Joshua Kimmich begleitet schon die ganze Saison ein dummes Gefühl. Der Kapitän des FC Bayern spürt, dass seine Mannschaft nicht das Top-Niveau erreicht. Innerlich, sagt er, sei er immer noch in Alarmbereitschaft. Erst recht Mitte dieser Woche, die sich für die Münchner wie der Beginn einer Krise anfühlen muss. Mindestens aber mal wie ein Herbst-Blues, der die Laune mächtig verdirbt.
Krise unter Trainer Vincent Kompany, das hat es in München noch nicht gegeben. Wohl aber eine Diskussion, die die Mannschaft jetzt, nach dem 2:2 gegen Augsburg und dem 3:3 am Dienstagabend in der Champions League beim klaren Außenseiter Viking Stavanger, wieder einholt: Ist die Art, wie die Münchner verteidigen, zu riskant? Schon zu Beginn von Kompanys Erfolgsära war darüber eifrig diskutiert worden. Der Belgier ließ das charmant an sich vorbeigleiten, passte seinen Fußball aber an.
FC Bayern trabt eigenem Anspruch hinterher
Womöglich wird er das auch in den kommenden Wochen tun. Denn ihn nervt kolossal, was er sieht: Blitz-Gegentore, vernachlässigte Restverteidigung, Konzentrationsmängel. Die Muster wiederholen sich. Und sie führen dazu, dass der FC Bayern dem eigenen Anspruch hinterhertrabt. Noch nicht bedrohlich weit, aber zumindest alarmierend. In der Bundesliga stehen der SC Freiburg und Borussia Dortmund vor den Münchnern. In der Champions League fehlen zwei Punkte. Denn, wie Max Eberl gestand, war ein Remis bei den aufmüpfigen Norwegern nicht eingeplant.
Wie sehr das alles am Gemüt der Bayern nagte, trug Kompany zur Schau. Der Trainer, der nie etwas auf sein Team oder einzelne Spieler kommen lässt, stellte den "überblöden" Michael Olise deutlich an den Pranger. Der hatte sich von seinem Gegenspieler Zlatko Tripic so lange provozieren lassen, bis er ihm den Ball ins Gesicht warf und dafür vom Platz flog. Tripic freute sich diebisch darüber, dass seine von langer Hand geplanten Nickeligkeiten zum Erfolg geführt hatten. Eberl hatte ihn für seine Art zu spielen einen "Drecksack" genannt. Ein verklausuliertes Kompliment für einen, der den "Sieg wollte".
Plötzlich so viele Fragezeichen?
Und eine unausgesprochene Kritik für die eigene Mannschaft? Wollte sie den Sieg weniger? Spürt da jemand einen Mangel an Gier, der die Münchner durch die letzte Saison noch getragen hatte? Das ist nicht das Niveau unserer Mannschaft", klagte Eberl. "Unser Niveau in der Mannschaft ist ein anderes und das kriegen wir momentan nicht auf den Platz." Und dann analysierte der Sportvorstand auch noch genau warum, was den Stars nicht schmeichelte: "Das hat mit Aufmerksamkeit zu tun, mit Bereitschaft, meine Aufgabe zu erfüllen." Der kollektive Vorwärtsdrang sei ein Problem, es müssten sich auch Spieler finden, "die aufpassen, dass wir keinen Konter fressen".
Es sind plötzlich überraschend viele Baustellen, die sich auftun: Bereitschaft, Fokus, Gier. Und was wird aus Manuel Neuer? Wie lange kann der Titan seine Position gegen Jonas Urbig verteidigen? Was ist mit der Abwehr los, die sich zu oft zu schnell und leicht überrumpeln lässt? Und was passiert eigentlich, wenn Harry Kane mal eine Pause braucht? Dann muss es derzeit Olise alleine richten? Der Engländer steht nach neun Pflichtspielen wieder bei zwölf Scorerpunkten, acht Tore, vier Assists. In Stavanger traf er doppelt. Ohne seine Tore wäre die erfolgreiche Aufholjagd (2:2 nach 0:2), die Olise mit seinem Platzverweis noch torpedierte, nicht möglich gewesen. Ein Ersatz? Nicht in Sicht.
Offensiv-Stars suchen ihre Form
Auch nicht mit Neuzugang Ismael Saibari, Serge Gnabry oder Lennart Karl als offensive Optionen. Der DFB-Youngster gehörte in Norwegen zu den schwächsten Münchnern. Die Zeiten, in denen er mit seiner Leichtigkeit und Frechheit am Ball an Arjen Robben erinnerte, sie sind vorerst außer Dienst gestellt. Und Gnabry, letzte Saison als Vertreter von Jama Musiala ein Schlüssel für die großartige Spielzeit, hat nach seiner Verletzung auch erst 36 Minuten gespielt. In Norwegen kam keine weitere hinzu. Das nervte ihn offenbar extrem. Sehr schnell hatte er das Stadion schweigend verlassen.

Manuel Neuers Bock folgt schnellstes Tor der Bundesliga-Geschichte
Nun ist es nichts Außergewöhnliches, dass der FC Bayern nach Großturnieren im Sommer immer mal wieder schwer in seine Saison findet. Viele Nationalspieler kamen mit großen Enttäuschungen oder mit großen Spielzeit-Belastungen zurück. Zusätzlich zum Jetlag und den teilweise extrem harten klimatischen Bedingungen. Das Körper und Geist Tribut fordern, ist allzu logisch. Die Vorbereitung lief entsprechend ruckelig. Und dennoch wollen sich die Verantwortlichen nicht darauf verlassen, dass sich die Dinge mit dem Lauf der Zeit fügen werden. Es schrillt Alarm. Nicht nur bei Kimmich.
Kompany wählte so deutliche Worte wie selten, wenn er über seine Mannschaft sprach. Die habe erneut "einfach nicht schlau" gespielt. "Nicht gegen Augsburg, wo wir nach acht Sekunden ein Gegentor bekommen. Und nicht gegen Viking, wo wir nach anderthalb Minuten ein Gegentor bekommen." Der Trainer fordert für Samstag (18.30 Uhr/Sky Sport und im Liveticker bei ntv.de) im Topspiel der Fußball-Bundesliga gegen RB Leipzig "auf jeden Fall eine Reaktion von uns. Das wissen die Jungs, das müssen wir gemeinsam machen". Sonst ist da nicht mehr nur Herbst-Blues. Sondern Krise.


