Hannovers Pokal-Held Jörg Sievers verdankt seinen Spitznamen "Colt" dem Serienhelden Colt Seavers. Doch statt spektakulärer Rettungsaktionen im Stile des Action-liebenden Kopfgeldjägers aus der 80er-Jahre-Serie ("Ein Colt für alle Fälle") werden von dem 60 Jahre alten Ex-Torwart bald andere Tugenden erwartet.
An diesem Sonntag will er Bürgermeister der Stadt Springe werden. Der 30.000-Einwohner-Ort liegt südwestlich von Hannover. Beim sensationellen Pokalsieg von Zweitligist Hannover 96 gegen Borussia Mönchengladbach im Jahr 1992 hielt Sievers die entscheidenden Elfmeter. Jetzt tritt er bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen an.
Und Sievers denkt, dass seine Profikarriere dabei helfen kann. "Im Profifußball lernt man, mit extremem Druck umzugehen. Man muss immer performen, muss immer Leistung bringen", sagte Sievers. "Man lernt den Teamgeist, denn ohne die Mannschaft geht es nicht. Alleine kann man gar nichts erreichen. Ich glaube schon, dass es da relativ viele Parallelen gibt."

"Sicher kein 9-to-5-Job"
Auch die Arbeitszeiten kenne er aus dem Profibereich. "Im Profifußball muss man abends arbeiten. Man fährt durch die Nacht, um von den Spielen zurückzukommen. Man ist am Wochenende unterwegs und ähnlich ist es dann für einen Bürgermeister auch", sagte er. "Da kann man nicht um 16 Uhr am Freitag mal eben den Kugelschreiber fallen lassen. Da wird es auch am Wochenende noch einige Termine geben, aber das gehört zum Job dazu."
Der bisherige Bürgermeister von Springe wollte nicht mehr antreten. Sievers stellt sich aber nicht alleine zur Wahl. An diesem Sonntag gibt es nicht wie im Fußball nur einen Gegner, sondern sieben. Eine Stichwahl ist wahrscheinlich.
Liegt Sievers durch seine Prominenz im Vorteil? Dazu weicht er wie viele Politiker gekonnt aus. "Alle, die da bei uns jetzt antreten, die haben meinen Respekt", sagte er. "Wir kommen alle gut miteinander aus. Ich habe vor jedem Respekt, der sich für dieses Amt bewirbt, denn das ist sicher kein 9-to-5-Job, da muss man schon ein dickes Fell haben", sagte er. "Jetzt bin ich 60, jetzt bin ich erfahren genug, um so ein Amt anzustreben. Und meine Partei CDU hat das auch so gesehen und mich ins Rennen geschickt."

"Das ist Neuland für ihn"
Sievers habe sich schon immer politisch interessiert, sein Vater war in der Lüneburger Heide in einem Gemeinderat und habe ihm politisches Denken und Interesse vorgelebt. Seine Entscheidung habe viele überrascht, komme aber gut an. Der ungewöhnliche Schritt verblüffte auch seinen langjährigen Klubchef Martin Kind, der bei Hannover 96 über viele Jahre mit Sievers zu tun hatte. "Ich war überrascht von der Entscheidung", sagte der 82-Jährige. Beide würden immer mal wieder in Kontakt stehen. Der Weg vom Sport hin zur Politik sei ein "außergewöhnlicher" Schritt.
"Ich habe seinen Mut bewundert, sich dieser politischen Herausforderung und Verantwortung zu stellen. Das ist schon Neuland. Das ist sehr viel Arbeit für ihn, sich das Wissen aufzubauen", sagte Kind weiter. "Er wird sich das überlegt haben und scheint auch höchst motiviert. Es ist eine große Herausforderung."
Wie einst George Weah
Fußballer in der Politik, eine seltene Spezies. Denn das gibt es nicht allzu oft. Auch Sievers fallen nicht direkt Beispiele ein. Weltfußballer George Weah gewann 2017 die Präsidentenwahl im westafrikanischen Liberia und regierte dort bis 2023. Weah, der für Spitzenklubs wie Paris Saint-Germain, AC Mailand und den FC Chelsea spielte, wurde später mit mehreren Korruptionsskandalen in Verbindung gebracht. Der brasilianische Weltmeister Romário ließ sich 2010 in den brasilianischen Kongress wählen. Auch Felix Wiedwald - Ex-Torhüter von Werder Bremen und Eintracht Frankfurt - kandidiert für die CDU für einen Platz im Stadtrat und Kreistag von Verden.
Darauf dürfte Sievers auch gespannt schauen. Während seiner aktiven Laufbahn als Fußballprofi zwischen 1984 und 2003, die ihn vom Lüneburger SK über den VfL Wolfsburg zu Hannover 96 führte, umgaben ihn politische Diskussionen kaum bei seiner Arbeit. "In der Kabine redet man eher nicht über Politik, da gibt es viele andere Themen, aber Politik ist da eher sehr, sehr untergeordnet."

Was Sievers für Springe plant
Doch neben dem Platz habe er sich stets informiert. Und sehr zielstrebig an der Karriere nach der Karriere gearbeitet. Schon während seiner Spielerlaufbahn gründete er gemeinsam mit einem Partner eine Firma im Versicherungswesen. Heute arbeitet er als Immobilienmakler. Sievers würde gern das Ehrenamt fördern, Gewerbegebiete erweitern, den öffentlichen Nahverkehr ausbauen und auch Springe als Tourismusstandort stärken. "Wir sind direkt am Deister, das ist eine schöne Stadt, auch da könnte man vielleicht mehr machen."
Sievers stand in 494 Pflichtspielen für 96 zwischen den Pfosten. Allzu häufig findet man ihn aber nicht mehr in der Heinz von Heiden-Arena. "Tatsächlich gehe ich gar nicht mehr so häufig ins Stadion", sagte er. "Ich verfolge das in der Regel am Ticker, also auch gar nicht so viel vor dem Fernseher." Demnächst dürfte er für Stadionbesuche noch weniger Zeit haben, sollte der Ex-Torwart zum Bürgermeister aufsteigen.
