Collinas Erben

"Collinas Erben" sind überrascht Hummels' Glück nützt dem FC Bayern nichts

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Upps, da war wohl die Hand am Ball.

(Foto: imago/Team 2)

In Leverkusen greift der Video-Assistent bei einem Handspiel im Strafraum des FC Bayern nicht ein - dafür zweimal nach Toren in Sachen Abseits. Auf Schalke darf sein Kollege an diesem 20. Spieltag der Fußball-Bundesliga dem Schiedsrichter bei einem Fehler nicht helfen.

Es gibt für einen Schiedsrichter wenig Unangenehmeres, als bereits kurz nach Spielbeginn mit einer Situation konfrontiert zu werden, in der sich die Frage stellt: Strafstoß oder nicht? Umso mehr, wenn es sich dabei um eine schwierig zu beurteilende Szene handelt, in der es Argumente für die eine wie für die andere Entscheidung gibt. Tobias Stieler stand am Samstag beim 3:1 von Bayer 04 Leverkusen gegen den FC Bayern an diesem 20. Spieltag der Fußball-Bundesliga schon nach einer Minute vor einer solchen Frage, als der Münchner Mats Hummels im eigenen Strafraum den Ball bei einem Torschuss von Kevin Volland mit seinem rechten, weit vom Körper abgespreizten Arm ins Toraus ablenkte. Der Unparteiische entschied auf Eckstoß, die Leverkusener protestierten vehement. Und Stieler deutete auf sein Ohr: Einen Moment bitte, Video-Assistent überprüft die Szene.

Gegen die Strafbarkeit von Hummels‘ Handspiel sprach, dass der Schuss aus kurzer Distanz abgegeben wurde und der Innenverteidiger seinen Arm vermutlich ausgestreckt hatte, um das Gleichgewicht zu wahren, und nicht, um den Ball aufzuhalten. Auf der anderen Seite kam der Ball für ihn nicht unerwartet, das heißt, er hätte die Möglichkeit gehabt, seinen Arm aus der Schussbahn zu nehmen. Hinzu kommt, dass in vergleichbaren Situationen in dieser Saison schon auf Elfmeter entschieden wurde, beispielsweise am neunten Spieltag in der Begegnung zwischen Hannover 96 und dem FC Augsburg, als der Hannoveraner Genki Haraguchi einen Torschuss auf ähnliche Weise abgelenkt hatte. Auch damals hatte der Schiedsrichter weiterspielen lassen, nach der Intervention seines Video-Assistenten aber doch noch einen Strafstoß gegeben. Zu Recht, wie Jochen Drees, der Projektleiter für die Video-Assistenten beim DFB, seinerzeit befand.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Diesmal jedoch blieb es nach dem Check im Kölner Video-Assist-Center bei der Entscheidung. Video-Assistent Tobias Welz riet Stieler auch nicht zu einem Review auf dem Monitor am Spielfeldrand. Da der Inhalt der Kommunikation zwischen den beiden nicht bekannt ist, lässt sich nur vermuten, warum die Überprüfung der Bilder diesmal zu einem anderen Ergebnis führte. Der Unparteiische des Spiels in Hannover hatte seinerzeit in einem Interview gesagt, er habe Haraguchis Armhaltung "nicht gänzlich beurteilen" können, "da der betreffende Spieler seinen Arm mit dem Körper verdeckte". In einem solchen Fall liegt die Eingriffsschwelle für den Video-Assistenten relativ niedrig. Anders verhält es sich, wenn der Referee deutlich zu verstehen gibt, dass er den gesamten Ablauf eines Handspiels klar beobachtet hat und zu dem Schluss gekommen ist, dass keine Absicht vorlag. Womöglich war das bei Stieler der Fall.

Alles im Lot bei den Abseitsentscheidungen

Video-Assistent Welz hätte dann nur ein On-Field-Review empfehlen dürfen, wenn Stielers Wahrnehmung deutlich von seiner eigenen abgewichen wäre oder wenn die Entscheidung der gültigen Regelauslegung eklatant widersprochen hätte. Für Letzteres sprach allerdings einiges, deshalb überrascht es, dass der Video-Assistent nicht eingriff. Spielentscheidend war das gleichwohl nicht, und vor allem sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass Stieler das phasenweise hektische, für ihn schwierig zu leitende Spiel ansonsten mit viel Umsicht, Ruhe und Augenmaß leitete. Auch der Video-Assistent war in zwei anderen, kniffligen Situationen zur Stelle: beim nicht gegebenen Tor von Robert Lewandowski für die Bayern kurz vor der Pause und bei Lucas Alarios nachträglich anerkanntem Treffer zum 3:1 für Leverkusen in der 89. Minute. In beiden Fällen ging es um die Frage: Abseits oder nicht?

Der Schiedsrichter-Assistent an der Seitenlinie hatte jeweils ein Abseits wahrgenommen, mit seinem Fahnenzeichen jedoch anweisungsgemäß gewartet, bis der Angriff abschlossen war und der Ball im Tor lag. Nur so wurde eine Überprüfung in Köln möglich. Beide Male dauerte es eine Weile, bis das Ergebnis feststand, in beiden Fällen ging es knapp zu. Das erforderte Sorgfalt bei der Ermittlung des exakten Moments des Abspiels sowie beim Anlegen der kalibrierten Linien an den maßgeblichen Körperteil des Angreifers und des vorletzten Verteidigers. Diese Teile des Körpers wurden mithilfe des Lots ermittelt, das bei zweidimensionalen Bildern die dritte, räumliche Dimension erkennbar macht. So wurde deutlich, dass sich Lewandowski vor seinem Tor tatsächlich mit dem Knie im Abseits befunden und der Münchner Niklas Süle vor dem dritten Leverkusener Treffers das Abseits mit seiner Schulter aufgehoben hatte.

Beim Freistoßort darf der Video-Assistent nicht eingreifen

Unzufrieden mit Schiedsrichter Marco Fritz waren unterdessen die Schalker nach dem mit 0:2 verlorenen Spiel am Samstagabend gegen Borussia Mönchengladbach. Denn aus ihrer Sicht wäre es zur Roten Karte für den Schalker Torhüter Alexander Nübel wegen einer Notbremse nach knapp einer Stunde nicht gekommen, wenn der Unparteiische beim vorangegangenen Freistoß für die Gladbacher im Mittelfeld nicht so konziliant bei der Festlegung des Ausführungsortes gewesen wäre. "Der Ort des Fouls war zehn bis zwölf Meter weiter hinten", sagte der Schalker Trainer Domenico Tedesco dem Bezahlsender Sky. Der maß nach und kam tatsächlich auf über zwölf Meter. Gästetrainer Dieter Hecking hatte Verständnis für seinen Kollegen: "Ich moniere schon länger, dass Spieler selbst bei Einwürfen über zehn Meter weiter nach vorne gehen. Dadurch entstehen neue Spielsituationen. Vielleicht war es hier vor der Roten Karte auch entscheidend."

Nach dem weit in Richtung Schalker Tor getretenen Freistoß, von dem sich die Hausherren überrumpeln ließen, lief Thorgan Hazard mit dem Ball alleine auf den herauseilenden Nübel zu, der den Gladbacher knapp außerhalb des Strafraums zu Fall brachte und so eine offensichtliche Torchance verhinderte. Der Feldverweis war folgerichtig, allerdings hätte der Referee die Ausführung des Freistoßes tatsächlich wiederholen lassen müssen - selbst wenn es der Schalker Salif Sané war, der den Ball nach dem Pfiff mehrere Meter mitgenommen hatte, um eine schnelle Ausführung zu verhindern. Bei der Festlegung des Freistoßortes sollen die Unparteiischen grundsätzlich nicht pingelig sein, wenn sich dieser Ort relativ weit weg vom Tor befindet, auf das die ausführende Mannschaft spielt. Zwölf Meter überschreiten diese Toleranzschwelle aber.

Dennoch waren dem Video-Assistenten die Hände gebunden, denn weder die Berechtigung eines Freistoßes noch die Festlegung des Ausführungsortes oder die Art der Ausführung darf er überprüfen. Das alles ist alleinige Sache des Schiedsrichters. Man mag das im Einzelfall als ungerecht empfinden, doch die Regelhüter haben hier bewusst eine Grenze gesetzt, um Video-Überprüfungen nicht uferlos werden zu lassen. Auch eine Ausnahme für den Fall, dass anschließend ein Tor fällt, ist nicht möglich, denn dem stehen die Regeln entgegen. Dort ist festgelegt, dass eine Entscheidung des Schiedsrichters grundsätzlich nicht mehr geändert werden darf, wenn das Spiel nach einer Unterbrechung mit der Zustimmung des Unparteiischen fortgesetzt worden ist - unabhängig von den Folgen.

Quelle: n-tv.de

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