Hatten sie wirklich an die Sensation geglaubt? Hatten die Fußballer des Hamburg-Eimsbütteler Ballspiel-Clubs daran geglaubt, Borussia Dortmund aus dem DFB-Pokal werfen zu können? Selbst Trainer Philipp Obloch hatte so seine Zweifel. Schon vor dem Anpfiff hatte er bemerkt, wie dieses Spiel in die Köpfe seiner Spieler geschlichen war. Die atemberaubende Kulisse von deutlich über 40.000 Zuschauern in der Ausweich-Spielstätte, dem großen Volksparkstadion des Bundesligisten Hamburger SV, die machte was mit den Oberliga-Kickern, Erzieher und Lehrer im Hauptberuf, die zweimal die Woche trainieren.
Hatten sie am Tag vor dem Spiel noch darüber halluziniert, dass in der zweiten Runde der FC Bayern warten solle, so sollten sie vor dem Anpfiff "nur" noch für staunende Momente sorgen. Sie wollten die Zuschauer bewegen und nicht als verprügelte Hunde vom Feld schleichen. Bloß nicht zweistellig werden, geisterte als Ziel durch die Arena. Und dann das: 33 Minuten lieferten die Amateure den Profis des BVB, bei dem viele Talente Spielpraxis erhielten, einen fantastischen Pokalkampf. Nach sechs Minuten brach Robert Schick über die rechte Seite durch und schoss aufs Tor. Harmlos zwar, aber in der Statistik war etwas notiert, was der HSV am ersten Spieltag der Bundesliga beim 0:2 in Dortmund nicht geschafft hatte. Der Fußball-"Zwerg" war in den ersten 45 Minuten offiziell gefährlicher als der riesige Stadtrivale.
Plötzlich spielt Hamburg Tiki-Taka
Der HEBC hatte einen Heidenspaß an diesem Spiel, die Fans auch. Auf den Tribünen feierten sie verblüfft jede gelungene Abwehraktion. Und mit dem Ende der ersten Halbzeit hatten dann auch BVB-Coach Niko Kovac seinen Spaß. 4:0 hatten seinen Borussen geführt und alle leisen Wundergesänge direkt verstummen lassen. Ein Eigentor in der 33. Minute und 14 sehr fokussierte Minuten brachen den Widerstand des Davids. Nicht aber sein Herz. Mitte der zweiten Halbzeit kombinierten sich die Amateure auf eine hinreißende Weise aus dem eigenen Strafraum in die Dortmunder Hälfte. Das war die norddeutsche Antwort auf Tiki-Taka. Das Publikum war außer sich und auch Kovac konnte seine Anerkennung für den Mut und die freche Spielfreude lächelnd nicht unterdrücken. Wollte er offenbar auch nicht. "Ich finde, wenn man als Amateurverein einmal die Chance hat, DFB-Pokal zu spielen, ungefähr so muss man das ausleben, wie es HEBC gemacht hat", feierte auch Trainer Obloch.

Erzieher und Lehrer "Spieler des Spiels"
Bis zur letzten Szene genossen die Hamburger die Darbietung auf der großen Bühne. Auf der sie in ihrem Leben vermutlich nur einmal spielen dürfen. Und sie genossen auch die Zeit danach. Wie wundervoll kann Fußball sein? Beide Mannschaften gingen gemeinsam auf die Arena-Ehrenrunde, hielten diese historischen Momente für den Oberligisten auf mobilen Endgeräten und in den sozialen Medien fest. "Es ist unfassbar, ich habe ein paar kleine Tränchen im Auge", sagte Janek Wrede. "Das war ein unfassbarer Abend für uns". Der 33 Jahre alte Kapitän der Hamburger hatte nach etwas mehr als einer halben Stunde den Dortmunder Torreigen mit einem Eigentor eröffnet - und das an seinem Arbeitsplatz. Wrede arbeitet in der Scouting-Abteilung des Hamburger SV.
"Ich habe mich erbarmt"
"Jedes Spiel braucht einen Dosenöffner. In so einem Pokalspiel ist das ein Eigentor oder nach Standards. Und ich habe mich erbarmt, den Ball rüberzubringen", sagte er. "War noch jemand dahinter, der ihn reingemacht hätte? Ne, ja, schade." Der Druck war zu groß geworden. Na und? Das Spiel des Lebens war's trotzdem.

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"Das Ergebnis war sekundär. Ich finde, was während des Spiels abgelaufen ist beziehungsweise nach dem Spiel, das hat man in der Form selten gesehen. Wir haben heute den Pokal erlebt, wie wir ihn lieben – das, was den Pokal so schön macht! Wie sie sich motiviert haben, wie sie sich reingeschmissen haben, in jeden Ball. Die Torhüter haben jede Parade bejubelt, die Fans auch. Für sie war es das Spiel des Lebens", sagte BVB-Trainer Niko Kovac nach dem 5:0. "Deswegen freue ich mich, dass wir heute alle Zeitzeugen geworden sind."
Torhüter lachen sich schlapp vor Freude
Kein Hass, keine Wut. Nur Respekt, nur Freude. Und ein ehrlicher Kampf. Hier war der Fußball so ursprünglich, wie er sein soll. Weit weg von der milliardenschweren Welt, die vielen so fremd geworden ist. In der ein verbitterter Kampf gegen den enthemmten Alleinherrscher Gianni Infantino tobt. Wenn auch natürlich aus einer Position, die das möglich macht. Zu klar waren die Dinge erst vor dem Spiel und dann auch auf dem Feld gewesen, als dass hier Raum für negative Emotionen gewesen wäre.

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Es war ein Fest für den Außenseiter und die Dortmunder ein Gast, der dieses Fest unvergesslich machte. Wie herzlich sich die Spieler und Trainer in den Armen lagen, das erlebt man selten. Wie emotional die Interviews waren. Die beiden Hamburger Torhüter Jannik Schoon und Nils Ahmann waren fassungslos vor Glück, sie hielten Bälle auf spektakuläre Weise und bekamen vom schockverliebten RTL-Experte Lothar Matthäus so viel Lob zu hören, dass ihnen die Ohren schlackerten.
Vor dem Spiel war abgesprochen, dass sich die beiden Torhüter diesen einzigartigen Abend teilen würden. Und sie hatten große Lust, das gemeinsam zu erleben. Schon in der Halbzeit nahmen sie sich herzlich in die Arme. Als sie nach dem Matthäus-Ritterschlag aus dem Livebild entschwanden, herzten sie sich kräftig und hörten gar nicht mehr auf zu lachen vor Glück. Ein frühkindlicher Weihnachtsabend im Fußball-Spätsommer.
