Zinedine Zidane rannte vor ein paar Tagen wie von Sinnen die Seitenlinie entlang und schoss dann einen auf einem Hütchen liegenden Ball mit Karacho durch die Lüfte. Was war passiert? Sein Spieler der französischen Nationalmannschaft, Michael Olise, hatte zuvor einen "außergewöhnlichen Spielzug" (Zidane) mit dem späten Siegtreffer gegen Belgien gekrönt. Sein Trainer, der frühere Weltklassespieler, wusste in diesem Moment genau, was er an seinem Starakteur auf dem Platz hat. Einen Mann, der in engen Partien genau diesen einen Unterschied machen kann, der ein Spiel ganz alleine entscheidet.
Thomas Tuchel strahlte nach der Begegnung der Engländer in Kroatien. Sein Spieler Harry Kane hatte nicht nur wieder einmal zwei Tore selbst geschossen - darunter den wichtigen Führungstreffer bereits in der achten Minute -, nein, er hatte sich mit seinem Doppelpack auch den nächsten Rekord gesichert. Der Spieler des FC Bayern München ist jetzt der erste Engländer, der in drei verschiedenen Jahren mindestens zehn Tore für seine Nationalmannschaft erzielt hat. Kurzum: Auf Harry Kane ist Verlass. Immer. Er trifft und trifft und trifft - und macht damit den Unterschied.
Bundestrainer Jürgen Klopp hatte einen Plan, als er für die vier zurückliegenden Länderspiele 44 Spieler in zwei Kader aufteilte. Eine Idee, die erst einmal eigenartig klang, aber aus der brenzligen Situation, in der sich der deutsche Fußball aktuell befindet, geboren war. Klopp hat diese spezielle Lage einfach erst einmal so akzeptiert und das Beste daraus gemacht. Klopptypisch eben ("in Extremsituationen muss man ideenreich sein. Den Junggesellenabschied eines Kumpels haben wir im Nikolaus-Kostüm gefeiert. Voll maskiert"). Er hat nicht geklagt, sondern kreativ gedacht. Das haben die Fußballfans in Deutschland in großer Eintracht honoriert - ohne möglicherweise ganz zu verstehen, warum Klopp diesen Schritt tatsächlich ging.
Deutschland hat ein grundlegendes Problem
Zu seinen Akteuren hat er vor der ersten Partie in den Niederlanden gemeint: "Viele sagen, Deutschland habe keine guten Spieler mehr. Ihr könnt jetzt zeigen, dass wir davon sogar noch eine ganze Menge haben!" Und tatsächlich. Nach den ersten vier Begegnungen unter Klopp als Bundestrainer haben alle gesehen, dass es in Deutschland durchaus eine Vielzahl von sehr begabten Spielern gibt. Einige echte Überraschungen waren sogar dabei. Akteure, die kaum jemand kannte, die aber soviel Spaß, Einsatz, Leidenschaft und Können auf den Platz legten, dass es eine wahre Freude war, ihnen zuzuschauen.
Vermutlich aber hatte Klopps Mammutkader auch eine andere Bewandtnis: Er und sein Team hatten möglicherweise bereits vor den ersten Partien erkannt, dass in Deutschland aktuell eine Schwierigkeit existiert, die man weder wegdiskutieren noch wegzaubern kann: Es gibt einfach nicht den einen echten Unterschiedsspieler wie in anderen Nationen oder bei vielen Mannschaften auf Vereinsebene. Eine Erkenntnis, die auf den ersten Blick tatsächlich erst einmal erschreckend wirken kann, aber womöglich für die Art von Fußball, die Jürgen Klopp spielen lässt, beziehungsweise spielen lassen kann, gar nicht einmal so furchtbar gravierend sein muss.
Für eine heiße Truppe geht Klopp auch "in den Knast"
Denn Klopp hatte schon vor der ersten Partie seinen Spielern eine Sache mit auf den Weg gegeben: "Jeder muss dem anderen helfen, keiner wird allein gelassen." Und genau so hat die deutsche Nationalmannschaft eigentlich in jeder der vier Begegnungen auch gespielt. Mit viel Einsatz und Herzblut und stets dem Gedanken im Kopf, dass es nur gemeinsam gehen kann. Denn eine Sache ist auch klar: Die Diskussionen über Joshua Kimmich oder den einen oder anderen Spieler sind so überflüssig wie nutzlos. Der Bundestrainer und sein Team haben in den letzten Wochen genau gesehen, wer zu der Art von Vollgas-Fußball passt, die Klopp mit ganzem Einsatz spielen lässt. Und um das vorwegzunehmen: Natürlich gehört auch ein Joshua Kimmich dazu!
Zum Autor
- Ben Redelings ist ein Bestseller-Autor und Komödiant aus dem Ruhrgebiet.
Jüngst ist das Buch "Ein Tor würde dem Spiel guttun. Das ultimative Buch der Fußball-Wahrheiten" frisch in einer aktualisierten und erweiterten Neuauflage erschienen.
Mit seinen Fußballprogrammen ist er deutschlandweit unterwegs. Infos und Termine auf www.scudetto.de.
"Meine Jungs sind Mentalitätsmonster", hat Jürgen Klopp in der Vergangenheit häufig stolz über seine Spieler gesagt. Und genau das hat man in den überwiegenden Minuten der Partien der DFB-Elf in den letzten vier Spielen schon gesehen. Die Spieler folgen dem Bundestrainer. Er hat dieses Talent, alle mitzunehmen bei seiner Mission ("Ich kann Schütze Arsch im zwölften Glied sein und bin trotzdem wichtig, weil auch ich meinen Auftrag und meine Rolle habe"). Klopp geht dabei selbst mit allerbestem Beispiel als Vorbild voran, wie er es einst als BVB-Trainer mit folgenden, markanten Worten beschrieb: "Sie fragen mich, wie motiviert die Spieler sind? Ich kann nur eine Aussage darüber treffen, wie motiviert ich bin. Und wenn man das in Flaschen abfüllt, dann kommt man in den Knast, wenn man es verkauft."

Bitterer VAR-Eingriff kassiert einziges DFB-Tor
Die anderen Nationen mögen echte Unterschiedsspieler in ihren Teams haben, die deutsche Nationalmannschaft wird dies in Zukunft mit einem einzigartigen Mannschaftsgeist und einem ambitionierten Jürgen-Klopp-Vollgas-Fußballsystem ausgleichen. Ähnlich wie vielleicht Spanien. La Furia Roja hat zwar einen Lamine Yamal, aber sie funktioniert seit vielen, vielen Jahren stets vor allem über ihr System und die hohe Qualität vieler einzelner Spieler. Und das ist die gute Nachricht nach den ersten vier Länderspielen unter dem neuen Bundestrainer: Auch wenn möglicherweise der eine Unterschiedsspieler fehlt - eine Menge richtig guter Kicker hat die deutsche Nationalmannschaft in jedem Fall. Und die werden gemeinsam bei den nächsten Spielen wachsen und reifen. Man darf sich schon jetzt darauf freuen!



