Fußball

Tschüss, Bundesliga! Für den HSV brennen schon die Grabkerzen

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Der berühmte Seeler-Fuß - und die Grabkerzen.

(Foto: Heiko Oldörp)

Der Hamburger SV gilt als Dinosaurier der Fußball-Bundesliga. Doch seine Tage als einziger ständiger Verein in Deutschlands Topliga scheinen gezählt. Der Dino krankt. Eine Ursachenforschung in der Hansestadt.

Wer sich rund um das Hamburger Volksparkstadion nicht so gut auskennt, der trifft sich mit Kumpels oder Kollegen vor Bundesligaspielen des HSV am Fuß von Uwe Seeler. Die überdimensionale Skulptur vor dem Nordost-Eingang ist schließlich jedem ein Begriff und mit ihren Maßen von 5,30 Meter Höhe, 2,30 Meter Breite und 5,15 Meter Länge nicht zu übersehen.

Unübersehbar sind derzeit allerdings auch die neun Grabkerzen, die unter dem vier Tonnen schweren Denkmal für Hamburgs bekanntesten und beliebtesten Fußballer stehen. Waren es womöglich Fans des FC St. Pauli, die sich hier auf Kosten des Stadtrivalen einen Scherz erlaubt haben? Oder schlichtweg zur Einsicht gekommene eigene Anhänger? Egal. Das Bild passt zur Gesamtsituation dieses Hamburger Sport Vereins im Frühjahr 2018. Die Lage ist so ernst wie noch nie. Tabellenletzter. Seit 15 Spielen nicht mehr gewonnen. Bereits sieben Punkte Rückstand auf Relegationsplatz 16. Jede Menge Unruhe im Klub. Und Fans, die den Spielern mit Gewalt drohen. Kurzum: Der Dino des Fußball-Oberhauses ist schwer krank.

Kontrast zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Oberhalb von Uwe Seelers Fuß befindet sich an der Ecke Osttribüne/Nordtribüne der Eingang zum "Arena Store", wie der Fanshop genannt wird, zum Restaurant "Die Raute" und zum Vereinsmuseum. "Nur der HSV" steht mit Großbuchstaben über der Glastür. Links und rechts sind zwei rechteckige Bildschirme in den weißen Metallrahmen eingepasst. Ein Clip zeigt Fotos und Videos von Stadt und Verein. Erst Seeler, den Fans auf Schultern über den Rasen tragen. Dann Horst Hrubesch, der jubelnd den Europapokal der Landesmeister in den Athener Nachthimmel reckt. Auf die HSV-Legenden folgt Dennis Diekmeier in einer Spielszene - größer könnte der Kontrast zwischen glorreicher Vergangenheit und grauer Gegenwart nicht sein.

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Klaus-Michael Kühne ledert gegen den Klub, den er finanziert.

(Foto: imago/Oliver Ruhnke)

Und noch heftiger als es HSV-Mäzen Klaus-Michael Kühne kürzlich anlässlich der Eröffnung seines Luxushotels in der Hansestadt getan hat, kann man gegen den eigenen Verein kaum austeilen. "Noch vor einem Jahr hätte ich gesagt: Hamburg hat drei Perlen - die Elbphilharmonie, unser neues Hotel und den HSV", betonte Kühne. "Jetzt", so der Milliardär weiter, "hat es leider nur zwei Perlen." Zugleich ließ der Mann, der im Verein mit mehr als 100 Millionen Euro seit Jahren schon Finanzlöcher stopft, ein klares Bekenntnis zum Klub vermissen. "Man kann immer geben, man kann immer nehmen. Das Leben ist lang, das Leben ist bewegt", philosophierte der 80-Jährige. Es kämen auch mal bessere Zeiten. Derzeit jedoch "haben wir keine guten Zeiten, was den Fußball anbetrifft".

Kompetenz-Gerangel 2009 als Anfang

Aber warum eigentlich nicht? Wann begann diese seit Jahren andauernde Abwärts-Spirale? Wann wurden entscheidende Fehler gemacht? Und wer sind die Verantwortlichen? Viele sehen den Hauptgrund ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt, als der HSV seine erfolgreichste Saison seit 26 Jahren spielte - 2008/2009. Im Uefa-Cup und im DFB-Pokal standen die Hamburger im Halbfinale, scheiterten aber in beiden Wettbewerben an Nordrivale Werder Bremen. Die Bundesliga beendete der HSV auf Platz fünf. Sportlich lief's bestens, doch in der Chefetage krachte es kräftig. Zwischen Vorstandsboss Bernd Hoffmann und Sportchef Dietmar Beiersdorfer gab es ein Kompetenz-Gerangel. Ergebnis: Beiersdorfer zog nach sieben Jahren auf seinem Posten die Konsequenzen und verließ am 23. Juni 2009 den Verein.

Das dadurch entstandene Vakuum auf höchster sportlicher Ebene hat Hoffmann längst auf seine Schultern genommen. Er hätte nach dem Aus von Beiersdorfer stärker darauf drängen sollen, einen neuen Sportvorstand zu installieren, ließ er immer wieder wissen. Doch zunächst fungierte Hoffman selbst ein Jahr lang als Sportchef und war somit die Erste von sieben Personen, die seitdem diesen Posten innehatten - und trotzdem keine Stabilität in den Verein brachten. Oliver Kreuzer bezeichnete Klaus-Michael Kühne im August 2013 gar als "Drittliga-Manager", der seiner Aufgabe "nicht gewachsen" sei. Und wer erinnert sich nicht an Peter Knäbel, dem im Sommer 2015 ein Rucksack mit Gehaltslisten und Scoutings-Reports gestohlen wurde und im Hamburger Jenischpark wieder auftauchte. Land und Liga lachten. Typisch HSV.

Viele Retter, aber trotzdem nie Ruhe

Die Fehlbesetzungen auf der Manager-Position hatten natürlich Auswirkungen auf die Trainer. Denn jeder neue Sportchef wollte seinen eigenen Mann als Coach installieren. So hat der HSV seit dem Beiersdorfer-Rückzug vor fast neun Jahren 15 verschiedene Chef- oder Interimstrainer gehabt. Allein in der Saison 2013/2014 waren es vier. Mirko Slomka rettete den HSV schließlich in der Relegation gegen Greuther Fürth vor dem Abstieg, Bruno Labbadia ein Jahr später gegen den Karlsruher SC. Vor zehn Monaten hieß der Held dann Markus Gisdol. Hamburg gewann am letzten Spieltag durch ein Tor von Luca Waldschmidt in der 88. Minute 2:1 gegen den VfL Wolfsburg, schickte somit die Niedersachsen in die Relegation.

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Jonathan Tah spielt mittlerweile in der DFB-Elf, aber beim HSV wollten sie ihn nicht.

(Foto: imago/Camera 4)

Doch nie kehrte nach einer Rettung Ruhe ein. Und durch die ständige Rotation auf dem Chefsessel sind dem HSV große Talente verloren gegangen. Ein Jonathan Tah beispielsweise wurde in Hamburg geboren, fing 2009 in der HSV-Jugend an, bekam unter Slomka aber keine Chance. Mittlerweile ist Tah in Leverkusen Nationalspieler geworden. Mit einem Kerem Demirbay konnte Labbadia nichts anfangen. Darüber freuen sich jetzt die Hoffenheimer, bei denen der Mittelfeldmann Leistungsträger ist. Und mittlerweile ist allen in Hamburg klar, dass sie Michael Gregoritsch im Sommer nie zum FC Augsburg hätten ziehen lassen sollen. Dort hat der Österreicher in dieser Saison bereits elfmal getroffen. Fiete Arp könnte der Nächste auf dieser Liste sein. Der 18-Jährige gilt als HSV-Juwel. Bei einem anderen Verein, in einem ruhigen Umfeld, könnte er womöglich reifen, die nächsten Schritte seiner bislang so vielversprechenden Entwicklung machen. In Hamburg hingegen scheint das in dieser völlig verunsicherten Mannschaft nicht möglich.

Ein Sommer voller Zuversicht - ein großer Trugschluss

Dass der HSV diesmal noch schlechter dasteht als in den Vorjahren, war im Sommer nicht zu erahnen. Unter Gisdol wurden in der vergangenen Rückrunde 25 Punkte geholt. Und der Coach klang voller Euphorie, als er zum Abschluss des Trainingslagers sagte: "Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, mit der Mannschaft hier zu arbeiten und zu sehen, welche Fortschritte wir gemacht haben." Wenige Tage später scheiterte der HSV in der ersten DFB-Pokalrunde 1:3 an Drittligist VfL Osnabrück - obwohl der Gegner 78 Minuten in Unterzahl spielte.

Zum Bundesligaauftakt besiegte Hamburg Augsburg durch einen Treffer von Nicolai Müller 1:0. Doch kaum jemand sprach über das Ergebnis. Das große Thema war der Kreuzbandriss von Müller. Der hatte sich die schwere Verletzung nicht etwa in einem Zweikampf zugezogen, sondern beim Torjubel. Müller fehlt seitdem verletzt. Weder im Sommer, noch im Winter hatte der HSV auf diesen Verlust reagiert. Dabei war Müller der Schlüsselspieler im Gisdol-System. Er brachte zusammen mit Kostic nach Balleroberung Tempo ins Spiel. "Ich war guten Glaubens, dass wir gut aufgestellt in die Saison 17/18 gehen würden - das hat sich als Trugschluss herausgestellt. Die Verantwortung dafür übernehme ich", sagte Aufsichtsrats-Chef Heribert Bruchhagen nach seiner Entlassung Anfang März. Er habe sich, so Bruchhagen, von der vergangenen Rückrunde blenden lassen.

Doch der HSV ist seit Jahren von einer negativen Aura umgeben. Warum dieser Verein mit dieser Stadt, diesem Stadion, diesen Fans und daher diesen Möglichkeiten, nun wohl unabwendbar erstmals absteigt, ist selbst für Hardcore-Fans nicht zu erklären. Einige führen es gar auf den Wegzug vom Trainingsgelände am Ochsenzoll in Norderstedt zurück. Die neue Stätte, direkt am Stadion, liegt neben einer Deponie - und somit sei der ganze Untergrund dort eben kontaminiert. Noch atmet der Bundesliga-Dino. Aber er atmet schwer. Und es besteht kaum Hoffnung auf abermalige Rettung. Sein Ableben scheint nur noch eine Frage von Wochen zu sein. Doch in Hamburg sind sie vorbereitet. Die Grabkerzen stehen bereits - unterm Fuß von Uwe Seeler.

Quelle: ntv.de

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