Sport
Lars hat der russischen Sprache ein neues Wort geschenkt.
Lars hat der russischen Sprache ein neues Wort geschenkt.
Dienstag, 26. Juni 2018

Found in Translation: Wie Lars ein neues russisches Wort erfand

Von Katrin Scheib

Soll man nach Russland reisen, der politischen Lage zum Trotz? Für Lars ist die Antwort ein klares Ja, nicht nur während der WM. Der 40-Jährige ist transgender und musste Russland verlassen, um ein freies Leben zu führen. Nun hilft er anderen, seine Muttersprache zu lernen.

Diese Geschichte hat nur am Rand mit der Fußball-Weltmeisterschaft zu tun. Es geht um Russland und Deutschland, um Freiheit und Zwang, um Fußball, Familie und immer wieder um Sprache.Vor allem aber geht es um Lars.

"Als ich zehn oder so war in dieser Stadt, 400 Kilometer von Moskau, als ich damals noch in dem anderen Körper war und als Mädchen gelebt habe, habe ich Fußball geliebt. Ich habe immer trainiert in unserem Innenhof – da war so ein asphaltiertes Feld für alles, auch um Autos zu parken. Da habe ich alleine gespielt mit einem Fußball, und da haben schon alle gesagt: Wie, ein Mädchen, das Fußball spielt? Die gehört hier aber nicht hin! Aber das war mir scheißegal.

Lars wurde in Russland geboren und wuchs dort auf. Heute lebt er in Berlin.
Lars wurde in Russland geboren und wuchs dort auf. Heute lebt er in Berlin.(Foto: Babbel)

In dem gleichen Hof, wo ich immer Fußball gespielt habe, habe ich mich mit elf in ein Nachbarsmädchen verliebt. Das war so 1990 oder 1989, wir hatten kein Internet, keine Zeitschriften, wo Jugendliche etwas über Sexualität erfahren konnten. Und dann verliebe ich mich da in ein Mädchen und bekomme mit, oh, eigentlich ist das falsch. Da darf ich wohl nicht drüber reden."

Wer auf Russisch von sich erzählt, muss dabei öfter als im Deutschen etwas über sein Geschlecht aussagen. Auf Deutsch sagt eine Frau genau wie ein Mann "ich bin froh" oder "ich bin traurig", auf Russisch gibt es für diese Adjektive jeweils eine weibliche und eine männliche Form. Selbst wer etwas getan hat, muss sich dafür ein Verb aussuchen, dessen Endung zu seinem Geschlecht passt. "Gestern habe ich Fußball gespielt" klingt in Russland für Männer und Frauen unterschiedlich, auf Deutsch nachempfunden vielleicht so: Ich als Mann habe gestern Fußball gespielt. Ich als Frau habe gestern Fußball gespielt.

"Ich habe jetzt ein großes Problem"

Was nach einer willkürlichen Grammatikstunde klingt, war für Lars in seiner Kindheit entscheidend. Egal, wie Familie und Bekannte ihn sahen und nannten, er wusste es besser, und er wusste auch: Darüber kannst du hier nicht reden. Was blieb, war Lars' Tagebuch, in dem er selbstverständlich männliche Formen benutzte, wenn er über sich schrieb. Bis seine Großmutter es fand.

"Das sieht heute lustig aus, da sind noch Micky-Maus-Aufkleber drin aus Kaugummipackungen, die allerersten in der Sowjetunion. Und dann kam die Pubertät, und ich habe mitbekommen: Ich habe jetzt ein großes Problem. Vorher bist du ein Kind, aber dann entwickelt sich dein Körper biologisch in eine Richtung... das war sehr schmerzhaft. Denn klar, ich wollte keine Brüste bekommen.

Ich habe in mein Tagebuch nicht alles reingeschrieben, weil ich immer Angst hatte, dass es entdeckt würde. Aber ein paar private Gedanken sind schon drin, und ich schrieb damals schon über mich in der männlichen Form: "Komu nuschen ja", wer braucht mich? Frauen müssten da ja "nuschna" schreiben. Das waren schon philosophische Fragen. Aber genau so auch, oh, heute waren wir mit ein paar Mädels rumhängen, wir Jungs. Solche Stellen habe ich unter dem Druck, als mein Tagebuch entdeckt wurde, dann umgeschrieben, in die weibliche Form. Mir war das peinlich, und ich wollte das Ganze "durchstreichen", um mich zu schützen. Meine Oma hat auch Alarm geschlagen bei meiner Mutter und hat gesagt: Da stimmt was nicht mit deinem Kind, wir müssen was tun."

Hintergrund
  • Lars' Familie lebt bis heute in Russland. Um sie zu schützen, möchte er seinen Nachnamen und den Namen seiner Heimatstadt nicht erwähnen.
  • Seit dem Jahr 2013 gilt in Russland ein Gesetz, das es verbietet, gegenüber Minderjährigen „Propaganda für nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen“ zu machen.
  • Das Gesetz zielt zwar vor allem auf Schwule und Lesben ab, trägt aber darüber hinaus zu einem Klima bei, in dem jedes Abweichen von der gesellschaftlichen Norm ein Risiko birgt – eine Situation, die durch den Einfluss der orthodoxen Kirche noch verschärft wird.
  • So sind auch Menschen, die transgender sind, in Russland viel Druck und oft sogar Gewalt ausgesetzt. Ein Gesetz aus dem Jahr 2015 etwa verweist auf Transgeschlechtlichkeit als Grund, jemandem zu verbieten, Auto zu fahren – angendet wird es darauf aber nicht. Im vergangenen Jahr forderte ein Duma-Abgeordneter, Ausländern, die transgender sind, die Einreise nach Russland zu verweigern.

Sprache ist der rote Faden, der sich durch Lars' Leben zieht. Erst das Hin und Her zwischen den männlichen und weiblichen Formen im Russisch seiner Kindheit und Jugend, dann seine vielsprachige Studentenzeit: Während des Englisch- und Russischstudiums lernte er gleichzeitig Deutsch, belegte Fernkurse am Moskauer Goethe-Institut und zog dann direkt nach dem Uni-Abschluss nach Heidelberg. Ein neues Studium, wieder Sprachen, diesmal Romanistik und Deutsch.

"Der Mond ist aufgegangen"

Wer Lars fragt, was er heute alles spricht, bekommt eine lange Antwort: Russisch, Englisch und Deutsch natürlich, Spanisch, ein bisschen Französisch und Italienisch, außerdem etwas Litauisch... Seit einigen Jahren arbeitet er nun in Berlin bei Babbel, einer App zum Sprachenlernen. Lars ist ihr Mann fürs Russische.

"Damals wurde ein Editor gesucht, der die Kurse auf didaktischer Ebene konzipiert. Ich habe mich beworben, die Stelle bekommen, das heißt, ich bin vom Anfang der Russischkurse dabei. Ich bin Autor und Redakteur, schreibe Manuskripte und konzipiere sie. Sprachen lernen, das öffnet dir Grenzen, du lernst andere Kulturen kennen, und du lernst dich selber kennen. Gender zum Beispiel, wie geht man mit dem Genus um.

Ganz einfaches Beispiel: Der Mond ist aufgegangen – das ist ein Mann, im Deutschen, im Russischen ist das eine Frau. Oder der Turm. Als ich zum ersten Mal den Eiffelturm gesehen habe – das war für mich eine Frau im Nebel, die ein Abendkleid trägt. Baschnja, Turm, ist auch auf Russisch weiblich. Auf Deutsch aber nicht."

Nach der Geschichte mit seinem Tagebuch suchte Lars' Mutter nach Hilfe für ihr Kind, mit dem ihrer Meinung nach etwas nicht stimmte. Zwischenzeitlich stand sogar im Raum, dass er in einer geschlossenen Psychiatrie untergebracht werden sollte. Daran erinnert sich Lars bis heute.

"Wir waren beim einzigen Arzt in unserer Region, der sich auskannte mit solchen sogenannten Krankheiten wie Homosexualität oder Transsexualität. Sein Ansatz war, dass er dich von einer Krankheit heilen will, per Aversionstheorie. Aber das Positive daran war, dass er wirklich schon damals mit mir gesprochen hat und festgestellt hat, dass ich transsexuell bin, nicht homosexuell – das finde ich heute noch interessant, die Diagnose war richtig.

Das Gebäude sah aus wie eine typische Psychiatrie, dicke Wände aus Ziegelsteinen, Gitter vor den Fenstern. Die Behandlung hätte dort zwei Jahre gedauert und viel Geld gekostet. Dann haben wir gesprochen, meine Mutter und ich – und klar, sie kannte sich nicht aus, hat sich Sorgen gemacht und gesagt: Was machen wir jetzt? Dann habe ich gesagt, okay, ich versuche, mich anzupassen an die Gesellschaft. Denn das waren die zwei Möglichkeiten: mich anzupassen oder in die Klinik zu gehen."

Lars versuchte, sich umzudenken, als Mädchen

Lars trug Röcke, Lars schminkte sich, Lars versuchte, sich umzudenken, als Mädchen. Es war die Zeit, in der ihm neben seinem Tagebuch auch ein Klassiker der russischen Literatur half, Michail Bulgakows "Der Meister und Margarita". So, wie dort Gut und Böse nicht das sind, was sie anfangs scheinen, kam er zu dem Schluss, dass auch in seiner Welt gut und böse, richtig und falsch anders verteilt waren, als man es ihm weismachen wollte. Als er mit 18 seine erste Freundin hatte, war das ein Wendepunkt.

Das war für mich einfach eine wunderbare Zeit, das hat ganz viele Grenzen zersprengt. Und ich dachte mir: Okay, ich bin hier zwar in diesem falschen Körper*, aber ich kann trotzdem Frauen lieben. Das war eine Erlösung für mich: Dann lebe ich zwar weiterhin mit diesem Problem, habe aber etwas Neues über mich entdeckt und kann versuchen, damit irgendwie klar zu kommen.

Bilderserie

Wir mussten uns verstecken, um Liebe machen zu können – manchmal musste man in den Schnee bei minus zehn Grad. Du hast keinen privaten Raum, höchstens die paar Stunden, wo deine Eltern bei der Arbeit sind. Später hatte ich dann eine andere Beziehung, und natürlich haben wir uns auch versteckt, aber trotzdem gab es Gerüchte. Meine Mutter bekam dann bei der Arbeit so komische Fragen zu hören: "Sag mal, deine Tochter, ist die lesbisch oder was?" Das war für sie wie eine Ohrfeige.

Der Schritt nach Deutschland war ein Schritt in die Freiheit – was nicht heißt, dass plötzlich alles leichter wurde. Nicht ein Coming-Out, sondern zwei hat Lars seitdem hinter sich: erst erzählte er seiner Familie, dass er Frauen liebt, er nennt das noch heute sein lesbisches Coming-Out. Später, in einem Gespräch mit seiner damaligen Freundin über Lars' ständige Eifersucht, wurde ihm klar, dass er erst den halben Weg gegangen war.

"Sie hat gesagt, deine Eifersucht, die ist nicht gesund. Das war ein Anstoß, ich habe über mich nachgedacht und gemerkt: Tatsächlich, ich bin eifersüchtig auf Männer, ich möchte wie die sein. Und plötzlich kamen die ganzen 20 Jahre wieder hoch seit dem Moment damals mit 13, bei dem Arzt, und ich hab seitdem immer nur geschluckt, geschluckt, geschluckt.

Dieses Erkennen: Ich bin doch transsexuell, ich bin gar nicht lesbisch, das kam aus dem Gespräch mit meiner heutigen Ex-Freundin. Das war wie ein Wunder, dass sie da so tief gegraben hat und diesen Schmerzpunkt da rausgeholt hat, den ich damals schon hatte, mit 13. Und dann ging es rasant: Zack, zack, einen Psychologen gefunden hier in Berlin, sofort die psychologische Behandlung angefangen, was wirklich kompliziert ist in Deutschland. Aber ich habe das alles sehr schnell hinter mich gebracht, das Glück haben nicht alle."

Nicht alle in Deutschland, und nur sehr wenige in Russland. Lars' Verhältnis zu seinem Heimatland ist kompliziert. Einerseits ist ihm bewusst, wie sein Leben aussähe, wenn er heute noch dort lebte, und welchem Druck dort Menschen ausgesetzt sind, die nicht den rigiden Vorstellungen einer immer konservativer werdenden Gesellschaft ausgesetzt sind. Andererseits ist es ihm wichtig, dass sich Menschen treffen und sich austauschen. Lars glaubt an Sprache als Mittel zur Begegnung.

"Wenn man ins Land fährt, hat man vielleicht Glück, dass man auf progressive Russen trifft und mit denen Wodka trinken geht, tolle Gespräche hat und sieht, wie diese Menschen sich für Freiheit einsetzen und nicht nur für die Rechte von LGBT-Leuten, sondern von allen kämpfen. Es gibt viele von diesen Menschen, und es wäre schade, wenn man diese Seite von Russland nicht auch kennenlernen würde.

"Versuchen zu reden, das ist wichtig"

Man spricht immer über dieses Russland, wer soll das sein? Für mich gibt es dort konkrete Menschen. Es gibt Putin, es gibt andere Politiker, es gibt Oligarchen. Aber das ist nicht ganz Russland, Russland ist Tschaikowski, Mussorgski, Tolstoi, Puschkin, es gibt ein solches kulturelles Fundament. Also: unbedingt hinreisen, Russland für sich entdecken, und versuchen zu reden, das ist wichtig."

Bei seiner Arbeit an Russischkursen für Online-Lerner leistet sich Lars hier und da gerne einen kleinen Seitenhieb. Zum Beispiel beim Kapitel "Ich bin verheiratet". Auch da gibt es im Russischen wieder unterschiedliche Formen. Ein Mann sagt "ja schenat", man könnte das grob mit "ich bin beweibt" übersetzen. Eine Frau sagt "ja samuschen", übersetzt in etwa "ich stehe hinter einem Mann". Wörter, die voraussetzen, dass ein Mann immer nur eine Frau und eine Frau immer nur einen Mann heiraten kann. Zum Bebildern des Kapitels hat Lars allerdings die Hände zweier Frauen ausgewählt, beide mit Ehering.

Vor der Fußball-Weltmeisterschaft ist er aus seiner Lehrerrolle ein wenig herausgeschlüpft, hat Sprache nicht mehr nur abgebildet, sondern verändert: In Zusammenarbeit mit einer Kollegin entstand eine Werbekampagne für Russischkurse, die mal zwei verheiratete Männer und mal zwei verheiratete Frauen zeigt. "Ja samuschen", steht neben den Männern. "Ja schenata" neben den Frauen. Ein Wort, dass es nicht gab, bis Lars es erfand. Er hofft, dass die Kampagne Leute dazu bringt, Russisch zu lernen, die Sprache seiner Heimat - die er selbst schon lange nicht mehr besucht hat.

"Seit drei Jahren bin ich nicht mehr in Russland gewesen, weil ich wirklich Angst habe. Angst, ohne Grund eingesperrt zu werden. Inzwischen nicht mehr so, weil meine Dokumente und mein Aussehen jetzt übereinstimmen, als Mann. Vor drei Jahren durfte ich einen deutschen Pass beantragen, habe dann auch meinen Namen ändern lassen und habe jetzt einen deutschen Pass als "Herr Lars...". Das war eine sehr bewusste Entscheidung, man muss den russischen Pass dann abgeben. Aber ich habe mich für den deutschen entschieden, weil er mir meine Freiheit gibt."

"Formulierungen wie 'im falschen Körper' sind unter Menschen, die transgender sind, umstritten. Während Lars es so erlebt hat, lässt sich diese Erfahrung nicht verallgemeinern. Mehr zum Thema kann man hier nachlesen."

Quelle: n-tv.de