Das WM-Achtelfinale 2026 in Dallas sollte eine historische Überschrift bekommen: das Ende der WM-Karriere von Weltstar Cristiano Ronaldo. Sechs Weltmeisterschaften spielte "CR7" für die Portugiesen, erzielte dabei 11 Tore in 27 Spielen. Unter Tränen winkt er ein letztes Mal den Fans zu. Doch während Dauerkonkurrent Lionel Messi das Ende seiner WM-Reise dieses Jahr auch zum Anlass nimmt, seine Karriere in der Nationalmannschaft ganz zu beenden, ist für Ronaldo an einen kompletten Abschied noch nicht zu denken.
Denn als Jorge Jesus seinen ersten Kader für die anstehende Nations-League-Spiele vorstellte, war Ronaldo wieder Teil des Aufgebots. Mit 41 Jahren ist er mit Abstand der älteste Spieler. Sein Trainer Jorge Jesus ist 72. Die beiden sind zweifelsohne die Gesichter der Mannschaft. Jung und frisch sieht anders aus.

Ronaldo-Fans fallen auf falsche Hochzeit rein
"Cristiano ist ein Spieler wie jeder andere", sagt Jesus. "Wenn er gut performt, dann spielt er. Wenn nicht, dann spielt er nicht." Zumindest die bei der WM auch von portugiesischen Fans kritisch gesehene Startelfgarantie für den portugiesischen Rekordspieler (233 Einsätze) scheint damit weg zu sein. Ronaldos Leistungen in der Nationalmannschaft schwanken in den letzten Jahren enorm und auch im Vereinsfußball hat er sich mit dem Wechsel nach Saudi-Arabien in die internationale Bedeutungslosigkeit gespielt. Sein Trainer in der vergangenen Saison dort: Jorge Jesus.
Zumindest in der Mannschaft selbst scheint Kapitän Ronaldo noch seine Fürsprecher zu besitzen. Fabio Silva von Borussia Dortmund ist begeistert von der Anwesenheit des mehrfachen Weltfußballers: "Es ist eine Freude, hier zu sein und von Ronaldo zu lernen. Er ist ein Idol!" Währenddessen bricht die Unterstützung bei Fans und Medien stückweise weg. Portugals größte Sportzeitung "A Bola" kommentierte die Nominierung kritisch: "Dankbarkeit rechtfertigt es nicht, dass er mit 41 Jahren weiterhin zwingend nominiert wird, geschweige denn einen Stammplatz in der Nationalmannschaft innehat."
Wann kommt der Umbruch?
Dabei ist die portugiesische Nationalmannschaft längst nicht mehr auf Ronaldo angewiesen. Spieler wie Bernardo Silva (Man City), Bruno Fernandes (Man United) oder das Pariser Duo aus Vitinha und João Neves bringen die Mannschaft auf höchstes spielerisches Niveau. Und auch im Sturm ist man mit Gonçalo Ramos (AC Mailand) gut aufgestellt. Oftmals hatte man sogar den Eindruck, die Mannschaft spielt viel befreiter ohne den alles überschattenden Megastar im Sturm.
Was der Kader jedoch vermissen lässt, sind junge Talente. João Neves ist mit 22 Jahren der jüngste Spieler im Kader. Dabei hat Portugal in den letzten Jahren unentwegt Talente hervorgebracht. Und die gibt es auch nach wie vor. Die beiden 19-jährigen Geovany Quenda von Chelsea und Rodrigo Mora von AS Rom wären die wohl logischsten Kandidaten, spielen aktuell in der U21. Auch ein Mateus Fernandes von Tottenham bleibt außen vor. Für Jorge Jesus sind sie offenbar noch nicht spannend genug.
Dieser holte stattdessen den 31 Jahre alten Ex-Bayern-Profi João Palhinha zurück in die Mannschaft. Und setzt auf mehrere Spieler, die inzwischen in Saudi-Arabien spielen. Denn neben Ronaldo sind auch Rúben Neves, Francisco Trincão und Ronaldos Al Nassr-Teamkollege Joao Felix in der Saudi Pro League aktiv. Natürlich disqualifiziert das keinen Profi grundsätzlich, aber man darf zumindest infrage stellen, ob diese Spieler dauerhaft auf hohem Niveau Leistungen erbringen müssen, während andere dies jede Woche in Europas Spitzenligen unter Beweis stellen.
Nicht falsch verstehen: Der Kader ist gespickt mit Weltklasse, gerade im Mittelfeld. Und bei der WM war das Team gegen den späteren Weltmeister Spanien lange auf Augenhöhe. Aber in vier Jahren ist Portugal einer der Co-Gastgeber der nächsten WM. Ronaldo wird dann definitiv nicht dabei sein, außer er überlegt es sich mit 45 Jahren doch noch mal anders. Das Durchschnittsalter des aktuellen Kaders läge auch ohne Ronaldo bei 31 Jahren.
Eine Fahrt ins Ungewisse
Anstatt also nach der vergangenen WM einen klaren Strich zu ziehen und ein neues, jüngeres Team aufzubauen, setzt die stolze Fußballnation auf einen 72-jährigen Trainer und ihren scheinbar ewig jungen Starspieler. Fürs Erste zumindest. Ein klares Bekenntnis zu seiner weiteren Karriere hat Ronaldo bisher vermieden. Und auch andere Säulen im Kader werden 2030 tief in ihren Dreißigern sein. Nicht jeder kann wie ein Ronaldo ewig spielen und auch er wird irgendwann einsehen müssen, dass die Zeit das Einzige ist, was man nicht mit einem Übersteiger austricksen kann.
Für den Moment mag die aktuelle Kaderstrategie gut sein, das Risiko für die Zukunft ist aber immens. Einen Kaderumbruch kann man nicht einfach in zwei Jahren vollziehen. Es gehört mehr dazu, als einfach nur junge Spieler reinzuwerfen. Deshalb wäre es ratsam, früh damit anzufangen diese an den Kader heranzuführen, auch, wenn das vielleicht auf Kosten einer Nations-League- Trophäe geht. Noch wertvoller dürfte eine Heim-WM sein. Und ein letzter Tanz der alten Garde mag da vielleicht Fußballromantiker erfreuen, aber sportlich ist es eine Fahrt ins absolut Ungewisse.

