Irgendwie hatte Antonio Rüdiger seine Entscheidung schon getroffen. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft war gerade blamabel bei der Weltmeisterschaft gegen Paraguay ausgeschieden, da stand der 33-jährige Innenverteidiger im Keller des Stadions von Foxborough und blickte den wartenden Medienschaffenden tief in die Augen. Ob es mehr "böse Jungs" im DFB-Team brauche, wurde der 33-jährige Innenverteidiger gefragt.
Die Frage barg ungewollt eine gewisse Ironie: Schließlich ist Rüdiger derjenige, den man gemeinhin als "bösen Jungen" bezeichnen würde. Jemand, der fürs Gewinnen bis an die Grenze des Erlaubten geht - und manchmal darüber hinaus. Und trotzdem sah sich Rüdiger immer wieder mit Debattenbeiträgen von Experten und Ex-DFB-Spielern konfrontiert, er gehöre wegen seines Auftretens gar nicht in die Nationalelf. Deshalb verstand Rüdiger auch, dass er eigentlich der falsche Adressat der Frage war. Und spielte den Ball zurück: "Ihr wollt doch gar keine bösen Jungs, oder?"
Beim DFB-Team war es in den vergangenen Jahren so, dass Rüdiger sein "Bad Boy"-Image nicht nur Gegner auf dem Platz einbrachte. Sondern auch im Internet. Kaum ein Nationalspieler polarisierte dort so sehr, wie er das tat - bis nun zu seinem Rücktritt. Nach 86 Länderspielen, mehreren Großturnieren, drei Toren, einen Titel (der glorreiche Confed-Cup!) ist für Rüdiger die Zeit im DFB-Trikot vorbei. Auf Instagram bedankte er sich für die "gemeinsam Reise". Es sei ein "extrem besonderes Kapitel", das ihn für immer prägen werde.
"El Loco" und Wikipedia
Dieses "extrem besondere Kapitel" hatte vor allem auf den letzten Metern zwei Seiten. Da war der umstrittene "Buhmann", der vor allem zu Beginn seiner Karriere gegen den Rassismus einsetzte, der später im Internet für seinen muslimischen Glauben und sein Verhalten auf dem Platz angefeindet wurde. Als die Stimmung noch weniger angespannt war, wenige Tage vor dem blamablen WM-Aus in Foxborough, saß Rüdiger im DFB-Quartier und sprach über diese Themen. "Bei Social Media bin ich der Buhmann", sagte er. Mit seinem Namen könne man wohl gut Klicks sammeln, vermutete er damals. Er wisse nicht, warum das so ist, deshalb: "Lassen wir Social Media aber Social Media sein. Und wir leben in der realen Welt."
Dort, in der realen Welt, ist Rüdiger, sobald er den Rasen betritt, eigentlich das, wonach sich die deutsche Fußballöffentlichkeit immer wieder sehnt. In Madrid nennen sie ihn "El Loco", einen Verrückten. Ein "böser Junge" halt. Er bringt lange alles mit, was ein Innenverteidiger braucht: eine ungeheure Physis, Erfahrung auf Top-Niveau, Tempo, Kopfballstärke. Und einen unbedingten Siegeswillen. Nur kippt letzteres manchmal ins Überschwängliche, vor allem in Deutschland schaute man sehr genau darauf.

Reporterfrage bringt Antonio Rüdiger auf die Palme
Sein deutscher Wikipedia-Eintrag (der englische übringes nicht) führt tatsächlich einen Abschnitt über "Verfehlungen auf und neben dem Platz". Dort lässt sich eine "Kopf ab"-Geste im Madrid-Derby im März 2025 finden. Oder die Tape-Rolle, die er einen Monat später in Richtung eines spanischen Schiedsrichters warf. Wegen der er seine erste Rote Karte in mehr als neun Jahren kassierte. Oder da war ein Jahr später das Foul gegen Diego Rico, als er seinen Gegenspieler mit dem Knie am Kopf traf.
Er sei kein Kind von Traurigkeit, das sagte Rüdiger einmal über sich selbst. Nach seiner Anfangszeit in Stuttgart ging er ins Land der Abwehrspieler, nach Italien. Bei der AS Roma habe er verteidigen gelernt, sagte er mal. Anschließend saß er beim FC Chelsea auf der Bank, bis ihn Thomas Tuchel dort in seine Startelf holte und mit ihm die Champions League gewann. Und seit 2022 spielt er bei Real Madrid. Immerhin der Klub, der vor unmittelbar vor Rüdigers Ankunft mit Pepe und Sergio Ramos ein rüpelhaftes Innenverteidiger-Duo hatte, das ohne Probleme in jeder Metropole als Türsteher arbeiten konnte. Doch anders als in Spanien wusste das deutsche Publikum nur selten, das zu schätzen.
Ein letzter Akt des Teamgeistes
Und da ist die andere Seite, die in der Öffentlichkeit nicht so häufig angesprochen wurde. Während der Heim-EM vor zwei Jahren erinnerte sich Toni Kroos einmal an Rüdigers Anfangszeit bei Real Madrid. Schon damals war es unangenehm, gegen den Innenverteidiger zu spielen. Rüdiger habe im Training seine Mitspieler teilweise über die Seitenlinie getreten - und sei trotzdem "wahnsinnig" beliebt gewesen. Ähnlich verhielt es sich bei der DFB-Elf.
In seiner Abschiedserklärung erinnerte er sich an all die Freundschaften, die in der Zeit entstanden sind. Er sei dankbar für die Teamkollegen und für die Menschen hinter der Mannschaft. Er bedankte sich bei Joachim Löw, unter dem er im Mai 2014 debütierte (Für den damals 21-jährigen Rüdiger kam das Turnier in Brasilien jedoch zu früh). Einen Dank bekam auch Hansi Flick, der ihn zur WM 2022 nach Katar nahm. Und schließlich auch Julian Nagelsmann, der trotz des öffentlichen Windes an ihm festhielt.
Eigentlich sollte die EM 2016 das erste große Turnier Rüdigers sein, doch er riss sich im DFB-Quartier das Kreuzband. In der Folge hatte er noch Mats Hummels und Jérôme Boateng vor sich, das änderte sich erst mit der letzten Löw-EM 2021. In Katar verpasste er keine Minute, bei der Heim-EM 2024 wurde er gar zum Abwehrchef. Seine Leistungen sind konstant, selten überragend. Darauf folgte eine schwierige Phase, in diese Zeit fielen auch die Tape-Rolle und die "Kopf ab"-Geste. Das Knie plagte Rüdiger, es dauerte bis er wieder fit war.
Und als er das war, war er von Bundestrainer Nagelsmann degradiert worden. Doch Rüdiger tat für sein Ansehen etwas Ungewöhnliches: Trotz seiner Bankrolle hinter Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck flog er mit der DFB-Maschine über den Atlantik - und ordnete sich unter. Er lobt öffentlich die beiden, die ihm den Rang abgelaufen hatten. Nagelsmann selbst sagt, dass sich der Real-Star der "Familie Nationalmannschaft" voll "committet" habe. Seine Startelfeinsätze bekam er erst, als sich Schlotterbeck im zweiten Spiel gegen die Elfenbeinküste verletzte.
Es blieben seine letzten. Rüdiger wolle jetzt den Weg für "die junge Generation" freimachen. Der "Spiegel" berichtet, dass diese Entscheidung nichts mit dem neuen Bundestrainer zu tun habe. Jürgen Klopp wird nun nach neuen "bösen Jungs" suchen müssen, wenn er das will.


