "Ich denke, dass wir ein Erbe hinterlassen. Es war ein großartiges Abenteuer mit einem bittersüßen Ende." Er hatte den Posten im August 2024 übernommen. "Ich werde nun erstmal Zeit mit meiner Familie verbringen, mich erholen und zurückschauen, was ich besser hätte machen können." Eindruck hatte er aber auf jeden Fall hinterlassen: Beccacece sieht aus wie eine Mischung aus einem Rockstar und einem Philosophen - und genau so redet der Argentinier auch. "Wir haben 26 Krieger und gehen jede Partie so an, als ob sie unsere letzte wäre", sagt er vor dem Sechzehntelfinale.
"Ich war ein Tier im Konsumieren"
Während viele Trainer ihre Autorität aus einer glanzvollen Profikarriere ziehen, musste sich Beccacece alles hart erarbeiten. Das Energiebündel gilt als Autodidakt, er studierte besessen die Teams seines Vorbildes Marcelo "El Loco" Bielsa, in einer Zeit ohne Internet verschlang er einfach alles über Fußball. "Ich war ein Tier im Konsumieren, Konsumieren, Konsumieren und Konsumieren", sagt der Detailversessene. Noch heute soll der Familienvater alte Notizen von seinen Anfängen als Trainer von Kindermannschaften in Rosario aufbewahren.
Bei der WM mischt Beccacece jetzt auf der ganz großen Bühne mächtig mit. Und obwohl er Ecuador souverän zur WM führte, hatte er bis zuletzt "nicht das Gefühl, das Herz der Fans erreicht zu haben". Doch das dürfte sich nach dem Sieg gegen Deutschland und dem Einzug in die K.o.-Runde geändert haben. Sein wilder Jubel danach, als er die Tribüne hochkletterte, um mit seiner Frau Patricia und den beiden Töchtern zu feiern, begeisterte die Welt. Und brachte Beccacece neben "Beccasexi" einen weiteren Spitznamen ein - "Spider-Man".

