"Spielt, wie er will"

Englands Trainer Tuchel schwärmt von seinem jungen Regisseur

imageVon Roland Peters, East Rutherford
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Zwei der Besten auf dem Platz: Panamas José Luis Rodríguez (links) und Englands 8er Elliot Anderson. (Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire)
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28.06.2026 | 07:47 Uhr
Mit einiger Mühe und zwei Toren alter Bekannter gewinnt England gegen Panama. Dabei dirigiert im Mittelfeld Elliot Anderson, dem womöglich das auffällig englische Wetter half. Von Tuchel bekommt er nach der schwierigen Partie ein Sonderlob.

Im Sumpf regnet es. Bei ein paar Grad weniger als die angezeigten 22 Celsius wäre es perfektes englisches Fußballwetter in East Rutherford. Es gibt kein Dach, also füllen vor den Toren New Yorks bunte Einweg-Regenmäntel das Rund, und um die Farbenverwirrung perfekt zu machen, läuft "die rote Flut" Panama in Weiß auf, die Engländer hingegen in Rot, und auf den Tribünen ist es umgekehrt. Aber das nur am Rande.

Für die Mittelamerikaner geht es bei dieser Partie um die Ehre - und darum, Geschichte zu schreiben. Für England zählt nur der Gruppensieg. Es ist jedoch der Außenseiter, der praktisch mit dem Anpfiff erstmals aufs Tor schießt. Die Three Lions schütteln sich kurz und übernehmen sofort das Zepter. Sie müssen gewinnen, um ganz sicher zu gehen, dass sie sich als Gruppenerster qualifizieren. Im Parallelspiel könnte ihnen Ghana noch gefährlich werden, die gegen Kroatien im Einsatz sind.

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England hat seit mindestens 60 Jahren den Anspruch, ein Titelfavorit zu sein, 2026 mit einem starken Kader vertreten und den deutschen Trainer Thomas Tuchel an der Seitenlinie. Panama hat sich hingegen erst zweimal überhaupt für eine Endrunde qualifiziert. Einen Punkt konnten sie noch nie ergattern. Am Ende werden sich die Mittelamerikaner ins ungleiche Duell hineingebissen und die englische Defensive einige Male überrannt haben, sich das Star-Ensemble doch gegen die Abwehrspezialisten durchsetzen.

Ein neuer Dirigent

In der 8. Minute zieht Englands Marcus Rashford das erste Mal nach innen, verweigert Jude Bellingham das Anspiel und zieht ab. Der panamaische Torwart Orlando Mosquera klärt zur Ecke. Weitermachen, weiter, weiter, zeigt Tuchel an der Seitenlinie energisch an. Panama nimmt weiterhin teil - und kontert. In der 16. Minute etwa ist Englands Defensive entblößt, aber José Luis Rodríguez vergisst den Ball. Tuchel steht in Regenjacke allein in der Trainerzone, verschränkt die Arme, tritt in den Kunstrasen.

Panama übersteht Englands Druck bis zur ersten Trinkpause. Der erste Angriff danach gehört wieder den Mittelamerikanern, wieder ist es Rodríguez, der Englands Torwart Jordan Pickford prüft. Er wirft sich in die kurze Ecke und wehrt ab. In der 34. Minute flackert ein Zwischenstand auf den Anzeigetafeln auf: Kroatien ist gegen Ghana in Führung gegangen. England müsste für den Gruppensieg nun zwingend gewinnen. Rashford versucht es mit einem Kopfball nach Flanke von Elliot Anderson, der nicht nur dieses Mal der Ausgangspunkt eines Angriffs ist. Der 23-Jährige dirigiert aus der Mitte praktisch pausenlos seine Mitspieler.

"Seine Spielweise ist wirklich beeindruckend", wird Tuchel danach sagen. "Er hat eine tolle Ausstrahlung, ist noch recht jung und spielt einfach so, wie er will. Er ist von Spiel zu Spiel besser geworden." Anderson wechselt zur neuen Saison von Nottingham Forest zu Manchester City - für rund 135 Millionen Euro.

Kurz vor der Pause zirkelt Rashford einen Freistoß rechts um die Mauer herum, aber auch am Pfosten. Tuchel joggt in die Kabine, die Statistik zeigt 2:2 Schüsse aufs Tor. England fehlen die Ideen, Harry Kane ist kaum zu sehen, Jude Bellingham wird eng bewacht und Rashford hat keine Fortune.

Da die Mittelamerikaner bereits ausgeschieden waren, war die Frage, wie sie sich hier zeigen würden. Die Antwort: Sie werfen alles rein, was sie haben. Ein Tor wäre historisch, weil es das einzige von ihnen bei dieser WM wäre, ein Punkt der erste ihrer Geschichte überhaupt. Gegen Ghana verloren sie in letzter Minute durch einen Konter der Black Stars.

Panama giftet, Kane trifft

Nach der Halbzeit bleibt Panama giftig, körperlich, hat sich deutlich auf England eingestellt und wird noch mutiger. In der 48. Minute kämpft sich Mittelfeldterrier Cristian Martínez über die rechte Seite bis an die Torauslinie durch. Die 6 ist Dreh- und Angelpunkt bei Panama, kämpft, verteilt Bälle, spielt auf Augenhöhe mit Englands Stars. Er ist sonst für den israelischen Klub Ironi Kiryat Shmona aktiv. Dann tanzt Innenverteidiger José Córdoba im eigenen Strafraum Rashford aus, etwas Ähnliches hatte er zuvor schon mit Bellingham und anderen gemacht. Der "Prinz von Panama" spielt bei Norwich City in der zweiten englischen Liga.

Erst produziert sein Team jedoch fast ein Eigentor, weil der eine Spieler dem anderen im Fünf-Meter-Raum an den Oberschenkel schießt, von wo der Ball über die Latte springt. Aber auf der Gegenseite ist Pickford stinksauer auf seine Abwehr, weil erneut Martínez viel Platz hat und aus 18 Metern nur knapp den rechten Torwinkel verfehlt. Den Bann bricht Bellingham nach einer Ecke aus kurzer Distanz; aber Panama denkt gar nicht daran, aufzustecken. Fast erzielen sie den Ausgleich. Doch einen weiteren Treffer erzielt Harry Kane auf der anderen Seite nach Flanke von Bellingham, aus zentraler Position köpft er ein. Mit dem 2:0 macht er sich zum englischen WM-Rekordtorschützen. Zuvor war das Gary Lineker mit zehn Treffern.

Die Partie ist jetzt keineswegs gelaufen, Panama will einen WM-Treffer mit nach Hause bringen; sie machen einfach so weiter, als hätte es die Gegentreffer gar nicht gegeben. In der 90. Minute versucht es ein Panamaer aus der Ferne, wieder rauscht die Kugel vorbei. Es läuft die Nachspielzeit, erneut kontern die Panamaer, von links schlägt Martínez einen perfekten Pass in den Lauf von José Fajardo, der nimmt den Ball gut mit - und versenkt er ihn. Die Fans hinter Pickfords Kasten rasten aus, Bier fliegt durch die Luft. Dann geht die Fahne hoch. Abseits. England gewinnt - einigermaßen - souverän.

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Während des Spiels fanatisch, danach gelöst: Englands Nationaltrainer Thomas Tuchel. (Foto: IMAGO/Every Second Media)

Ein Hauch von Wembley

Entsprechend kritisch die erste Frage vor versammelten Journalisten - das Ergebnis, alles ok, aber die Art und Weise? "Es gibt kein Aber, wir hatten ein schwieriges Spiel", erklärt Tuchel. Der Gegner sei physisch stark gewesen und man habe gewusst, dass es schwer würde, "die Konter zu kontrollieren." Ob es sich angesichts des Wetters und der Stimmung ein wenig wie Wembley angefühlt habe, fragt jemand. "Es war perfektes Wetter für uns", sagt Tuchel über den Regen. "Es war fantastische Unterstützung, die weiße Wand hinter dem Tor", lobt Tuchel zudem die Fans. Die besangen die Three Lions nach dem Abpfiff mit Oasis' "Wonderwall" sowie "Hey Jude" von den Beatles.

England hatte nicht nur den Regen, sondern auch neben Anderson auch Bellingham und Kane, die den Unterschied machten an diesem Nachmittag. "Sie hatten einen großen Einfluss in der zweiten Halbzeit", meint Tuchel. "Sie machen uns gefährlich. Sie machen uns zu einem Top-Team." Ob Englands Trainer auch einen Rat für die DFB-Elf habe, die nun gegen Paraguay antreten werde?, fragt jemand. "Falls sie etwas nicht brauchen", meint Tuchel schmunzelnd, "ist es mein Rat. Sie haben eine Top-Mannschaft und einen Top-Trainer." Er fokussiere sich für auf England.

Zumindest bei diesem Turnier, denn das soll noch lange dauern für sein Team. Das Ziel dürfte beim ewigen Mitfavoriten klar sein. Ein Journalist möchte Tuchels Meinung über Mexiko wissen - ein möglicher englischer Gegner im Achtelfinale. Die Antwort ist freundlich, aber bestimmt: Erst einmal müsse man die kommende Runde überstehen, nichts anderes zähle jetzt. Dort treffen die Three Lions am Mittwoch auf die Demokratische Republik Kongo. Und der Mitgastgeber muss sich am Dienstag mit Deutschlands Bezwinger Ecuador auseinandersetzen.

Verwendete Quelle: ntv.de