Fußball

Goretzka? Ter Stegen? Sané?Nagelsmann irritiert mit seiner Super-Ehrlichkeit

03.03.2026, 15:20 Uhr
imageVon Sebastian Schneider
Soccer-Football-World-Cup-UEFA-Qualifiers-Group-A-Germany-v-Slovakia-Red-Bull-Arena-Leipzig-Germany-November-17-2025-Germany-coach-Julian-Nagelsmann-looks-on-REUTERS-Annegret-Hilse
Das ein oder andere Fragezeichen soll in den nächsten Monaten zum Ausrufezeichen werden, sagt Nagelsmann. (Foto: REUTERS)

Das WM-Jahr ist für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft endgültig eingeläutet. Bundestrainer Julian Nagelsmann erklärt in einem Interview, mit welchen Gedanken er den Weg zu dem Turnier in den USA, Mexiko und Kanada plant. Und ist dabei superehrlich.

Mittlerweile ist es Routine: Zu Beginn eines Turnierjahres hält der Bundestrainer so etwas wie eine Neujahrsansprache. Anders als der Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin stellt er sich nicht vor den Weihnachtsbaum im Kanzleramt, um Allgemeinplätze zu verkünden ("Zuversicht ist auch irgendwie wichtig"). Beim Fußball ist die Sprache direkter, schließlich muss Julian Nagelsmann keine Wahlen gewinnen. Deshalb ist er in seinem "Kicker"-Interview sehr ehrlich - manchmal sogar zu sehr, dazu später aber mehr.

Deutlich wird aber auf jeden Fall: Beim Bundestrainer hat sich in den vergangenen vier Monaten, seit dem 6:0-Erfolg über die Slowakei, eine Menge angestaut. Im Wesentlichen splittet sich seine "Kicker"-Regierungserklärung in zwei Teile: Nagelsmann spricht über Soft Skills, auf die er besonders achtet (Stichwort: Emotionen!). Bei der Handball-Europameisterschaft und zuletzt den Winterspielen in Mailand und Cortina ist ihm noch einmal aufgefallen, wie sehr der Sport davon lebt. Heißt: Wenn nicht fachgemäß gejubelt wird, "notiere ich es". Zudem: Das bei der Heim-EM gelernte Rollenprinzip soll ein Comeback feiern.

Und klar, da ist noch der zweite und interessantere Teil: die Personalien. In den Monaten vor der Heim-Europameisterschaft holte er Toni Kroos aus dem DFB-Ruhestand. Und diesmal? Nagelsmann kündigt Überraschungen an, aber nicht, weil er neue Personalien aus dem Hut zaubern wird. Es werde Entscheidungen geben, "das kann ich jetzt schon verraten, die vermutlich nicht auf supergroßes Verständnis stoßen". Es geht ums Mannschaftsgefüge: Wer ist bereit, sich unterzuordnen, obwohl er im Klub klarer Stammspieler ist? Mats Hummels konnte das vor zwei Jahren nicht, die Heim-EM verfolgte er deshalb vor dem Fernseher.

Zwischen "Wehwehchen" und "superknapp"

Auch an anderer Stelle ist Nagelsmann, wie er sagen würde, superoffen: Die DFB-Gruppengegner Curacao, Elfenbeinküste und Ecuador können sich zumindest teilweise das Scouting sparen, denn die Startelf zeichnet sich schon ab. Das Tor hütet ziemlich sicher Oliver Baumann. Die Hoffnungen von Marc-André ter Stegen, nach Jahren im Windschatten von Manuel Neuer, endlich mal sein Turnier zu bekommen, schrumpfen mit jedem Tag. Das Buch sei für den noch wochenlang verletzten Torwart noch nicht zugeklappt, sagt Nagelsmann. Es werde aber "superknapp".

Die Viererkette stellt sich auch von selbst auf. Links dribbelt wohl Leipzig-Kapitän David Raum auf, den Stuttgarter Maximilian Mittelstädt hat er mutmaßlich abgehängt. In der Innenverteidigung ist der "extrem wichtige" Nico Schlotterbeck gesetzt, neben ihm spielt Antonio Rüdiger. Sollte der Real-Star aber ein "Wehwehchen" haben (wie sehr oft in letzter Zeit), findet Bayern-Innenverteidiger Jonathan Tah seinen Platz in der Startelf. Und rechts hinten ist die ewige Debatte abgeräumt, da taucht Joshua Kimmich auf.

Auch in der Offensive sortieren sich die Dinge relativ schnell, sollte nicht noch das Verletzungspech zuschlagen. Dort ist eine Variation aus Florian Wirtz, Jamal Musiala und Kai Havertz gesetzt. Das Zauberer-Gespann soll, nun ja, zaubern und wird noch durch eine Personalie ergänzt. Überraschenderweise lässt Nagelsmann hier eine Leerstelle. Es fällt kein vierter Name. Die Spanne reicht also von Serge Gnabry, der das zuletzt im DFB-Team gemacht hat, bis hin zu Leroy Sané, der in dem Interview erst gar nicht genannt wird. Interessant ist das vor allem deshalb, weil Nagelsmann ihn nach seinem Galatasaray-Wechsel öffentlich angezählt hatte - und wegen des Verletzungspechs in der Offensive dann doch nominieren musste.

Brisanter wird es dagegen im "Herzstück" der Nationalelf, der Doppelsechs. Dadurch, dass DFB-Kapitän Kimmich in der Abwehr gebraucht wird, sind dort zwei Plätze frei. Das vom "Kicker" im Interview vorgeschlagene Duo aus Aleksandar Pavlović und Felix Nmecha lehnt Nagelsmann ab, der Münchner und der Dortmunder seien zu ähnlich in ihrem Spielerprofil. Aber einer von beiden habe "gute Chancen zu spielen". Bleibt nur der zweite Teil offen.

Und da ist das Thema: Leon Goretzka

Nagelsmanns Antwort: Leon Goretzka. Ausgerechnet der Spieler, der für die Zeit nach der WM einen neuen Klub sucht, hat "gute Chancen", sich bei dem Turnier zu präsentieren. Der deutsche Spielerpool ist eben nicht unendlich. Der Name Goretzka löst ohnehin nicht bei allen Fans großen Jubel aus. Auch beim Bundestrainer selbst zwischenzeitlich nicht: War er es doch, der ihn vor zwei Jahren aus dem DFB-Team verbannt hatte. Mit Goretzka rückt Nagelsmann zudem vom Leistungsprinzip ab. Denn wenn es beim FC Bayern in dieser Saison wichtig wird, dann steht der 31-Jährige nicht auf dem Platz. Bei der Nationalelf ist er jedoch gesetzt? Die Erklärung ist eine andere Rolle als im Klub - Goretzka soll sich vor allem in Zweikämpfe werfen.

Es ist nicht die einzige Stelle in der Regierungserklärung, in der Nagelsmann verwundert. Vor allem seine Super-Ehrlichkeit, wenn es um die Schwächen seines Aufgebots geht, ist schon etwas überraschend. Und man fragt sich, wie hilfreich das ist. Unter seinen Sechsern fehlt ihm der Abräumer (deswegen braucht es Goretzka). "Wir vermissen in Deutschland schon einen richtig stabilen, zweikampfstarken Sechser - auch in der Luft." Er habe "tatsächlich elf Sechser" auf seiner "Liste". Seine Beispiele: Pascal Groß, Angelo Stiller, Pavlovic, Nmecha oder Robert Andrich. Sie allesamt seien "Weltklasse-Fußballer", aber "alle mit einer ähnlichen Grundstruktur": Sie "wollen alle den Ball".

Oder auch an anderer Stelle. Wegen des DFB-Lazaretts in der Offensive musste in der WM-Quali eigentlich fast immer Nick Woltemade ran. Nach großen Anlaufschwierigkeiten erzielte er tatsächlich vier Treffer in den letzten drei Spielen. Doch mittlerweile ist das Formhoch wieder abgeflaut, bei Newcastle United gibt es tatsächlich schon wieder Wechselgerüchte. Nagelsmann versucht offensichtlich, nach dem wilden Auf und Ab etwas den Druck herauszunehmen. Er stelle an Woltemade nicht den Anspruch, dass er die DFB-Elf "zum WM-Titel schießt". Gleichzeitig charakterisiert er ihn als "einen jungen, sehr talentierten, guten Spieler, der 2025 eine ordentliche bis gute U-21-EM gespielt hat". Man weiß nicht, ob der zweite Teil unbedingt so aufbauend ist.

Solche Stellen tauchen häufiger auf: Der Innenverteidigung bescheinigt Nagelsmann teilweise "Riesenprobleme in der Spieleröffnung", sobald Schlotterbeck gefehlt hat. Die Kandidaten auf der rechten Abwehrseite "sind jetzt nicht alle top im Flow in der Liga". Das lässt sich weiter durchdeklinieren: "Pavlo spielt immer den gleichen Stiefel. Das klingt negativ, ist aber sehr positiv gemeint." Und klar, da ist noch die Problemzone im Angriff, die er nun nicht einfach beiseite wischt: "Füllkrug war lange Zeit raus, spielt jetzt immer mal 20, mal 30 Minuten, hat aber aktuell leider keine Quote und wenig Spielzeit. (Tim) Kleindienst ist seit Langem verletzt. Bei ihm steht auch in den Sternen, wie er zurückkommt."

Am 19. März verkündet Nagelsmann sein erstes Aufgebot im WM-Jahr. Es soll "artverwandt" mit dem Kader sein, der dann zwei Monate später die Reise in die USA antritt. Bis dahin sollten die Schwächen beseitigt sein, schließlich hat sie der Bundestrainer selbst angesprochen.

Quelle: ntv.de

Fußball-NationalmannschaftFußball-WM 2026FußballJulian Nagelsmann