Abrechnung mit deutschem FußballSammer: "Wir schämen uns fast für unsere Tugenden"

Früher spielt Matthias Sammer auf hohem Niveau, heute tritt er als meinungsstarker Experte auf. Um den deutschen Fußball macht er sich Sorgen: Aktuell ist ihm alles zu künstlerisch und ihm fehlt ein klares Spielkonzept. Beim DFB-Team hat er in der Torwartfrage eine klare Meinung.
Der ehemalige Europameister Matthias Sammer attestiert dem deutschen Fußball kurz vor Beginn der WM eine schwere Identitätskrise. "Zu unserer Stärken haben immer Kampfgeist und Wille gezählt. Das hat alle großen deutschen Mannschaften ausgezeichnet. Und jetzt schämen wir uns fast für diese Tugenden", sagte Sammer im Interview mit dem "Stern". "Wir reden zu viel über die Schönheit des Spiels, über Ballbesitz - und zu wenig darüber, wie man es gewinnt. Alles muss gefällig aussehen und künstlerisch wertvoll sein, ständig geht es um die B-Note. Dieses Gerede hilft uns nicht weiter."
Sammer, der als Berater beim Bundesligisten Borussia Dortmund tätig ist, beklagt einen "Reformstau im deutschen Fußball". Der 58 Jahre alte Experte fordert vom DFB den Entwurf eines verbindlichen Spielkonzepts, das sowohl für die Nationalmannschaft als auch für alle Nachwuchsteams gilt.
Bei der Entwicklung der Leitlinien sollten ehemalige Nationalspieler einbezogen werden, sagte Sammer dem "Stern": "Ich würde mir auch wünschen, dass sich die Spieler aus der Weltmeistermannschaft von 2014 stärker einbringen. Wir brauchen mehr Jungs, die auf höchstem Niveau gespielt haben und auch die Verantwortung im Fußball von heute mit übernehmen. Denn eines ist für mich klar: Der Fußball sollte den Fußballern gehören."
Die "Weinerlichkeit der Leute"
Den Mangel an früheren Spitzenspielern in Führungspositionen, insbesondere in der Bundesliga, beobachtet Sammer mit Sorge. Es seien "zu viele Leute an den Schalthebeln, die sich mit Betriebswirtschaft bestens auskennen, aber nicht wissen, wie es in einer Kabine zugeht. Dieses Wissen ist notwendig, damit ein Manager die richtigen Entscheidungen treffen kann".
Mit Blick auf den deutschen WM-Kader und die Torwartfrage sagte Sammer: "Ich bin ein Verfechter des Leistungsprinzips. Der Beste soll spielen, und der beste deutsche Torhüter ist aktuell Manuel Neuer. Ich verstehe die Weinerlichkeit der Leute nicht, die sagen, der Wechsel sei eine große Ungerechtigkeit gegenüber Oliver Baumann. Diese Schmerzen muss man aushalten können, denn wir befinden uns hier im Hochleistungssport. Manuel ist ein Anführer. Jemand, an dem sich eine Mannschaft aufrichten kann."
Das DFB-Team spielt bei der WM in den USA, Mexiko und Kanada (11. Juni bis 19. Juli) in der Vorrunde gegen Curacao, die Elfenbeinküste und Ecuador. Bundestrainer Julian Nagelsmann hatte am vergangenen Donnerstag seinen WM-Kader bekannt gegeben. Vor allem die Torwartfrage hatte für Aufsehen gesorgt: Baumann hatte das DFB-Team durch die WM-Quali geführt. Während des Turniers hütet aber Neuer das Tor. Die Kommunikation rund um die Personalie hatte für Kritik gesorgt.