Fußball

Plötzlich gemunkelt: Kleindienst Nagelsmann polarisiert im Tor - und auch im Angriff?

20.05.2026, 09:56 Uhr
imageVon Anja Rau und Sebastian Schneider
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Kleindienst und Undav: Es geht auch zusammen. (Foto: picture alliance / GES/Markus Gilliar)

Bundestrainer Julian Nagelsmann nimmt Deniz Undav mit zur Fußball-Weltmeisterschaft. Als Joker für den Sturm könnte er auf der Ersatzbank einen überraschenden Nachbarn bekommen: Tim Kleindienst. Es gibt Gründe - und einige lassen den deutschen Fußball nicht so wirklich glänzen.

19 Tore in der abgelaufenen Saison: Es gibt nur einen in der Fußball-Bundesliga, der noch öfter getroffen hat als Deniz Undav - und das war der Engländer Harry Kane, der ohnehin auf einem anderen Planeten unterwegs ist. Aber sonst: Mit seinen sechs Vorlagen für den VfB Stuttgart ist Undav der beste irdische Scorer der abgelaufenen Bundesliga-Saison - mal abgesehen von dem extraterrestrischen Bayern-Trio um Kane, Michael Olise und Luis Diaz. Und derzeit noch wichtiger zu betonen: Undav ist für das DFB-Team berechtigt. Das zählt schließlich mit Blick auf die anstehende Fußball-Weltmeisterschaft.

Wobei, es zählte lange nicht so sehr für Bundestrainer Julian Nagelsmann. Undav im WM-Kader? Nur als Joker. So hatte sich Nagelsmann festgelegt, so musste Undav auch bei den Testländerspielen im März lange auf der Ersatzbank Platz nehmen. Sehr zum Ärger der Fans bei Undavs Heimspiel in Stuttgart gegen Ghana - und sehr zum Leidwesen des Stürmers selbst. Als er zum späten 2:1-Sieg traf und das Spiel entschied.

Nagelsmann beharrte auf seiner Meinung - und kritisierte Undav gar öffentlich: "Wenn er vorher 70 Minuten marschiert, weiß ich nicht, ob er ihn so reinmacht. Es war schon ein langer Schritt, der nach 70 Minuten - auch im Hinblick auf den Sommer bei 42 Grad - für ihn schwierig sein kann." Undav spielte gegen Ghana tatsächlich schlecht, bis er eben das Tor traf. Doch ob es sinnvoll ist, dass der Bundestrainer seine eigenen Spieler so kleinmacht? Vermutlich nicht. Deshalb entschuldigte sich Nagelsmann am nächsten Tag. "War blöd von mir, tut mir leid", hatte er laut eigenen Worten gesagt.

Die Entschuldigung ändert aber nichts an Undavs Rolle. Er bleibt Joker. Was umso verwunderlicher ist beim Blick auf seine Konkurrenz. Denn wenn Undav nur als Joker bei der WM dabei ist, obwohl er der Statistik zufolge der derzeit beste deutsche Stürmer ist - wie kann es dann sein, dass sich Tim Kleindienst überhaupt Hoffnungen auf eine WM-Nominierung machen kann? Die Gerüchteküche brodelt an der Front. Dabei kommt der Kapitän von Borussia Mönchengladbach nur auf ganze sechs Bundesliga-Minuten in dieser Saison.

Erst am Samstag war der 30-Jährige nach langer Leidenszeit wieder auf den Platz zurückgekehrt. Zuvor hatte der Stürmer Ende November/Anfang Dezember drei Spiele mitgespielt, also für wenige Sekunden. Im November war Kleindienst bei den Partien gegen den 1. FC Heidenheim und RB Leipzig jeweils für eine Minute auf den Platz gekommen, im DFB-Pokal-Achtelfinale im Dezember beim Aus gegen den FC St. Pauli im Achtelfinale ebenfalls vier Minuten.

Davor hatte er bereits lange wegen seiner Meniskusverletzung gefehlt, im Dezember musste dann die Knie-Operation her. Der Strohhalm letzter Spieltag, an den sich Kleindienst klammerte, wurde es dann. Einsatzbereit - bevor die WM-Nominierung offiziell wird. "Ich habe immer gesagt, ich habe noch keine klare Absage bekommen. Das heißt, ein Quäntchen Hoffnung ist da immer noch - aber am Ende habe ich die Entscheidung nicht", sagte Kleindienst nach seinem Kurz-Comeback. Und sendete eine klare Botschaft an den DFB: "Ich bin immer bereit, für Deutschland zu spielen."

Da ist noch der "Notfallplan"

Seine mögliche Nominierung nach so langer Verletzungspause mutet überraschend an. Schließlich ist es auch nicht so, als hätte er zuvor jahrelang mitgewirkt und sei ein kaum wegzudenkender Teil des Teams. Als Spätberufener hatte Kleindienst erst im Oktober 2024 im DFB-Team in der Nations League debütiert, bis März 2025 in sechs Spielen vier Tore und eine Vorlage erzielt. Es sind Zahlen, die Kleindienst zugutegehalten werden können. Lange Eingewöhnungszeit braucht er nicht.

Aber Moment: deutlich weniger Einsatzzeiten - und möglicherweise trotzdem dieselbe Rolle wie Undav? Wie passt das zusammen? Des Rätsels Lösung liegt in den Details: Schon bei der Heim-Europameisterschaft hatte Nagelsmann einen "Notfallplan" in der Hinterhand. Heißt: Wenn es ganz dringend noch ein Tor braucht (weil Kai Havertz oder Nick Woltemade das nicht geschafft haben), wirft man einen langen Mittelstürmer aufs Feld. Deshalb ploppt plötzlich auch wieder der Name Kleindienst auf. Nach seiner Seuchensaison ist er auch demütig genug, keinen Aufstand zu machen, sollte er keine Sekunde Spielzeit bekommen.

Füllkrug machte wenig Werbung für sich

Auf dem Platz werden sich mutmaßlich der frischgebackene englische Meister Kai Havertz und Nick Woltemade die meiste Zeit austoben dürfen. Ebenfalls dabei ist laut "Bild"-Zeitung Kölns Top-Torjäger Said El Mala, obwohl dieser bislang kein einziges Spiel für die Nationalmannschaft absolviert hat. Auch er könnte als Joker zum Einsatz kommen.

Bei der Heim-EM fiel Niclas Füllkrug diese Rolle zu. Der Ex-Bremer ist nicht nur hochgewachsen und physisch stabil, sondern hat auch Stärken im Kopfballspiel. Nur: Der 33-Jährige hat erst bei West Ham United und dann AC Mailand keine sonderlich erfolgreiche Saison hinter sich. Sein letztes Tor fürs DFB-Team erzielte er beim 5:0 gegen Ungarn in der Nations League - im September 2024. Die "Bild"-Zeitung berichtete bereits, dass Nagelsmann ihm abgesagt habe. Und danach wird es mit potenziellen Kandidaten schon eng, die auch zuletzt im DFB-Team gespielt haben. Die Liste ist tatsächlich leer.

Und das erklärt vielleicht, wieso eine Nominierung Kleindienst nicht die polarisierende Personalie im Kader ist. Diesen Titel hat tatsächlich ein anderer Kandidat verdient. Manuel Neuer kehrt übereinstimmenden Medienberichten zufolge zurück in die Nationalelf - und vertreibt damit Oliver Baumann als Nummer eins des DFB-Teams. Und das auch ganz ohne herausragende Statistiken.

Quelle: ntv.de

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