"Was die Callas im Singen war, das war der Stan für den Fußball", hat Libudas Präsident auf Schalke, Günter Siebert, einmal den unvergesslichen Ruhm des Haverkamper Jungen in Poesie gekleidet. Und Stefan Willeke hat für "Die Zeit" einst einen wunderbaren Satz über das ewige Idol vieler Ruhrgebiets-Männer geschrieben: "Wenn Stan Libuda - was nie seine Absicht war - der Welt etwas hinterlassen hat, dann die Zuversicht, dass es sich lohnen kann, die endlosen Tage des Unvermögens auszuhalten für die zauberhaften Minuten des Glücks."
Der endgültige Aufstieg von Reinhard Libuda, dem Schalker Nachwuchsprofi, zum beliebten Ausnahmespieler begann mit seiner Verpflichtung durch Borussia Dortmund im Jahre 1965. Eine komplizierte Angelegenheit für den damaligen BVB-Spielausschuss-Vorsitzenden Heinz Storck. Der wusste später anschaulich zu berichten, dass er bei weitem nicht der Einzige war, der an dem königsblauen Ausnahmetalent interessiert gewesen sei: "Als ich zum ersten Mal vorsprach, saßen die Herren beieinander wie Indianer am Biwak. Ich habe mich auf dem Absatz gedreht und bin zurück nach Hause gefahren."
Am nächsten Morgen kam er wieder. Diesmal fuhr er langsam in seinem Mercedes 300 SE vor, hupte kurz und ließ die Libudas das Auto ausgiebig begutachten. Storck glaubte im Nachhinein, dass dieser Auftritt der Schlüssel zur Verpflichtung des Schalkers war. Der BVB-Offizielle durfte mit den Eltern alleine sprechen. Stans Mutter diktierte nach der Unterredung den wartenden Journalisten in die Notizblöcke: "Nachdem, was wir jetzt alles erlebt haben, bin ich froh, endlich einen Mann zu sprechen, der es mit meinem Jungen gut meint."
In Dortmund jubelten ihm die Massen zu
BVB-Trainer "Fischken" Multhaup baute Libuda anschließend zu einem Klassespieler auf. Manchmal auch mit ganz einfachen Mitteln. Multhaup zu Libuda: "Du hast eine nette Frau, ein gesundes Kind, du verdienst eine Menge Geld - kannst du eigentlich nicht lachen?" Tatsächlich sollte später auch auf Schalke seinem Mitspieler Rüdiger Abramczik auffallen: "Der Stan war eher ein ruhiger Typ. In unserer Kabine ging es eigentlich in den Siebzigern immer lustig zu, aber der Stan saß da und sagte kaum was."
Die Krönung seiner Zeit bei der Borussia war schließlich der 5. Mai 1966 - und der Tag danach. Nach dem Gewinn des Europapokals der Pokalsieger im Hampden Park von Glasgow jubelten die Massen in Dortmund. Libuda hatte mit seiner unvergessenen Bogenlampe in der 107. Spielminute die Partie für die Borussia entschieden. Die Menschen standen am nächsten Tag am Straßenrand Spalier für die siegreiche Mannschaft, die vor Glück strahlend in Cabrios durch die schwarz-gelb beflaggte Stadt gefahren wurde. In einem Auto saßen Lothar Emmerich, Aki Schmidt und Stan Libuda zusammen und reckten stolz den Europapokal nach oben. Es war ein Moment der Freude und des großen Glücks für Libuda.
Vier Jahre später verdankte Deutschland die WM-Teilnahme 1970 zu großen Teilen dem königsblauen Rückkehrer. Der rechte Außenstürmer Libuda sicherte Helmut Schöns Elf mit seinem entscheidenden 3:2 im Qualifikationsspiel gegen eine überraschend starke schottische Mannschaft die Flugtickets nach Mexiko. Sein Schalker Teamkollege aus den Anfangstagen, der gebürtige Wattenscheider Willi Schulz, schnalzt noch heute mit der Zunge, wenn er an den quirligen Jungen auf Rechtsaußen denkt: "Libuda hat alle schwindelig gespielt. Gegen Schottland hat der gegen den Tommy Gemmell gestanden. Der fuhr zurück auf die Insel und hat sich am nächsten Tag mit dem Rasenmäher einen Zeh abgeschnitten, weil er sich immer noch wie ein Kreisel drehte. Denkst du an Stan, ist der Zeh weg - ja, so war das damals."
Auch Karl-Heinz Rummenigge kann sich an eine Geschichte aus den Zeiten der legendären Glückauf-Kampfbahn erinnern. Der spätere Bayernstar war als neutraler Fan zum Spiel nach Gelsenkirchen gefahren und erlebte einen Libuda in Galaform: "Ich habe damals ein Spiel gegen Mönchengladbach gesehen, bei dem der Stan gegen Berti Vogts gespielt hat und Berti dabei sein Waterloo erlebt hat. Der Stan hat ihn dermaßen schwindelig gespielt, dass man den Berti nach dem Spiel fast mit einem Schäferhund aus dem Stadion führen musste." Auch Libudas Mitspieler Friedel Rausch schwärmte einmal: "Ich habe noch nie einen Spieler gesehen, nie davor, nie danach, der so oft seinen Gegner per Beinschuss vernatzt hat. Aber nicht, dass er sich das vorher überlegt hatte, das kam bei ihm spontan, intuitiv."
Ein Trick, der alle vernaschte
Sein Mannschaftskollege Erwin Kremers lobt in dem frisch erschienenen Magazin und wunderbaren Erinnerungsstück von Oliver Wurm "Stan": "Bei der Definition von Fußball-Qualität fällt mir direkt Libuda ein. Weil der Stan über ein Jahrzehnt mit einem Trick durchgekommen ist. Alle wussten, was er gleich macht. Das wusste der Busfahrer, das wusste die Putzfrau, das wussten 70.000 im Stadion - jedes Kind. Der täuscht links an - und geht dann rechts vorbei. Aber er hat es immer wieder geschafft. Das war eine einzige Sensation."
Zum Autor
- Ben Redelings ist ein Bestseller-Autor und Komödiant aus dem Ruhrgebiet.
Jüngst ist das Buch "Ein Tor würde dem Spiel guttun. Das ultimative Buch der Fußball-Wahrheiten" frisch in einer aktualisierten und erweiterten Neuauflage erschienen.
Mit seinen Fußballprogrammen ist er deutschlandweit unterwegs. Infos und Termine auf www.scudetto.de.
Doch es gab auch den anderen Libuda. Mal spielte er Weltklasse, mal Kreisklasse. Nicht selten hat ihn an den schlechten Tagen der Mut verlassen oder der Gegner geschickt abgelenkt. Noch heute erzählen sich ehemalige Spieler gerne ein und dieselbe Geschichte in leicht abgewandelter Form. So zogen die gegnerischen Akteure Libuda auf: "Was denkst du, was deine Frau jetzt zu Hause gerade macht!?" Libuda, der Familienmensch, ließ sich so mit nur einem Satz vom grünen Rasen in seine Unsicherheit im wahren Leben ziehen.
Doch wenn Libuda einen Sahnetag erwischte, dann war er der Star, der alle in seinen Bann zog, wie Rüdiger Abramczik noch heute mit leuchtenden Augen erzählt: "Für mich war er einfach der beste Rechtsaußen, den Schalke je hatte. Der hat die Gegenspieler vernascht, das war sensationell. Er war ein Spieler fürs Stadion, durch seine Tricks dauerte es zwar manchmal etwas länger, bis er vorne ankam, aber das war egal: Alle waren begeistert."
"Der Stan ließ keinen an sich ran"
Auf Libudas Beerdigung erinnerte 1996 Pfarrer Goldmann in der Dreifaltigkeitskirche in Gelsenkirchen in theologisch korrekter Abwandlung an die berühmte Sentenz: "An Gott kommt keiner vorbei, auch nicht Reinhard Libuda." Dass Libuda auf ewig unvergessen bleiben wird, zeigte auch am 31. August 1993 Sat.1-Reporter Jörg Dahlmann in der Sendung "ran". Als er Jay-Jay Okochas unglaubliches Slalom-Tor feierte, rief Dahlmann laut ins Mikrofon: "Ekstase im Waldstadion! Das haben wir seit Libuda nicht mehr erlebt. Das ist das Beste, was der Fußball bieten kann. Oh, wie ist das schön, oh, wie ist das schön!"

Skurriles Eigentor: Als Schalke 04 das letzte Mal in der Bundesliga jubelte
Der Schalker Bundesliga-Skandal, der verhinderte, dass eine überragende königsblaue Mannschaft geschlossen auf dem Platz stehen und um den Titel kämpfen konnte, und schließlich auch zur Flucht von Libuda nach Straßburg führte, war eine weitere Zäsur im Leben des Haverkamper Jungen, der seine Heimat eigentlich nie verlassen wollte. Der schleichende Abstieg des Reinhard Libuda begann. Erwin Kremers erinnert sich: "Traurig ist, dass der Stan sich nicht hat helfen lassen, als es ihm nach seiner Karriere schlecht ging. Mein Zwillingsbruder Helmut hatte früher einen besonders guten Draht zu ihm, aber auch er hatte keine Chance. Der Stan ließ keinen an sich ran."
"Einer wie er, mit diesen Fähigkeiten, hätte nach der Fußball-Karriere dreimal ausgesorgt haben müssen. Doch dafür hätte er die richtigen Berater an seiner Seite gebraucht. Aber ich werde den Stan als Riesenfußballer in Erinnerung behalten. Und als einen feinen Kerl", sagt Wolfgang Overath heute. Als Libuda vor dreißig Jahren am 25. August 1996 im Alter von nur 52 Jahren nach einem Schlaganfall starb, hatte er zuvor lange Zeit auch von der Arbeitslosenhilfe gelebt. Für die ehemaligen Mitspieler des einstigen Wunderkindes ist das immer noch nur schwer zu ertragen. Am heutigen 10. Oktober hätte Reinhard "Stan" Libuda Geburtstag gefeiert. Nicht nur im Revier wird er auf ewig unvergessen bleiben. Glück auf!



