Vincent Kompany hatte richtig schlechte Laune. Und der Frust musste dann einfach mal raus. Seine Mannschaft, der FC Bayern, habe "einfach nicht schlau" gespielt, klagte der Coach. Die Münchner hatten bei Viking Stavanger nur ein 3:3 geholt. Sie lagen 0:2 hinten, führten 3:2, verloren Superstar Michael Olise nach einer "überblöden" Aktion und fingen sich noch den Ausgleich. Da war wirklich viel los gewesen beim Champions-League-Debütanten. Aber nur wenig, was Kompany erfreute.
Erst das Remis gegen Augsburg, jetzt die geteilten Punkte gegen die Norweger. Das ist nicht das, was der FC Bayern qua Status als deutsche Fußballmacht für sich beansprucht. Die Nonchalance mit der seine Stars gerade die Spiele bestreiten bringt den oft so seelenruhigen Belgier auf die Palme. Der Mangel an Schlauheit nährt sich aus einer unseriösen Konstanz an Konzentrationsfehlern: "Nicht gegen Augsburg, wo wir nach acht Sekunden ein Gegentor bekommen. Nicht gegen Viking, wo wir nach anderthalb Minuten ein Gegentor bekommen", monierte Kompany die zu große Lässigkeit.
"In wichtigen Momenten haben wir einfach zu große Fehler gemacht und dann auch zugelassen, dass der Gegner heute einen besonderen Abend erlebt", sagte Kompany. Zwar habe man in einem Auswärtsspiel auch viele gute Sachen gemacht, "aber du verdienst das Spiel, nicht zu gewinnen, weil in den wichtigen Momenten machst du halt Fehler, die nicht passieren dürfen". Sportvorstand Max Eberl sah erzürnt ein "fast identisches Spiegelbild dessen, was uns gegen Augsburg schon geärgert hat". Von "Pech" wollte er angesichts der Häufigkeit der Schwierigkeiten nicht sprechen. "Das hat mit Aufmerksamkeit zu tun, mit Bereitschaft, meine Aufgabe zu erfüllen." Der kollektive Vorwärtsdrang sei ein Problem, es müssten sich auch Spieler finden, "die aufpassen, dass wir keinen Konter fressen".
"Das ist nicht das Niveau unserer Mannschaft"
Ein Remis beim norwegischen Meister, gestand Eberl in der Interviewzone der stimmungsvollen Lyse Arena, habe man definitiv nicht im Kopf gehabt. "Das ist nicht das Niveau unserer Mannschaft. Unser Niveau ist ein anderes und das kriegen wir momentan nicht auf den Platz", sagte Eberl. Nach zwei Spielen haben die Münchner vier Punkte auf dem Konto. Wie in der Bundesliga, in der sie Rang drei belegen, ist das zu wenig für die hohen Ansprüche. "Man muss schon anerkennen, dass momentan ein bisschen was fehlt", sagte Kapitän Joshua Kimmich. "Ich habe schon relativ zu Beginn der Saison gesagt, dass ich das Gefühl habe, dass wir noch nicht auf unserem Top-Level sind. Und das spüre ich immer noch. Innerlich bin ich in Alarmbereitschaft."
Gianni Stensness war nach einer Ecke in der 2. Minute am höchsten gesprungen. Bayerns Abwehr-Hünen Jonathan Tah und Minjae Kim waren da viel zu passiv. Jonas Urbig war chancenlos. Der Jung-Nationalspieler vertrat zum dritten Mal in dieser Saison den angeschlagenen Routinier Manuel Neuer (Fuß), der drei Tage zuvor noch so schwer gepatzt hatte.
"Das darf uns nicht passieren", sagte Außenverteidiger Konrad Laimer über den "dummen" Start. Richtig entblößt wurde die Defensive der Münchner dann beim 0:2. Binnen weniger Sekunden und nach nur fünf Ballkontakten hatte der schnelle Peter Christiansen erst Nathaniel Brown per cleverer Kreuzung düpiert und dann einen Sensations-Konter abgeschlossen. Die Bayern hatten im Versuch die eigene Ballbesitz-Dominanz zu veredeln, die Restverteidigung gänzlich vergessen: "Wenn man solche großen Fehler macht, wird man bestraft, und genau das ist heute passiert", klagte Harry Kane.
Harry Kane sorgt für Vereinsrekord
Dank Kane hatten die Münchner indes die Dinge zwischenzeitlich wieder ins Lot gebracht. Kompany hatte die Mannschaft zur Pause mit einem Dreifachwechsel umgebaut und so auf die peinliche Darbietung reagiert: Dayot Upamecano, Alphonso Davies und Ismael Saibari ersetzten die schwächsten Münchner Tah, Brown und Lennart Karl - drei DFB-Spieler.
Der Superstürmer netzte doppelt ein (54./60.) und legte das Stadion kurzzeitig schlafen. Der Engländer traf zum neunten Mal in der Königsklasse in Serie - Vereinsrekord. Schon zum Auftakt hatten die Bayern gegen Bodö/Glimt ebenfalls aus Norwegen (5:0) nach dem Seitenwechsel noch aufgedreht. Als Luis Diaz einen feinen Angriff über die Linie drückte (71.) war das Wunder von Stavanger eigentlich abmoderiert. Doch dann ließ sich Olise zu einer "überblöden" Aktion hinreißen, wie Kompany fand. Gerade erst Gelb verwarnt, hatte sich der Franzose nach einem Gerangel nicht im Griff und warf Viking-Kapitän Zlatko Tripic frustriert den Ball an den Kopf. Dafür flog er runter.
Tripic hob Eberl als positives Gegenbeispiel hervor. "Er hat gespielt wie ein Drecksack", sagte Eberl, und das war ein Kompliment, "der wollte das Spiel gewinnen." Die Bayern etwa nicht? Kane war bemüht, die aufkommende Unruhe einzufangen. "Es ist nicht das Ende der Welt. Es gibt keinen Grund, in Panik zu verfallen." Aber immerhin für sehr deutliche Worte.
"Diese Rote Karte ist überblöd"
"Diese Rote Karte ist überblöd. Das haben wir deutlich angesprochen. Michael muss sich da besser im Griff haben. Das weiß er. Man hat gesehen, dass er das schade findet für die Mannschaft. Heute war es kein Finale, kein Halbfinale. Aber diese Momente sind entscheidend in einer Saison", sagte Trainer Vincent Kompany mit äußerst finsterer Miene bei Prime Video. "Solche Sachen brauchst du nicht zu verstecken. Es gibt keine unglaublich schlaue Strategie. Die ganze Mannschaft weiß es, Michael weiß es auch", so Kompany weiter: "Hoffentlich gehört das zu einem Moment, wo man dann sagt, daraus haben wir gelernt und sind stärker geworden."
Auch von Kane gab es kritische Worte. "Michael ist total geknickt, aber die Verantwortung muss er übernehmen. Er muss daraus lernen", sagte der Torjäger. Olise wird nun am kommenden Mittwoch im Gigantenduell mit dem englischen Meister FC Arsenal fehlen. "Wir haben jetzt große Spiele in der Champions League vor uns. Er wird am Boden zerstört sein, dass er diese Spiele verpasst, aber so ist der Fußball", fügte Kane an.



